Mentale Trainingsbooster I – Über das Vorstellungsvermögen

Mentale Trainingsbooster I – Über das Vorstellungsvermögen

1 Kommentar

Von Christian Zippel  

Da liegt sie nun und wartet auf Dich. Die Hantel. Nein, sie hat nicht irgendein Gewicht. Es ist Dein Maximalgewicht. Wirst Du scheitern oder obsiegen?

Was viele nicht wissen, ist die Tatsache, dass die Entscheidung über Erfolg oder Misslingen in der Regel bereits fällt, bevor man in den Ring gegen die Schwerkraft steigt. Bei einem derart hohen Gewicht kommt der Körper schließlich an seine momentane Leistungsgrenze oder sogar darüber hinaus. Er wird dieses Hindernis nur überwinden können und wollen, wenn wir ihm auch einen wirklichen Grund dafür liefern.

Wer nun jedoch in einem schicken Fitnesstempel mit Parkettboden und gepolsterten Hantelgriffen trainiert, wird es sehr schwer haben in dieser Ponyhofatmosphäre den eigenen Körper davon zu überzeugen, dass es notwendig für ihn ist, an seine derzeitige Leistungsgrenze zu gehen. Und die Tatsache, dass zusätzlich infantile Pop-Musik durch die Studioboxen plärrt, damit die Hausfrauen auf den Steppern nicht einschlafen, macht die Situation auch nicht besser.

In gewissem Sinne müssen wir nämlich unseren Körper dazu überreden, dass er im entscheidenden Moment über den Schatten seiner derzeitigen Möglichkeiten springt.

Mentale Trainingsbooster I – Über das Vorstellungsvermögen

Doch wie überredet man seinen Körper nun zu einer derartigen Höchstleistung?

Eines sollte bereits von Anfang an klar sein: Unser Körper ist von zutiefst gläubiger Wesensart und für keinerlei rationale Argumentation empfänglich. Wer somit versucht, dem eigenen Körper kurz vorher einzureden, dass nur Briefe aufgegeben werden und sonst nichts, wird damit nicht weit kommen.
Vielmehr verhält es sich mit unserem Körper wie mit gewissen begriffsstutzigen Menschen, die, wenn sie eine Fliege verschlucken, mehr Hirn im Bauch als im Kopf haben.

Wir müssen an seine tierischen Instinkte appellieren!

Die stärksten Mütter der Welt

Jeder von uns kennt die – schon fast sprichwörtliche – Geschichte von der Mutter, die ihren Sohn rettet, indem sie das Auto anhebt, unter dem ihr Filius eingeklemmt ist. Dabei sprechen wir nicht von Müttern, die hauptberuflich LKWs auf DSF ziehen, sondern von ganz normalen Stepperhausfrauen. In jedem von uns steckt dieses Kraftpotential. Normalerweise können wir nur nicht darauf zugreifen. Im Falle der Mutter ist es die Angst um ihren Sohn, die ihr ungeheure Stärke verleiht. Je stärker diese Angst ist, desto mehr erregende Hormone (wie z.B. Adrenalin) strömen durch ihre Adern und desto mehr werden ihre körpereigenen Hemmmechanismen herunterjustiert.

Im Großen und Ganzen weiß ihr Körper, dass es nun um alles oder nichts geht – in diesem Falle die Zukunft der eigenen Gene. Bewusst wird der Mutter diese Verlustangst durch eine starke emotionale Erregtheit, die alles andere ausblendet – der allseits bekannte Tunneleffekt.

Doch wie können wir diesen Effekt nun für unsere Zwecke nutzen?

Auch wenn sich viele Studiogänger regelmäßig durch ihr mentales Unvermögen in lebensbedrohliche Situationen bringen (ich sage nur: 250kg Kniebeuge bei McFit), kann dies keine dauerhafte Lösung für unser Problem sein. Die Belastung für den passiven Bewegungsapparat sowie die anschließende Regenerationszeit und die wahrscheinlich hinzukommende Suche eines neuen Studios würde unnötig Zeit kosten. Wissenschaftler haben jedoch herausgefunden, dass, wenn wir uns Extremsituationen vorstellen, in unserem Gehirn die gleichen Areale aktiv werden, wie wenn wir sie wirklich durchleben würden. [Wir schaffen unsere eigene Realität!]

Diese Erkenntnis hat zur Erleichterung vieler Schwerathleten geführt. Sie impliziert nämlich, dass wir durch reine Vorstellungskraft das Potential unserer körperlichen Stärke viel besser ausschöpfen können. Indem wir uns vorstellen, in einer Extremsituation zu sein, fährt der Körper sein Erregungsniveau hoch, drosselt seine Hemmmechanismen und ist zu mehr Leistung fähig. Dabei ist es völlig egal, welche Extremsituation dies ist. Hauptsache, sie bringt einem das Blut in den Adern zum Kochen. Man muss nur ein besonders starkes Szenario auswählen und sich möglichst intensiv in dieses hineinversetzen.

En détail

focusDabei sollte man folgende Grundregel beachten, die bereits vorher schon indirekt angesprochen wurde: Unser Körper ist absolut unvernünftig. Er kann nicht einfach zu mehr Leistung überredet werden. Er benötigt dazu Bilder, Geräusche, Gerüche, Geschmäcker und weitere Empfindungen! Stell Dir einfach etwas vor, was Dich wirklich in Rage versetzt, was Dich aufputscht, total erzürnt und an den Rand des Wahnsinns treibt. Da stehen Dir alle Wege der Fantasie offen. Stell Dir z.B. vor, dass Dir 300 halbnackte Spartaner wie Achillessehnen auf den Fersen kleben und hinter Dir her sind.

Überrasch doch mal Deine Freundin bei einem imaginären Seitensprung oder zeig Deinem Chef, Klassenfeind oder sonst wem, der Dir mal in die Suppe gespuckt hat, was Du von ihm hältst. Eventuell schlummert in Dir ja auch das bisher ungenutzte Potential eines Helden, der seiner Angebeteten oder geliebten Familienmitgliedern in einer lebensbedrohlichen Situation zur Hilfe eilt.

Was auch immer. Such Dir ein Szenario aus und verankere es, indem Du es mit so viel Details wie möglich ausschmückst. Zappe dabei aber nicht hin und her; wir sind hier nicht beim Fernsehen. Des Weiteren solltest Du all diese Details bereits schon mal am eigenen Leib mit einer möglichst starken emotionalen Reaktion erlebt haben. Auch hier kannst Du wieder frei wählen.

Entscheide Dich z.B. für das Parfüm Deiner ehemaligen Deutschlehrerin, das im Großhandel in 5l-Kanistern verkauft wird, unterlege es mit dem neuesten Hit von Tokio Hotel, während all die Menschen, die Dich nur allzu gerne scheitern sehen möchten, um Dich herumstehen und auf Dich herabblicken. Sie murmeln Sachen wie „Das Ding kriegt der doch nie hoch, damit hat er sowieso ein generelles Problem.“, oder „Wenn Versagen klein machen würde, könnte der bereits jetzt unterm Teppich Fallschirm springen.“ Und so weiter und so fort.

Wenn Du von einem bestimmten Dialekt Tobsuchtsanfälle bekommst, lass sie in dessen Mundart sprechen. Wenn Du Hawaiihemden mit allen Fasern Deines Körpers verachtest – Schwupp, da stehen sie alle in ihren quietschbunten Blumenhemden und einem 10l-Eimer Sangria und lachen über Dich.

Hast Du einen Todfeind? Dann muss ich Dir leider eine schlechte Nachricht übermitteln. Er wurde mehrmals geklont und die gesamte Truppe ist gerade bei Dir im Studio. Da vorne bei den Kurzhantel stehen zwei. Oh, dahinten auf den Steppern hampeln ein paar herum und oh nein, wer baggert denn da gerade Dein Lieblingsfitnessbunny an, das Du Dich niemals getraut hast, anzusprechen? Oh ja, sie sind es. Sie sind überall und sie wollen nur eines: Dich scheitern sehen! Tust Du ihnen diesen Gefallen? Oder wirst Du ihnen zeigen, was in Dir steckt?

Worum geht es nämlich wirklich?

Dieser Maximal-Versuch ist nicht einfach nur ein Versuch! Er entscheidet darüber, ob all Deine Neider Recht haben, oder nicht, ob Du die 10.000 Kätzchen vor der herabstürzenden Decke schützen kannst, ob Du alle 300 Spartaner abschütteln und Deine Unschuld bewahren kannst, ob Du – auf Wunsch Deiner Traumfrau – Deine zukünftige Schwiegermutter, deren Schatten bereits über 200kg wiegt, aus dem Sumpf ziehen kannst oder ob Du den Teletubbies für unheimlich viele Stunden der Volksverblödung danken kannst. Er definiert Deine Stärke, Deine Macht über das Potential Deines Körpers. Er ist weit mehr, als nur ein Versuch. Er ist eine Tat, eine Maximal-Tat.

“Let’s take the bench press as an example. As I approach the bar I begin to concentrate on the bar and the bar alone. As discussed in the preceding section on concentration, I focus my entire self – body, mind, spirit and being – on the bar. Nothing else in the universe exists for me at that moment. There is ONLY the bar.

At that point, I begin to slow my breathing. Then I take a long breath, and mentally prepare to go to war. Life and death. No prisoners. Storm the beaches. I usually growl at the bar. That’s right. I GROWL. I get mad at the bar. I create a situation where it’s a battle of strength and will between myself and the bar. It’s like the classic scene in the westerns where the two gunfighters face each other – in that final, long-awaited confrontation – for several agonizing seconds, that seem like hours – and then they draw. It’s like two prize fighters staring each other in the eye immediately before they come to blows. And I tell the bar – sometimes silently and sometimes out loud – which one of us is going to win. Then I take a deep breath, summon all my power, and ATTACK the bar.” Brooks Kubik

Entdecke die Möglichkeiten

All dies wird uns durch unser Vorstellungsvermögen ermöglicht. Und wir müssen nicht mal GEZ-Gebühren dafür bezahlen – zumindest noch nicht.

Jedes Mal aufs Neue können wir auf diese Weise neue Abenteuer durchleben, Grenzen überschreiten, Siege erringen, Unschuldige retten, Robbenklopper bestrafen, ein paar schlagende Argumente mit der Kelly Family oder dem Team der Schwarzwaldklinik austauschen, das Ozonloch verfluchen und uns dabei noch einmal unsere Investition in Hedgefonds bei den Lehman Brothers durch den Kopf gehen lassen.
Auf all diese imaginären Magengeschwüre gibt es eine ganz einfache Lösung, bewege das verdammte Gewicht nach oben; schleuder es gegen die Decke.

Lass den Dampf ab. Räche all die Enterbten; bestrafe alle Schuldigen und befreie all Deine Traumfrauen aus misslichen Lagen mit einer einzigen brachialen Bewegung gegen die Schwerkraft.
Natürlich geschieht dies alles nur in Deinem Geist. Aber was in Wirklichkeit passiert ist die Tatsache, dass Du aus einem Versuch eine Tat gemacht hast.

Im Endeffekt zählt nämlich nur, dass Du Dich, Deine Zweifel und Deine Schwächen mit einem Sturm der Emotionen weggefegt und überwunden hast. Und eine aufregende Abendunterhaltung gab es gleich gratis dazu.

Also geh von nun an nicht mehr ins Kino oder in zwielichtige Kneipen, wenn Du was erleben oder Druck ablassen willst. Geh dorthin, wo wirkliche Grenzen überwunden werden. Geh ins Studio auf die Bank oder ins Power Rack und leg los. Die Wahl des Programms obliegt Dir. Mach was draus!

Und hör endlich auf, wie ein Trainingszombie mit leerem Blick rein mechanisch und emotionslos mit irgendwelchen Helium-Plüschhanteln im Ponyhof herumzufuchteln. Oder nein, warte, mach es ruhig weiter, dann hab ich wenigstens noch etwas, was mir bei meinem nächsten Max-Versuch auf die Sprünge hilft.


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Über den Autor

k-Sylvester-Stallones-muscular-bodyDr. Christian Zippel ist Urheber des 2013 geschlossenen und offline genommenen Kraftsport- und Bodybuilding-Blogs „Der Wille zur Kraft“. Er ist mehrfacher Autor, darunter von Werken wie „Der Wille zur Kraft – Die zehn Gebote kompromissloser Leistungssteigerung“, „HFT: Hochfrequenztraining & Autoregulation“ „Rosenrot – Oder die Illusion der Wirklichkeit“, „Leider geil, fett & faul“ oder „80/20 Fitness – Wenig investieren, viel erreichen“ und promovierte im Bereich der Philosophie.

Auch wenn er sich vielleicht selbst nicht so bezeichnen würde, so ist Christian doch das, was man als „Neuzeit-Philosoph“ bezeichnen könnte. Seine Werke und Artikel – selbst jene, die sich der Leibesertüchtigung verschrieben haben – sind durchtränkt mit philosophischem und erziehendem Charakter. Seine Lehrer? Seneca, Nietzsche, Bruce Lee. Sein Motto? Die Einheit von Körper und Geist. Mens fortis in corpore forti – ein starker Geist in einem starken. Körper.

Er selbst hat sich weitestgehend aus dem Internet zurückgezogen und ist nicht mehr in Blogs oder Foren aktiv. Die hier veröffentlichten Artikel sind aus seinem früheren Blog „Der Wille zur Kraft“ übernommen, da er sie kurz vor Torschluss zur Verfügung gestellt hat.

2014 gründete Christian den Fitness-Buchverlag „Faszination Fitness“, der vor kurzem mit seinem Erstlingswerk von sich reden machte, einem Crowdfunding-finanziertem Buchband namens „Stark & Schön“ in Zusammenarbeit mit Corinna Walther und Andreas Trienbacher.

Wer für ein Coaching oder den geistigen Austausch in den direkten Kontakt mit Christian suchen möchte, der kann auf http://www.christian-zippel.de/ fündig werden.


Bildquelle Titelbild: Frank Zane – Wikipedia.org / d_vdm ; CC Lizenz


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    Wow, dieser Artikel ist so gut das ich ihn am liebsten der gannzen Welt weiterempfehlen würde. Und vor allem an diejenigen die im Studio immer daherkommen mit Sprüchen wie: “Ruhig, es eilt doch nichts… oder “Schau doch nicht so böse..” Komischerweiße sehen die alle körperlich nur durchschnittlich oder darunter aus, trainieren ab und zu und dann auch nur an Maschinen, sind vielleicht seit einem oder zwei Jahren Mitglied und wollen einen was erzählen bzw. vorschreiben(empfehlen) wie ich mein Training absolvieren soll!! :D