Wissen ist Kraft – Eine Anleitung zur Evidenzsuche im Kraftsport (Der “AesirSports Research Guide”)

Wissen ist Kraft – Eine Anleitung zur Evidenzsuche im Kraftsport (Der “AesirSports Research Guide”)

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von Tino Bos DC, BSc

Die Informationsflut naht…!

(Bildquelle: Flickr / IntelFree Press ; CC Lizenz)

Wir leben im Informationszeitalter und in jeder Sekunde prasseln immer neue Neuigkeiten auf uns ein – das Internet machts möglich! Das Problem: Jeder kann seinen Senf dazugeben, doch wie filtert man die Infos heraus, die einem wirklich weiterhelfen und – noch wichtiger – der Wahrheit entsprechen? (Bildquelle: Flickr / IntelFree Press ; CC Lizenz)

Täglich wird man mit unzähligen Behauptungen konfrontiert und gerade das Internet bzw. die neuen Medien haben es ermöglicht, dass fast stündlich hunderte von Informationen auf uns niederprasseln. Wenn man sich dann auch noch für ein Interessengebiet, wie z.B. Fitness und Bodybuilding, begeistert, erwartet den informierten Athleten ein regelmäßiges Bombardement von Artikeln und Nachrichten durch Newsletter, Blogs, Facebook-Posts, Twitter-Nachrichten oder YouTube-Videos. Wie man bekanntlich weiß, sind jedoch Quantität und Qualität zwei völlig verschieden Dinge. Es stellt sich also die Frage, wie kann man Sinn von Unsinn, Wissenschaft von Pseudowissenschaft und neutrale, fundierte Informationen von Verkaufsbroschüren unterscheiden?

Evidenzbasierte Medizin (EbM)

Man mag es kaum glauben, aber auch die Humanmedizin steckt bis heute in diesem Dilemma. Dieses wurde nicht etwa durch die neuen Medien ausgelöst, sondern vor allem durch die Diskrepanz zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und tatsächlich praktizierter Medizin. Folgende Zahlen verdeutlichen das Problem:

„In general, it takes approximately 17 years to get 14% of research findings adopted into practice. Moreover, only 30-50% of patients receive recommended care, 20-30% receive care that is not needed or that is potentially harmful and 96% may receive care with the absence of evidence of effectiveness.“ [5]

Aus diesem Grund entwickelte sich ein Teilgebiet der Medizin, das sich evidenzbasierte Medizin (beweisgestützte Medizin) nennt und in den letzten Jahrzehnten immer mehr an Bedeutung gewonnen hat. Unter evidenzbasierter Medizin versteht man die Behandlung von Patienten auf der Basis der besten zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Daten. Dies beinhaltet die systematische Suche und Bewertung der bestmöglichen Evidenz (Beweis oder Beleg) in der wissenschaftlichen Literatur für die Behandlung gesundheitlicher Probleme.

Dabei sind folgende Schritte zu beachten:

  1. Ableitung einer beantwortbaren Frage aus dem klinischen Fall.
  2. Planung und Durchführung der wissenschaftlichen Literaturrecherche.
  3. Beurteilung der gefundenen Literatur (Evidenz) bezüglich Brauchbarkeit.
  4. Anwendung der Evidenz im klinischen Fall.
  5. Bewertung der eigenen Leistung.

Der 3. Schritt, die Ergebnisbeurteilung, ist hierbei sehr wichtig, denn nicht alle wissenschaftlichen Arbeiten oder Literaturauszüge haben den gleichen Gültigkeitsgrad.

Dazu wurde folgende Tabelle entwickelt:

(Bildquelle: EBM-Netzwerk.de)

Die Evidenzklassen der evidenzbasierten Medizin ist pyramidenartig aufgebaut und kann als Richtung zur Einschätzung und Klassifikation von Informationen dienen. (Bildquelle: EBM-Netzwerk.de)

Diese Tabelle der Evidenzklassen zeigt sehr deutlich, dass in der EbM eine systematische Übersichtsarbeit (Klasse Ia) einen deutlich höheren Gültigkeitsgrad hat, als die Meinung von Experten (Klasse IV). Systematische Übersichtsarbeiten (Klasse Ia), auch Systematic Reviews genannt, sind der Goldstandard der EbM und werden zum praktischen Gebrauch häufig in Leitlinien für die einzelnen Krankheitsbilder zusammengefasst.

Der EbM wird immer wieder der Vorwurf einer Kochbuchmedizin gemacht. Wenn man sich jedoch die Definition genauer anschaut, so kann man erkennen, dass sie sich auf 3 Säulen stützt:

  1. Die individuelle Erfahrung des Therapeuten (interne Evidenz).
  2. Der aktuelle Stand der wissenschaftlichen Literatur (externe Evidenz).
  3. Die Werte, Wünsche und Erfahrungen des Patienten.

Es ist zu erkennen, dass die Individualität des Patienten in diesem Konstrukt nicht vergessen wird. Besonders ist jedoch, dass die Erfahrung des behandelnden Experten nicht über dem aktuellen Stand der Wissenschaft steht, sondern einen gleichwertigen Teil bei der Entscheidungsfindung darstellt.

Dies kann grafisch folgendermaßen dargestellt werden:

Evidenbasierte Medizin (kurz: EbM)

Evidenbasierte Medizin als Schnittmenge von interner und externer Evidenz sowie der Patientenerfahrung (kurz: EbM)

Wissen ist Kraft – Eine Anleitung zur Evidenzsuche im Kraftsport

Evidenzbasierter Kraftsport?

Es ist nicht nur die Informationsflut, die das Aussondern von brauchbaren und unbrauchbaren Informationen erschwert. Die Fitness- und Bodybuildingwelt ist ein lukrativer und fast ungeregelter Markt, der natürlich viele verschiedene Persönlichkeiten und Firmen anlockt, die alle ein Stück vom großen Kuchen abhaben möchten. Dass dabei die Realität verschönt oder fundiertes Wissen sogar verschwiegen wird, kann man sich sicher vorstellen. Besonders das Verschweigen von nicht ins Konzept passender Fakten (cherry picking) ist in diesem Zusammenhang sehr beliebt. Umso wichtiger ist es sich ein kritisches und hinterfragendes Gemüt zu erhalten. Das Vorgehen der EbM könnte hierbei auch dem Fitness- oder Kraftsportler helfen.

Eine Recherche der neusten und besten wissenschaftlichen Literatur kann in folgenden einfachen Schritten erfolgen:

  1. Fragestellung definieren. Was will ich wissen?
  2. Suchbegriffe und Synonyme aufstellen.
  3. Suchbegriffe ins Englische übersetzen. Das erhöht die Trefferquote um ein Vielfaches, denn Englisch ist und bleibt die Sprache der Wissenschaft. (z.B. mit Hilfe von dict.cc)
  4. Bestimmung relevanter Datenbanken. Für Athleten, die nicht an einer Universität studieren, bietet Google Scholar die grundlegenden Optionen, die man von einer Suchmaschine für wissenschaftlichen Zwecke verlangen kann. Sie filtert die meisten kommerziellen Webseiten heraus und bietet ausreichende Optionen zur Eingrenzung der Suchergebnisse. Außerdem findet man unter den Suchergebnissen viele Artikel als Volltexte (open access article). Weitere gute Datenbanken sind auch die Cochrane Library, die eine weitreichende  Vorauswahl an evidenzbasierter Literatur enthält oder die DIMDI-Literaturdatenbank, die sehr umfassend ist, jedoch wenige Volltexte enthält und somit für den Nicht-Student weniger geeignet ist.
  5. Suchbegriffe logisch verknüpfen. Hierbei kann man zwischen die einzelnen Schlagwörter ein „UND“ oder ein „ODER“ setzen (Englisch: „AND“ oder „OR“). Je nachdem ob beide Begriffe (UND) oder nur einer der Begriffe (ODER) in der Überschrift oder im Text enthalten sein sollten. Weitere Verknüpfungen und Funktionen, die eine Textsuche einschränken können, findet man in der Tabelle 3 und 4 in diesem verlinkten Artikel.
  6. Sichtung der gefundenen Literatur. Hierbei sollte die oben erwähnte Tabelle der Evidenzklassen zum Einsatz kommen und entsprechend eine Einschätzung des Gültigkeitsgrades erfolgen. Weitere einfach zu beachtende Gütekriterien sind das Jahr der Veröffentlichung und die Angabe von Interessenskonflikten des Autors am Ende jeder wissenschaftlichen Arbeit.
  7. Literaturauswertung. Lesen und Verstehen.

Anmerkung: Die oben erwähnten Schritte stellen keine vollständige wissenschaftliche Arbeitsweise dar, sondern wurden für den nicht-wissenschaftlichen Gebrauch modifiziert.

Abschließende Worte

Sind Experten nun völlig überflüssig und die Individualität des Athleten egal? Natürlich nicht! Wie schon im letzten Abschnitt zur EbM beschrieben, ist die Kombination aus externer (Literatur) und interner Evidenz (Trainer) sowie den Erfahrungen des Athleten miteinander zu kombinieren. Die externe Evidenz, soweit sie vorhanden ist, sollte jedoch die Basis der Herangehensweise darstellen, denn auch eine langjährige Erfahrung des Trainers schützt nicht vor Irrtümern. In Anlehnung an die Grafik zu EbM könnte man diese Kombination bildlich so darstellen:

Evidenzbasierter-Kraftsport-AesirSportsIn diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass für viele Praktiken im Kraftsport und Bodybuilding keine oder nur wenig wissenschaftliche Forschung vorhanden ist. Aus diesem Grund kann der Rat erfahrener Athleten oder Trainer hilfreich sein. Auch Bücher sind gute Wissensquellen, obwohl man sich immer bewusst machen muss, dass sie in den meisten Fällen nur die Meinung und Erfahrungen des Autors wiederspiegeln.  

In diesem Sinne, bleibt stark und neugierig!


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Über den Autor

tino-swMit Tino „ChiroDoc“ Bos stieß Ende 2013/Anfang 2014 ein weiterer, hochkarätiger Autor zum Aesir Sports-Team hinzu, dessen Sachkompetent vor allem im Bereich Kraftsport/Bodybuilding, Regeneration sowie Regenerationsmaßnahmen liegt.

Nachdem Tino Bos erst das Studium der Sportwissenschaften mit dem Schwerpunkt Prävention und Rehabilitation an der Universität Potsdam erfolgreich abschloss (Diplom Sportwissenschaftler), entschied er sich für das Studium der Chiropraktik in den USA. Seit dem Jahr 2003 ist er als selbstständiger Chiropraktor in Deutschland tätig. (Doctor of Chiropractic, B.Sc.)

Über seine Praxistätigkeit hinaus betreut Tino Bos als Referent und Chiropraktor auch verschiedenste Profi- und Leistungssportler. Außerdem  wurde er  bei nationalen und internationalen Sportveranstaltungen, wie z.B. den World Games 2005 in Deutschland und 2009 in Taiwan als Chiropraktor eingesetzt.

Die Nähe zum Sport ist nicht nur durch sein abgeschlossenes Studium der Sportwissenschaften gegeben. Seit frühester Jugend ist Tino Bos erfolgreich sportlich aktiv, erst in der Leichtathletik und später auch als Wettkampfbodybuilder (IFBB ´97) und mehrfacher Deutscher Meister im Kraftdreikampf und Bankdrücken.


Quellenangaben (draufklicken)

[1] Cochrane: Evidenzbasierte Medizin. URL: http://www.cochrane.de/ebm.

[2] EBM Netzwerk: URL: http://www.ebm-netzwerk.de.

[3] Donner-Banzhoff, N. (2003): Der Evidenzbasierte Praktiker. Z. Allg. Med., 79: 501-506. URL: http://www.allgemeinmedizin-projekte.de/fileadmin/pdf/downloads/Artikel_Der_Evidenzbasierte_Praktiker_Artikel.pdf.

[4] Jones-Harris, A (2003).: The evidence-based case report: a resource pack for chiropractors. In: Clinical Chiropractic. URL: https://www.shermancollege.net/research/archives/Jclub/Evidence-based case report.pdf.

[5] Scott, A. et al. (2013): Sports and exercise-related tendinopathies: a review of selected topical issues by participants of the second International Scientific Tendinopathy Symposium (ISTS) Vancouver 2012. In: Br. J. URL: http://bjsm.bmj.com/content/early/2013/04/19/bjsports-2013-092329.full?g=widget_default.


Bildquelle Titelbild: Pixabay.com / PublicDomainPictures ; Public Domain Lizenz

 

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