Energiestories – Part III.2: Richtiger Hunger – Die Rehabilitations-Phase & Moderne Diäten

Energiestories – Part III.2: Richtiger Hunger – Die Rehabilitations-Phase & Moderne Diäten

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Von Damian N. Minichowski

Rekapitulation

Für diejenigen die den letzen Part verpasst haben, sei uns noch einmal in Erinnerung gerufen an welchem Punkt der Geschichte wir stehen geblieben sind: Das Minnesota Starvation Experiment war eine Studie, die unter der Leitung des amerikanischen Wissenschaftlers Ancel Keys  gegen Ende des 2. Weltkriegs durchgeführt wurde:

36 männliche Probanden wurden in einem Zeitraum von 6 Monaten systematisch heruntergehungert (-25 % des Körpergewichts), nur damit man die Auswirkungen einer Hungerkatastrophe („semi-starvation“) direkt am menschlichen Objekt studieren konnte.  Keiner der Studienteilnehmer hatte zu dem Zeitpunkt wohl geahnt, worauf er sich da eingelassen hatte, doch andererseits ließ man den Männern – die allesamt den Dienst an der Waffe aus religiösen oder moralischen Gründen verweigert hatten – keine Wahl.

Die genauen Auswirkungen der 6-monatigen „Hungerphase“ könnt ihr ausführlich im ersten Part nachlesen (dort findet ihr auch einige visuelle Eindrücke des MSE). Die ehemals fitten, gesunden Männer, die sich im besten Alter befanden waren  am Ende des Experimentes nur noch Schatten ihrer selbst – ausgemergelte Gestalten (KFA im Schnitt ↓ auf 5 %). Sie waren schwächlich auf den Beinen, permanent müde, verfügten über eine mieserable Ausdauer und waren obendrein psychisch labil. Die Körperkerntemperatur sank von 37°C auf 35,44 °C und sie beklagten sich bei den kleinsten Wetterumschwüngen über Kälte. Sie tranken Unmengen an Kaffee und Wassser, um dem Hunger zu begegnen und sie wurden regelrecht obzessiv, wenn es um Essen und Nahrung ging (Sie schauten sich Essensbilder so an, als ob sie auf Pornographie starren würden).

Der letzte Abschnitt des MSE umfasste eine „restricted rehabilitation period.“ Es handelte sich um eine 3-monatige Rehabilitationsphase, die unter Aufsicht der verantwortlichen Wissenschaftler durchgeführt wurde. Das Ziel bestand darin, herauszufinden, wie man halbverhungerte Menschen am besten wieder „aufpäppeln“ konnte (Wir erinnerin uns: Europa lag zu der Zeit in Trümmern und man konnte davon ausgehen, dass die hier gewonnen Ergebnisse schon bald mehr als nur relevant sein würden).

Energiestories – Part III.2: Richtiger Hunger – Die Rehabilitations-Phase & Moderne Diäten

Die restringierte & unrestringierte Rehabilitations-Phase

Die kontrollierte Rehabilitations-Phase umfasste drei Monate, in denen die Kalorienzufuhr minimal erhöht wurde (zum Ende der Semi-Starvation Phase lag sie im Durchschnitt bei 1.500 kcal). Man teilte die Männer in drei Gruppen auf, wobei jede Gruppe eine unterschiedlich gestaffelte kcal-Zufuhr erhielt – keiner der Männer wusste, ob er nun in der Gruppe gelandet war, die die höchste Kalorientagesmenge pro Tag bekam oder ob er in derjenigen war, die die niedrigste Menge erhielt. Kurioserweise vermutete beinahe jeder von ihnen, dass er in die Gruppe mit der niedrigsten Energiezufuhr gepackt wurde.

Nach knapp 6 Monaten des Hungerns hatte sich jeder von ihnen auf die Rehabilitations-Phase gefreut und jene Tage sehensüchtig erwartet, doch als sie vor vollendeten Tatsachen standen, schien ihnen die dürftig erhöhte kcal-Zufuhr wenig Frohsinn zu bringen. Konkret heisst das:

  • Keiner der Teilnehmer verspürte Erleichterung, da die Zufuhr noch immer (in ihren Augen) sehr gering war ; die Probanden hatten nicht einmal das Gefühl, mehr zu essen zu bekommen, als in der vorherigen Testphase.
  • Fortschritte in der Rehabilitation stellten sich nur sehr langsam sein ; auch das Gewicht stieg nur widerwillig und sehr langsam ; die Probanden nahmen sogar in der Anfangsphase ab, als sich die Ödeme in den Beinen (Wassereinlagerungen) zurückbildeten
  • Die Probanden waren noch immer wie besessen von Gedanken an Essen und Nahrung.
  • Mit der Zeit verringerte sich der Heißhunger und die Stimmung der Probanden frischte auf

Ursprünglich war die Studie auf 1 Jahr (3 Monate Halte-Phase ; 6 Monate Semi-Starvation-Phase ; 3 Monate Rehabilitations-Phase) ausgelegt, doch einige Porbanden blieben noch freiwillig für die 8-wöchigen unrestringierte Rehabilitations-Phase. In dieser Zeitperiode durften die Probanden das essen, worauf sie Lust hatten. Sie durften auch so oft und soviel essen, wie ihnen beliebte.

Leute, wir reden hier von einem ausgehungerten Rudel Wölfe, denen vermutlich selbst jemand, der hardcore Intermittent-Fasting betreibt, nichts entgegenzusätzen hätte:

  • Es kam mehrmals vor, dass die sich Teilnehmer periodenweise soweit überfraßen, dass ihnen schlecht wurde ; einige aßen sogar dann noch weiter.
  • Im Durchschnitt konsumierten die Probanden 5.219 Kilokalorien PRO TAG ; einige brachten es auf 11.000 kcal PRO TAG
  • Die Gewichtszunahme (und der Körperfettanteil) stieg rapide an ; die meisten der zwölf Probanden, die noch in diesem Abschnitt des Experiments verblieben sind, nahmen mehr Gewicht zu, als sie initial zu Beginn des Experiments aufgewiesen haben (inkl. höherem KFA)

Kleine Anmerkung: Denjenigen, die danach nicht mehr in der unrestringierten Phase waren, erging es genauso.

Zusammenfasstung: Das Minnesota Starvation Experiment

  • 36 gesunde und fitte Männer im besten Alter, deren Bedarf bei knapp 3.200 kcal/pro Tag lag, unterzogen sich in einer 6-monatigen Phase einer rigiden 1.500 kcal-Diät.
  • Während der Starvation-Phase („calorie restriction“) durchlebten die Männer zahlreiche Zustände, angefangen bei sexuellem Desinteresse zum anderen Geschlecht, bis hin zu Alpträumen (Kannibalismus), einer niedrigen Körpertemperatur, sowie unerträglichem Heißhunger (der sogar einige dazu brachte während des Experiments zu schummeln) ; gleichzeitig sanken die Konzentrationsfähigkeit, die Koordinationsfähigkeit, die Ausdauer und die Körperkraft auf ein erschreckend niedriges Niveau
  • Die 3-monatige, kontrollierte Rehabilitations-Phase brachte nicht die gewünschten Erfolge hinsichtlich der Regeneration der Studienteilnehmer
  • Die 8-wöchige, unkontrollierte Rehabilitations-Phase war gekennzeichnet durch Überfressen und Heißhungeranfälle, die soweit gingen, dass die Studienteilnehmer nicht nur ihr Anfangsgewicht erreichten, sondern noch höher im Gewicht (und Körperfettanteil) stiegen.

Parallen zum heutigen Diätverhalten der Menschen

Man muss nicht einmal viel Fantasie mitbringen, um die erschreckende Ähnlichkeit zu heutigem Diätverhalten zu finden –  im Volksmund herrscht doch der abstruse Glaube, man müsse einfach nur weniger Essen um abzunehmen.

Konzepte wie „Friss die Hälfte“ sind neben dem traditionellen „Dinner Canceling“ weit verbreitet. Wer schnelle Ergebnisse will, der geht sogar einen Schritt weiter und verzichtet im Extremfall ganz (oder zu großen Teilen) auf die Nahrungszufuhr – der sichere Schritt in die Magersucht oder der erste Ziegel in ein generell gestörtes Verhalten zum Thema Essen ist damit gelegt.

Dabei sind die im MSE veranschlagten 1.500 kcal vermutlich noch zu ertragen, wenn man mal das generelle Arbeitspensum der Studienteilnehmer vernachlässigen würde. Die Studienteilnehmer haben immerhin keine Twinkies, Oreos und Fertigpizzen gegessen, sondern richtige Nahrung (Nudeln, aber auch viel Gemüse – also volumenreiche Kost).

Die von den Studienteilnehmern erlebten Symptome dürften jedem, der sich schon einmal in einer Diät befand, nicht gänzlich unbekannt sein. Letztens habe ich sogar eine  Studie gelesen, die sich mit Männern beschäftigt hat, die in ihrem Leben harte Diäten durchgeführt haben: Der permanente Gedanke ans Essen – im Wachzustand und im Schlaf – war eine der vielen Gemeinsamkeiten, die die Männer verband. Andere haben sich sogar beruflich umorientiert, wälzten Kochbücher und strebten Karrieren als Köche an. Ihre ganze Gedankenwelt war auf Essen, Lebensmittel und Kochen fixiert.

Doch was für Parallelen lassen sich noch ausfindig machen?

  • Heutige Diäten haben meistens den Endzweck das Körpergewicht des Diäthaltenden zu reduzieren – ganz so wie im MSE beabsichtigt
  • Man behilft sich der probaten Methode der „Kalorienrestriktion“ („calorie restriction“) ; das heisst: die Energiezufuhr wird gesenkt
  • Diäthaltende, sowie Studienteilnehmer sind mit gewissen psychischen Effekten konfrontiert, die ein rigoroses Beschneiden der Energiezufuhr mit sich bringt (Heißhunger, Alpträume/Träume vom Essen, Konzentrationsschwierigkeiten)
  • Eine Diät wird häufig mit einer höheren physischen Aktivität (Sport) kombiniert, um das gewünschte Ergebnis noch schneller herbeizuführen (Gehen im Experiment Vs. typisches exzessives Cardio im heutigen Kontext)
  • Die Selbstkontrolle und Willensstärke wird auf eine harte Probe gestellt. Das Ergebnis entscheidet über triumphalen Sieg oder katastrophale Niederlage
  • Weitere Nebeneffekte: Essensgelüste, ein kaputter Stoffwechsel (erniedrigte Körpertemperatur), Verlust der Libido – in unterschiedlichem Ausmaß
  • Diäthaltende, sowie Probanden verlieren im Zuge der CR an Gewicht und Körperfett
  • Im Falle der Rückkehr zu alten Essgewohnheiten/Aktivitätsleveln tritt ein Jojo-Effekt auf, der das Gewicht und den Körperfettanteil im ungünstigsten Fall noch weiter ansteigen lässt, als zu Beginn

Kalorienrestriktion – Was tust du mir an?!

Kalorienrestriktion scheint daher ein „effektives Mittel“ zu sein, wenn es darum geht das eigene Körpergewicht und/oder den Körperfettanteil temporär zu senken.  Es erscheint logisch, dass man für den Abnahmeprozess mehr Energie verbrauchen muss, als man im Tagesverlauf zuführt. Aber ganz so einfach scheint es doch nicht, denn auf dem Pfad „in eine schlankere Zukunft“ lauern eine Menge Tücken und Fallen. Die Folgeschäden, die durch eine rigide Diät (darunter fallen auch WK Diäten) entstehen, können auch viele Jahre danach Nachwehen zeigen: In einem Interview am Ende des Buches, dass vom Autor T.Tucker geführt wurde, gab einer der Studienteilnehmer zu, dass er noch immer unter den Auswirkungen des MSE zu leiden habe (und das nach wievielen Jahrzehnten?!).

Und jeder von euch kennt die Erzählungen der Großeltern, die wohlmöglich im Krieg aufgewachsen sind oder in den Trümmern Europas groß wurden – Lebensmittel werden noch heute gehortet, Essen wird nicht weggeschmissen ; obzessive Gedanken an das Essen verfolgen einen sogar in den Schlaf, wo man entweder von Bruegel’s Schlaraffenland träumt oder von markerschütternden Alpträumen geplagt wird.  

Von Mr.Jekyll zu Dr.Hyde. Diäten _verändern_ Menschen. Trust me.

Ein weiterer Nebeneffekt, der auftreten kann: Der Sex Drive und das Interesse am anderen Geschlecht werden eher nebensächlich und auch die Anteilnahmefähigkeit sinkt – klar, warum auch nicht? Der Körper will in einer solchen Situation kein Socalizing betreiben, sondern in erster Linie das  Überleben sichern. Für ihn handelt es sich um keine kontrollierte Situation und der Körper weiß auch nicht, dass sein Wirt sich eigentlich gar nicht in einer Nahrungsmittelknappheit befindet (und das es nach der Diät wieder was zu Essen gibt). Für ihn stellt dieser Augenblick eine Lebensbedrohung dar – und er trifft in diesem Fall alle nötigen Vorkehrungen, um dieses Schicksal abzuwenden.

Der Stoffwechsel wird heruntergefahren,  Reserven werden gehortet, der Überlebenswille wird aktiviert – der Körper befindet sich wortwörtlich im Krieg.

Am Ende der Diät wartet dann aber nicht nur Glanz und Glorie, denn mittlerweile haben einige Studien gezeigt, dass nur Wenige ihr Zielgewicht auch nach einer solchen Hungerkur halten können. Oftmals ist sogar das Gegenteil der Fall: die meisten bekommen mehr auf den Hüften, als sie ursprünglich mitgebracht haben, auch wenn man 1-2 Jahre das Gewicht noch halten kann. Der Kreislauf beginnt von Neuem.

Ist also sämtliche Mühe – wenn es um das Ziel „Abnehmen“ geht – vergebens und zum Scheitern verurteilt? Sollte man sich schulterzuckend und entspannt zurücklehnen und das nächste Stück Kuchen auf den Teller lade – und das alles in der Gewissheit, dass man so wenigstens ein (mehr oder weniger) glückliches Leben ohne psychische und physiologische Folgeschäden hinter sich bringen kann?

Watt? Natürlich nicht. Atmet auf, denn noch ist nicht alles verloren. Ohnehin wäre sonst die gesamte Seite hier eine Farce und ich würde keine Artikel zum Thema Kraftsport und Ernährung vom Stapel lassen (müssen).

Doch um den Text jetzt nicht restlos zu überladen, sparen wir uns die abschließenden Worte für den dritten Teil auf, in dem ich zunächst einige markante Punkte des Minnesota Experiments herausstellen werde, die für das katastrophale Erscheinungsbild der Probanden verantwortlichen gemacht werden können. Gleichzeitig liefert dies Indizien und Hinweise, wie man das Vorhaben „abzunehmen“ sinnvoll in Angriff nehmen kann, ohne sich dabei in die gleiche Sackgasse zu manövrieren (d.h. kaputter Stoffwechsel ; Verlust von Magermasse ; Gewichts-Rebound in Form des Jojo-Effekts).

to do: Energiestories – Part III.3: Richtiger Hunger – The Way to Go . Soon to come


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Über den Autor

Damian N. „Furor Germanicus“ Minichowski ist der Gründer und Kopf hinter dem Kraftsport- und Ernährungsmagazin AesirSports.de. Neben zahlreichen Gastautorenschaften schreibt Damian in regelmäßigen Abständen für bekannte Online-Kraftsport und Fitnessmagazine, wo er bereits mehr als 200 Fachartikel zu Themen Kraftsport, Training, Trainingsphilosophie, Ernährung, Gesundheit und Supplementation geschrieben hat.

Neben seiner langjährigen Tätigkeit als Fitnessberater im lokalen Studio, arbeitet Damian als Consultant für Nahrungsergänzungsmittelhersteller und beteiligt sich darüber hinaus an der Produktion und Entwicklung innovativer Supplemente.

Zu seinen Spezialgebieten gehört das wissenschaftlich-orientierte Schreiben von Fachartikeln rund um seine Passion – Training, Ernährung, Supplementation und Gesundheit.

Quellenangaben (draufklicken)

Tucker, T. (2008): The Great Starvation Experiment: Ancel Keys and the Men Who Starved for Science. 
University of Minnesota.

Harder. Better. Stronger. Faster (2011): The Great Starvation Experiment Part II. URL: http://rajganpath.com/2011/07/11/the-great-starvation-experiment-part-2/.

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