28 Stunden geschenkt – Und nun?

28 Stunden geschenkt – Und nun?

1 Kommentar

Von Andy Leuckert |

Das heutige Wort zum Sonntag stammt zur Abwechslung einmal nicht aus meiner Feder und es hat auch nicht zwangsweise sehr viel mit Kraftsport oder Bodybuilding gemein (jedenfalls oberflächlich betrachtet). Aber es geht um ein wichtiges – wenn nicht sogar DAS wichtigste Gut schlechthin: Unsere Zeit.

Der Ursprungstext erschien bereits vor einiger Zeit im Axt-Blog von Christian Zippel, bevor dieser vom Netz genommen wurde. Umso erfreulicher ist es, dass sich Andy Leuckert, der Autor dieses Textes, dazu entschieden hat den Text auf einer anderen Plattform zu veröffentlichen (die ja bekanntlich auch einiges von Zippels Esprit und seiner Essenz einfangen konnte)

28 Stunden geschenkt – und nun?

Die Deutschen sitzen im Durchschnitt 242 min pro Tag vor dem Fernseher.[1] Die Dauer verteilt sich dabei ungleich über das Alter und den Bildungsstand. Sicherlich sind hier auch weitere Unterscheidungskriterien zu finden, letztlich stellt dies hier jedoch keine statistische Auswertung dar. 242 min sind 4 Stunden eines 24 Stunden Tages. Um diese Zahl noch etwas eindringlicher wirken zu lassen rechnen wir diese auf eine Woche und erhalten: 28 Stunden! Etwas mehr als einen Tag pro Woche widmet der Deutsche dem medialen Konsum. Manche wünschen sich einen Tag mehr pro Woche – hier ist er…

Was geht in uns vor?

Es soll an dieser Stelle keine Pro & Contra Diskussion über Fernsehen stattfinden. Vielmehr soll von Beginn an das Argument entkräftet werden: „Dafür habe ich keine Zeit“. Diese 28 Stunden pro Woche werden in einem passiven Zustand verbracht, welcher das unglaubliche Potential unseres Körpers und unseres Geistes verschwendet. Der Mensch ist ein Wesen, das an Umweltreize adaptieren kann. Stark vereinfacht führt ein Reiz von außen zu einer Reaktion des Körpers: Er passt sich an. Wenn ein Muskel ein schweres Gewicht bewegen muss, wird er stärker. Wenn das Gehirn eine neue Handlung steuern muss, werden komplexere Verbindungen aufgebaut. Diese Anpassungen erlauben es uns, neue Leistungen zu erbringen und damit wiederum neue Reize zu setzen. Dies funktioniert bis zu einer gewissen Grenze, jedoch liegt diese fernab davon, wo die meisten sie vermuten. Grundvoraussetzung ist natürlich eine gewisse Gesundheit, ausreichend Nahrung und Schlaf.

Auch wenn diese Darstellung stark vereinfacht ist, spiegelt sie die grundsätzliche Möglichkeit eines Menschen wieder: Aktiv werden und daran wachsen. Fernsehen steht dieser Entwicklung jedoch entgegen. Es ist eine passive Haltung, die nichts hervorbringt und keine Leistung ermöglicht. Während wir also die Chance haben, unsere körperlichen und geistigen Potentiale zu ergründen, nutzen wir diese Zeit lieber um eigentlich nicht wirklich etwas zu tun aber auch nicht nichts zu tun. (Wirkliches Nichtstun kann dagegen nützlich sein und ist vor allem eine Quelle der Kreativität und Selbstfindung)

Wenn nun die Frage im Raum steht, was man denn sonst tun soll, nach einem langen Arbeitstag, neben dem Haushalt und den Kindern, dann ist dies eine Auswirkung dieses negativen Daseins. Das ständige Treiben und berauschen von außen vermindert zunehmend die Fähigkeit, selbst produktiv zu werden und sei es, eigene Gedanken oder Ideen hervorzubringen, z.B. was man mit seiner Zeit anfangen soll. (Es werden an dieser Stelle auch keine Hinweise gegeben…)

Zwangsläufig sind diese Aktivitäten mit Anstrengung verbunden. Deswegen stellt sich die Fragen: Warum dies alles und hat das überhaupt einen Sinn?

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Netzwerke

(Bildquelle: Pixaby /

Das menschliche Gehirn und sein neuronales Netz sind nicht statisch, wie lange Zeit angenommen, sondern plastisch. Unser Denken hat Einfluss auf die Gehirnstruktur. (Bildquelle: Pixaby / geralt ; Public Domain Lizenz)

Unser Gehirn ist ein riesiges Netzwerk. Tausende Nervenzellen sind miteinander verbunden. Die Adaption kann dabei auf zwei Weisen stattfinden: Die Bahnen werden neu angelegt oder verstärkt. Ersteres passiert wenn neue Tätigkeiten erlernt werden. Ein populäres Beispiel ist eine Studie zum Jonglieren. [2] Der Aufbau ist (vereinfacht) folgendermaßen zu beschreiben: Es werden einige Probanden ausgewählt, die nicht jonglieren können. Von deren Gehirne werden Aufnahmen durch einen Kernspintomografen gemacht.  Danach folgt ein mehrwöchiges Training. Durch das Üben werden die Probanden im Jonglieren besser. Eine weitere Auswertung im Kernspintomograf folgt dieser Übungsphase. Anschließend konnte festgestellt werden, dass sich die Netzwerke im Gehirn änderten. Sie reagierten auf die neuen Reize und stellte sich entsprechend darauf ein. Das Gehirn ist keine feste Substanz sondern in einem hohen Maße anpassungsfähig, bis ins hohe Alter.

In einer weiteren Studie wurden speziell ältere Menschen untersucht. [3] Dazu wurde ein Videospiel eingesetzt, der sogenannte „Neuro-Racer“. Dabei sollen die Probanden den Wagen durch eine Strecke lenken, gleichzeitig wurden sie aufgefordert, bei einem bestimmten Signal einen bestimmten Knopf schnell zu drücken. Ergebnis: Die geistigen Fähigkeiten verbessern sich. Vor dem Hintergrund des steigenden Fernsehkonsums im Alter bleibt die Frage offen, ob für diese Steigerung ein Computerspiel von Nöten ist, oder auch eine andere Aktivität zu diesem Ergebnis führen würde, z.B. jonglieren…

Die Umstrukturierungsprozesse im Gehirn sind von einer Reihe neurophysiologischer Prozesse begleitet. Zum einen wirkt bei der Neubildung von Nervenzellen stets der Wachstumsfaktor BDNF mit. Verschiedene Krankheiten, bspw. Depressionen, werden mit einem zu viel oder zu wenig des Wachstumsfaktors in Verbindung gebracht. Bedenkt man, dass sich Depressive häufig noch weiter zurückziehen und Aktivitäten nachlassen, ist hier wohlmöglich ein Teufelskreis zu erkennen.

Neben den Netzwerken im Gehirn sind sämtliche Aktivitäten ebenfalls förderlich für die soziale Vernetzung. Damit sind keine neuen Facebook-Freunde gemeint, sondern die Möglichkeit, die neu erlernten Fähigkeiten mit anderen Gleichgesinnten zu verbessern. Dies soll keinen Druck aufbauen. Es geht nicht darum Wettbewerbe zu gewinnen. Vielmehr sollen die Impulse der anderen zu neuen Sichtweisen anregen und somit fördern und nicht hemmen.

Im Flow der Tätigkeit

Der Begriff Flow, im psychologischen Sinne, wurde maßgebend von Mihály Csíkszentmihályi geprägt.[4] Es bezeichnet einen Zustand, bei dem eine Person in einer Tätigkeit aufgeht. Sie taucht in den Handlungsfluss ein und entwickelt eine starke Aufmerksamkeit, die weniger der uns bekannten Konzentration gleicht, als vielmehr dem buddhistischen Konzept der Achtsamkeit.

Auf Grund von Untersuchungen konnte einige Determinanten gefunden werden, die den Flow Zustand begünstigen. So sollte sich die Tätigkeit in einem bestimmten Maß zwischen Überforderung und Langeweile befinden. Für das Flow Erlebnis ist es jedoch nicht entscheidend, ob es sich um eine körperliche oder geistige Aktivität handelt. Es ist aber von grundlegender Bedeutung, dass überhaupt eine Tätigkeit vollführt wird. Wir müssen also aktiv werden. Aktivitäten die in einem Flow-Zustand vollzogen werden, führen dazu, dass das Bewusstsein geordnet wird. Gedanken, Aufmerksamkeit und Gefühle „fließen“ in eine Richtung und streben zum selben Ziel.

Jener Zustand ist das Gegenteil von psychischer Entropie, also der Zerstreuung der Gedanken. Diese führen zu einer negativen Stimmung, Gereiztheit, fehlende Konzentration usw. Unsere Aufmerksamkeit wird vom Objekt der Aktivität abgezogen und wir verstricken uns in Gedanken der Zukunft und Vergangenheit. Ein Flow-Zustand ist jedoch immer Jetzt! Dieser Zustand ordnet die Gedanken. Er ist erheblich für die Lebensqualität verantwortlich.

Es könnte fast so weit gegangen werden, dass Flow einen Sinn im Leben schafft. Es sind jene Tätigkeiten, die mit unseren Zielen, unseren Wünschen und unseren Fähigkeiten übereinstimmen. Es sind jene Tätigkeit, in denen wir wir selbst sind, und doch so sehr Aktivität selbst, das unser Selbst verschwindet. Das sind diese Momente, in denen für den Gitarrenvirtuosen die Sorgen und Ängste des alltäglichen Lebens verschwinden. Er taucht ein in die Musik. Es existieren keine einzelnen Noten mehr, sondern ein Kunstwerk, jede Sekunde ist die Stimme des Lebens. Es sind jede Momente, in denen der Dichter seine Welt erreicht, seine eigene, die Wörter ergeben keine Sätze, die Sätze füllen keine Seiten, es werden Geschichten gewoben. Es entspringt eine neue Welt, tausende Welten die alle ihren Ursprung und Ende haben. Und es sind eben auch solche Momente, in denen der Großvater mit dem Kind spielt, selber wieder Kind ist, selber wieder Vater wird, und wieder Großvater, das Leben begrüßt und Abschied nimmt. Alle Rollen sind ihm lieb, alle Zeit ist ihm recht. Kurz um sind diese Momente: Leben.

Der Begriff Flow wurde dabei sehr passend gewählt. Es ist im Leben wohl meist so: Wir stehen am Rand des Flusses und hören die das Rauschen und Plätschern, manchmal lauter, manchmal leiser. Aber dennoch sind wir kein Teil davon, sondern stehen nur Abseits, häufig mit dem Gedanken im Hinterkopf, ab morgen wieder teilzuhaben. Wenn wir jedoch in eine Tätigkeit eintauchen, wie in einen Fluss, dann schwimmen wir mit dem Leben, mit unseren Zielen und Wünschen. Wir sind im Flow. Niemand erlebt das beim RTL Abendprogramm!

Spuren im Sand

(Bildquelle: Flickr / Mike Baird ; CC Lizenz)

Wir entscheiden jeden Tag wie wir unsere Zeit verbringen. Diese Zeit ist unwiderbringlich und damit jeder Moment kostbar. (Bildquelle: Flickr / Mike Baird ; CC Lizenz)

Und dieses eine Gedicht berührt vielleicht eine Handvoll Seelen und lässt ihr Leben ein Stück heller werden. Dieses eine Musikstück hören vielleicht tausende Menschen und lassen sie ein Stück zusammenrücken. Dieser eine Nachmittag in Opa’s Garten wird vielleicht für immer in Erinnerung bleiben. Wann immer wir aktiv werden, hinterlassen wir Spuren im Fluss der Zeit. Nicht immer sind diese so offensichtlich wie die genannten Beispiele. Doch sind sie immer vorhanden. Wir können nicht handeln ohne etwas in der Welt zu ändern.

Wir müssen uns nun aber selber fragen, welche Spuren wir hinterlassen wollen.  Es gibt dazu eine interessante Vorgehensweise: Stellt euch die Frage, was eure Nachwelt nach euren Tod über euch berichten sollte. Mit Sicherheit will dort niemand nichts stehen haben und noch weniger sollte der Nachruf lauten: „Er schaute im Schnitt 4 Stunden Fernsehen“.

Es liegt letztlich in der Entscheidung jedes Einzelnen, ob er „Mitten im Leben“ schaut und die Chance verpasst, all die genannten Prozesse zu verwirklichen oder ob er mitten durchs Leben geht, gleichermaßen treibend und getrieben, unbeeindruckt vom Stillstand am Ufer.


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Quellen & Referenzen

Bildquelle Titelbild: Wikimedia.org /Aaron Escobar; CC Lizenz


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  • maharaj

    lies mal i am that wenn du wirklich Interesse an Selbsterkenntnis hast.