Der Wert des Gewichthebens fürs Bodybuilding

Der Wert des Gewichthebens fürs Bodybuilding

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Von Christian Zippel  |

„Bewegen Sie die Hantel langsam und kontrolliert.“ So oder so ähnlich führen Trainer ihre Schützlinge in die Welt des Krafttrainings ein. Sowohl Bodybuilder als auch Powerlifter und so gut wie jeder Fitnessbegeisterte hält sich unter normalen Umständen auch an diese Vorgabe oder zumindest versucht er es.

Fast durchgängig beschränkt man sich auf saubere und kontrollierte Bewegungen. Das ist auch gut so. Schließlich provoziert man auf diese Weise am wenigsten Verletzungen und setzt die besten Wachstumsreize.

Sauber sollten alle Bewegungen auch sein. Kontrolle über die Hantel? Auf jeden Fall. Aber bedeutet das auch gleichzeitig, dass man alles in slow motion machen muss? Die Auseinandersetzung mit dieser Frage ist ein strittiges Thema und zumindest für die gebräuchlichen Übungen des Hanteltrainings, kann man sie auch bejahen – schließlich werden diese Übungen, wie z.B. Kniebeuge, Bankdrücken und Kreuzheben auch als Slow Lifts bezeichnet.

Der Wert des Gewichthebens fürs Bodybuilding

Wo es Slow Lifts gibt, da gibt es auch Fast Lifts.

Im Trainingstagebuch fast aller Hantelschwinger unseres Planeten gibt es ein unbeschriebenes Blatt: die Fast Lifts. Die Meisten kennen sie nur aus dem Fernsehen. Es handelt sich um die klassischen Übungen des Gewichthebens, um Reißen und Stoßen.

Um sie auszuführen ist das Fitnessstudio um die Ecke der falsche Ort. Man benötigt entsprechende Hantelscheiben, stabile Olympiahantelstangen, die nicht gleich bei jeder Schwingung zur SZ-Hantel werden und den richtigen Boden benötigt man auch dafür. Da diesen Aufwand jedoch kein normales Studio auf sich nimmt, das Erlernen der technisch und koordinativ sehr anspruchsvollen Bewegungen nicht während einer kurzen Einweisung zu machen ist und das Ganze deswegen für Kunden und Ausstattung des Studios eine unzumutbare Bedrohung zu sein scheint, wird das Gewichtheben im alltäglichen Fitnessbetrieb vollständig tot geschwiegen. Es scheint nicht existent zu sein. Es sei eine Randsportart und habe mit Krafttraining oder Fitness nichts gemeinsam. Dies ist jedoch bei weitem nicht der Fall.

Defizite

Wer die Schwelle zum Gewichtheben überschreitet, betritt eine völlig neue Welt des Hantelsports. Hier geht es um Technik, Konzentration, Koordination, Power und Schnellkraft.

Genau hinter diesen Schlagwörtern verstecken sich die größten Defizite des durchschnittlichen Pumpers. Er bekommt sie immer wieder aufs Brot geschmiert. Bodybuilder hätten wenig funktionelle Kraft, Powerlifter seien träge und behäbig und Krafttraining insgesamt mache langsam und unbeweglich. Wir wissen, dass dies hauptsächlich Vorurteile der nichttrainierenden und lieber theoretisierenden Masse sind, aber in jedem Vorurteil steckt auch immer ein Körnchen Wahrheit.

Wer nämlich sein gesamtes Trainingsleben nur langsame Bewegungen macht, die so komplex sind, wie das Getriebe einer Sonnenuhr, der muss sich auch darauf einstellen, dass er seinen Körper hauptsächlich auch auf diese Bewegungen und dieses Tempo konditioniert. Natürlich überträgt sich auch einiges. Zatsiorsky und Konsorten wissen schließlich fundiert zu berichten, dass sich das Potential der Schnellkraft auch durch eine Verbesserung der Maximalkraft anheben lässt. Aber nur weil der eigene Körper das Potential in sich trägt, schnellkräftig agieren zu können, muss dies noch lange nicht bedeuten, dass er dies auch praktisch umsetzen kann.

Alles was man können will oder sollte, muss man auch trainieren. Nichts wird einem einfach so geschenkt; schon gar nicht das, was wertvoll ist. Doch was ist überhaupt wertvoll?

Haben wir noch das richtige Verständnis von Bodybuilding?

Eines sollte von vornherein klar sein. Es gibt bedeutend bessere Methoden als Gewichtheben, um Masse aufzubauen. Der tiefere Sinn des Bodybuildings besteht jedoch nicht nur darin, die Erscheinung des eigenen Körpers zu pimpen. Es geht nicht nur um das, was die Scheinwerfer auf der Bühne dem Publikum präsentieren. Es geht um viel mehr.

Es geht um den ganzen Körper insgesamt. Es geht um die Kultivierung seines Seins. Vor über 100 Jahren wurde dies auch noch genau so verstanden. Eugen Sandow legte bereits 1904 einen bedeutenden Grundstein zum Verständnis des Bodybuildings. In seinem Buch Kraft und wie man sie erlangt umreißt er treffend den tieferen Sinn der Körperkultur:

„Den ganzen Körper beharrlich und fortwährend erziehen, so dass er zuletzt zu allem fähig ist, was gesunde Organe und vollkommen entwickelte Muskeln leisten können, das ist Körperkultur. Die Erziehung, kurz gesagt, eines absolut vollkommenen Körpers, das ist Körperkultur. Die Schäden auszumerzen, für die die Civilisation und all die Anhängsel, die sie in ihrer Begleitung mit sich gebracht hat, verantwortlich gewesen sind, indem sie die Menschen ihre Körper leicht vernachlässigen liess, das ist das Ziel der Körperkultur.“

Bodybuilding ist somit viel mehr, als nur das Leben auf und für eine Bühne. Es ist nicht nur Show. Es geht um die Qualitätssteigerung des eigenen Körpers. Eines der höchsten Ziele, die sich ein Mensch ersinnen kann. Ein überaus lebenswertes Ziel. Das ist Bodybuilding.

Der Wert des Gewichthebens fürs Bodybuilding

Wenn es jedoch nicht nur um den Schein, sondern auch um das Sein des Körpers geht, dann weist das durchschnittliche Training des Bodybuilders ebenso wie seine Entwicklung große Defizite auf. Er sollte sich auf das klassische Verständnis des Bodybuildings besinnen und diese Defizite so schnell wie möglich aufarbeiten.

Gewichtheben ist eine überaus gute Möglichkeit, um dieses Vorhaben in Angriff zu nehmen. Es bildet die verborgenen Qualitäten des menschlichen Körpers aus: seine Koordination, seine Power, seine Schnellkraft. Auf keine andere Weise lassen sich diese so überaus wichtigen und kämpferischen Fähigkeiten in die Form des eigenen Körpers gießen. Und meiner Meinung nach sollte jeder, der etwas auf den eigenen Körper hält, diese Fähigkeiten auch in hohem Maße aufweisen und trainieren.

Nicht nur die komplexen Übungen des Reißens und Stoßens insgesamt, sondern auch der enge und weite Zug, die tiefe Front- und Überkopfkniebeuge, das Umgruppieren, das Unterhocken sowie das Schwungdrücken an und für sich werden demjenigen, der sie trainiert nicht nur koordinativ, sondern auch schnell- und maximalkrafttechnisch bedeutende Dienste erweisen. Im Verbund mit den Übungen des schweren Beugens, Hebens, Ziehens und Drückens machen sie aus jedem Körper eine gewaltige Kraftmaschine, die es im Gegensatz zu vielen anderen Pumpern nicht an der notwendigen Schnellkraft und Koordination ermangeln lässt. Außerdem wird man dadurch insgesamt fitter und Spaß macht es auch noch.

Auch wenn bisher so gut wie niemand daran denkt und die Welt des heutigen Bodybuildings meilenweit von der des Gewichthebens entfernt zu sein scheint, so weisen beide Welten auf einer tieferen Ebene bedeutende Parallelen auf. Es geht sowohl um den Kampf mit der Hantel, als auch um die Vervollkommnung des eigenen Körpers, die diesem Kampf entspringt. Je vielseitiger man diesen Kampf gestaltet, desto perfekter wird auch der eigene Körper und desto umfassender und stärker werden auch seine Fähigkeiten.

Fazit

Es spricht somit viel fürs Gewichtheben und nur wenig dagegen. Zumindest spricht nichts dagegen, diesem einmal eine Chance zu geben. Ich habe es getan und eine weitere Trainingsmöglichkeit meines Körpers gefunden, die ich für den Rest meines Lebens auch nicht mehr aufgeben werde. Wer dies ebenfalls macht, wird es nicht bereuen.

Man kann die daraus resultierende Entwicklung zwar nicht direkt sehen, so wie einen 45er Arm oder einen gewaltigen Brustkorb, aber die zusätzliche Power und Geschmeidigkeit wird sich nicht nur auf das eigene Training, sondern auch auf das gesamte Leben überaus positiv auswirken.

Die vielen Arztrechnungen, die diejenigen bekommen, die sich immer wieder wegen der Schwäche ihres Körpers und ihrer Koordination verletzen, sollten mehr als nur eine schriftliche Einladung sein. Sie sind eine Mahnung dafür, dass man nicht nur für den Schein des eigenen Körpers, sondern auch für sein Sein trainieren sollte. Die wahren Qualitäten eines Menschen liegen zumeist im Verborgenen. Für seinen Körper gilt das Gleiche.

Gewichtheben ist somit zu Unrecht ein unbeschriebenes Blatt im Trainingstagebuch der heutigen Körperkultur. Wer sich auf deren klassisches Ideal besinnt, wird an dieser Trainingsweise nicht vorbei kommen. Der nächste Gewichtheberverein ist sicherlich nicht weit. Also los, worauf wartest Du?


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Über Christian Zippel

Dr. Christian Zippel ist Urheber des 2013 geschlossenen und offline genommenen Kraftsport- und Bodybuilding-Blogs „Der Wille zur Kraft“. Er ist mehrfacher Autor, darunter von Werken wie „Der Wille zur Kraft – Die zehn Gebote kompromissloser Leistungssteigerung“, „HFT: Hochfrequenztraining & Autoregulation“ „Rosenrot – Oder die Illusion der Wirklichkeit“, „Leider geil, fett & faul“ oder „80/20 Fitness – Wenig investieren, viel erreichen“ und promovierte im Bereich der Philosophie.

Auch wenn er sich vielleicht selbst nicht so bezeichnen würde, so ist Christian doch das, was man als „Neuzeit-Philosoph“ bezeichnen könnte. Seine Werke und Artikel – selbst jene, die sich der Leibesertüchtigung verschrieben haben – sind durchtränkt mit philosophischem und erziehendem Charakter. Seine Lehrer? Seneca, Nietzsche, Bruce Lee. Sein Motto? Die Einheit von Körper und Geist. Mens fortis in corpore forti – ein starker Geist in einem starken. Körper.

Er selbst hat sich weitestgehend aus dem Internet zurückgezogen und ist nicht mehr in Blogs oder Foren aktiv. Die hier veröffentlichten Artikel sind aus seinem früheren Blog „Der Wille zur Kraft“ übernommen, da er sie kurz vor Torschluss zur Verfügung gestellt hat.

2014 gründete Christian den Fitness-Buchverlag „Faszination Fitness“, der vor kurzem mit seinem Erstlingswerk von sich reden machte, einem Crowdfunding-finanziertem Buchband namens „Stark & Schön“ in Zusammenarbeit mit Corinna Walther und Andreas Trienbacher.

Wer für ein Coaching oder geistigen Austausch den direkten Kontakt zu Christian sucht, der wird hier fündig: http://www.christian-zippel.de

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Bildquelle Titelbild: flickr / Alex Cheeck ; CC Lizenz


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