„Die verlorene Gleichmäßigkeit der menschlichen Bildung“ – Warum wir trainieren…

„Die verlorene Gleichmäßigkeit der menschlichen Bildung“ – Warum wir trainieren…

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Von Christian Zippel  

Die körperliche Entwicklung eines Turners kann sich sehen lassen. Vor genau 200 Jahren eröffnete Friedrich Ludwig Jahn seinen ersten Turnplatz in der Hasenheide vor den Toren Berlins. Der damals noch junge Pädagoge war ein Visionär sondergleichen. Er war seiner Zeit voraus und damals schon weiter als viele heute.

Die Philosophie der körperlichen Ertüchtigung

Befasst man sich mit seinen Schriften wird einem klar, dass Turnvater Jahn alles andere wollte, als einfach nur den Körper zu trainieren. Das Turnen war deutlich mehr. Es war eine pragmatische Philosophie: Er strebte nach einem starken Geist in einem starken Körper.

Er sah bereits damals die Unausgeglichenheit der Entwicklung unserer Gesellschaft, die sich des Leiblichen zu entledigen versucht, wo es nur geht. Einer Gesellschaft, in der die Entwicklung des eigenen Körpers gering geschätzt wird. Eines Körpers, dessen Aussehen versteckt und dessen Schwäche kompensiert wird, wo es nur geht.

Die körperlose Gesellschaft

(Bildquelle: Wikimedia.org / Pavel Ryčl ; OTRS Lizenz

Absolute Körperkontrolle in Perfektion: Der Gymnast muss jede Muskelfaser beherrschen, um seinen Job zu erledigen. Traurig: Viele Menschen kriegen heutzutage nicht einmal mehr einen sauberen Liegestütz hin. Eine bedenkenswerte Entwicklung der Gesellschaft, oder etwa nicht? (Bildquelle: Wikimedia.org / Pavel Ryčl ; OTRS Lizenz)

Eine bereits Jahrhunderte währende Fehlentwicklung, die den Geist bevorzugt, ist bis heute im Gange. Die Konsequenzen eines schwächlichen und unterentwickelten Körpers sind gemeinhin bekannt und offensichtlich. Sowohl ästhetisch als auch gesundheitlich und leistungstechnisch lässt er zu wünschen übrig – ebenso wie auch der aus ihm entspringende Geist davon negativ beeinflusst wird.

In einem schwächlichen Körper wohnt kein starker Geist. Vielmehr entstehen beide erst, wenn sie ausreichend gefordert werden.

„Die verlorene Gleichmäßigkeit der menschlichen Bildung“ – Warum wir trainieren…

Es gibt kein anderes Mittel für die Entwicklung unseres Körpers als die fordernde Tätigkeit

Körperliche Ertüchtigung ist notwendig, um „die verlorene Gleichmäßigkeit der menschlichen Bildung wieder herzustellen, der bloß einseitigen Vergeistigung die wahre Leibhaftigkeit zuzuordnen.“ So schreibt es der Turnvater Jahn. Recht hatter und wie er recht hat.

In der ganzen Lebensgeschichte eines Menschen ist es sein heiligster Augenblick, an dem er aus seiner Ohnmacht erwacht und den tieferen Sinn ausgeglichener Entwicklung erblickt. Körperkultur ist mehr als nur Muskelspielerei in den Tempeln verspiegelter Komplexbeladenheit. Es ist mehr als Narzissmus oder eine Freizeitbeschäftigung. Viel mehr… Dies gilt es zu erkennen: Körperkultur ist der einzige Weg, um zu einem ausgeglichenen Menschen zu werden. Die beste Möglichkeit, um die eigene Entwicklung voranzutreiben, das eigene Wesen zur Reife zu bringen und das eigene Potenzial zu verwirklichen.

Außerdem hat das Training noch einen weiteren angenehmen Vorteil, den bereits Turnvater Jahn hervorhob: „Männlichkeit zieht die Weiber an!“ ;)

Anbei noch einige weitere Gedanken aus seiner Feder…

„Frisch, fromm, fröhlich, frei – ist des Turners Reichtum“

Frisch nach dem Rechten und Erreichbaren streben, das Gute thun, das Bessere bedenken und das Beste wählen.

Fromm die Pflichten erfüllen, leutseelig und volklich, und zuletzt die letzte, den Heimgang. Dafür werden sie gesegnet sein, mit Gesundheit des Leibes und der Seele, mit Zufriedenheit so alle Reichthümer aufwiegt, mit erquickenden Schlummer nach des Tages Last und bei des Lebens Müde durch sanftes Entschlafen.

Fröhlich die Gaben des Lebens genießen, nicht in Trauer vergehn über das Unvermeidliche, nicht in Schmerz erstarren, wenn die Schuldigkeit gethan ist, und den höchsten Muth fassen, sich über das Mißlingen der besten Sache zu erheben.

Frei sich halten von der Leidenschaft Drang, von des Vorurtheils Druck, und des Daseins Ängsten.”

Gibt es da noch etwas hinzuzufügen?

„Ist dem Staat an Männern gelegen, so muss er die Jugend nicht verwahrlosen lassen.“

(Bildquelle: Flickr / Thejbird ; CC Lizenz)

Kinder beim Turnen – ein seltener Anblick im Fastfood-und-Computerspiel-Zeitalter. Der Körper wird mehr und mehr vernachlässigt. “In” ist, wer klug ist, ABER: Ist die Entkopplung von Körper und Geist wirklich so erstrebenswert? Wir denken nicht… (Bildquelle: Flickr / Thejbird ; CC Lizenz)

Sowohl pädagogisch als auch soziologisch gesehen ein wahres Wort. Unsere Jugend besitzt eine große Freiheit und das ist auch gut so. Leider mangelt es ihnen an Vorbildern und so wissen sie oftmals nicht, wo hin mit ihrer Zeit und welches Potenzial in ihnen schlummert. Es ist Aufgabe unserer Gesellschaft, hier andere Schwerpunkte zu setzen als drittklassiges Schmierentheater-Fernsehen, Fast Food und Computerspiele.

So droht unsere Jugend zu verkümmern. Sie verweichlicht an den mangelnden Anforderungen unserer auf Konsum ausgerichteten Gesellschaft. Fettleibigkeit, Schwäche und selbst Wohlstands-Diabetes werden immer mehr zur Norm in den Kindergärten und Schulen. Hier läuft einiges schief! Ebenso wie auch viele Pädagogen zwar studiert sein mögen, aber ebenso wenig vorbildhaft sind.

Menschen kann man erzählen, was man will. Sie hören einem nicht zu. Sie sehen nur, wer da vor ihnen steht und große Reden schwingt und wenn er nicht genau das darstellt, was er auch predigt bzw. was auch wirklich beachtenswert ist, dann verlieren seine Worte jegliche Kraft. So ist es auch mit unserer Jugend. Sobald Sie einen Blick in die Flimmerkiste oder die Zeitung wirft, erblickt sie Heuchelei, Lug, Trug und Korruption. In der Schule mangelt es ebenso an wahren Autoritäten. Wem sollen sie noch vertrauen? Zu wem können sie aufsehen?

Also sprüht es an jede Wand: „Neue Männer braucht das Land.“ Die derzeitigen Berühmtheiten sind jedoch weit davon entfernt, diesem Ideal wirklich zu entsprechen. Unser Land brachte Größen wie Goethe, Nietzsche, Beethoven und Humboldt hervor. Nun sind es Bohlens und Gottschalks. Sind wir auf dem richtigen Weg?

„Ein kernfester Leib ist notwendig zum Ringen mit dem kernfaulen Zeitalter.“

Wie recht er auch damit hat. Wer in unserer Zeit nicht seine Moral, seine Würde und seinen Anstand verlieren möchte, der muss in sich selbst ruhen, der muss stark sein und nicht wie eine Fahne im Wind nach der vorherrschenden Meinung flattern. Er muss Rückgrat beweisen, Vorbild sein, seinen eigenen Weg gehen. Er muss einen starken Geist mit einem starken Körper vereinen. Ohne Training geht dies jedoch nicht.

„Man trägt ein göttliches Gefühl in seiner Brust, wenn man erst weiß, daß man etwas kann, wenn man nur will.“

Amen!


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Über den Autor

k-Sylvester-Stallones-muscular-bodyDr. Christian Zippel ist Urheber des 2013 geschlossenen und offline genommenen Kraftsport- und Bodybuilding-Blogs „Der Wille zur Kraft“. Er ist mehrfacher Autor, darunter von Werken wie „Der Wille zur Kraft – Die zehn Gebote kompromissloser Leistungssteigerung“, „HFT: Hochfrequenztraining & Autoregulation“ „Rosenrot – Oder die Illusion der Wirklichkeit“, „Leider geil, fett & faul“ oder „80/20 Fitness – Wenig investieren, viel erreichen“ und promovierte im Bereich der Philosophie.

Auch wenn er sich vielleicht selbst nicht so bezeichnen würde, so ist Christian doch das, was man als „Neuzeit-Philosoph“ bezeichnen könnte. Seine Werke und Artikel – selbst jene, die sich der Leibesertüchtigung verschrieben haben – sind durchtränkt mit philosophischem und erziehendem Charakter. Seine Lehrer? Seneca, Nietzsche, Bruce Lee. Sein Motto? Die Einheit von Körper und Geist. Mens fortis in corpore forti – ein starker Geist in einem starken. Körper.

Er selbst hat sich weitestgehend aus dem Internet zurückgezogen und ist nicht mehr in Blogs oder Foren aktiv. Die hier veröffentlichten Artikel sind aus seinem früheren Blog „Der Wille zur Kraft“ übernommen, da er sie kurz vor Torschluss zur Verfügung gestellt hat.

2014 gründete Christian den Fitness-Buchverlag „Faszination Fitness“, der vor kurzem mit seinem Erstlingswerk von sich reden machte, einem Crowdfunding-finanziertem Buchband namens „Stark & Schön“ in Zusammenarbeit mit Corinna Walther und Andreas Trienbacher.

Wer für ein Coaching oder den geistigen Austausch in den direkten Kontakt mit Christian suchen möchte, der kann auf http://www.christian-zippel.de/ fündig werden.

Bildquelle Titelbild: Flickr / Naval Surface Warriors ; CC Lizenz

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