Epigenetik (nicht nur) für Athleten

Epigenetik (nicht nur) für Athleten

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Von Christian Zippel  

Unsere individuelle Lebensweise hat enormen Einfluss auf die Aktivierung und Deaktivierung bestimmter Gensequenzen. Ob wir krank und fettleibig werden oder gesund und schlank bleiben, wird in nicht unerheblichem Maße dadurch bestimmt, was wir unserem Körper an Nähr- und Schadstoffen zuführen.

Epigenetik (nicht nur) für Athleten

Eineiige Zwillinge…

…können trotz identischer DNS verschiedene Präferenzen für Krankheiten und Aussehen entwickeln, wenn sie divergierende Lebensweisen verfolgen.

Entsprechende Gen-Tests belegen, dass sich an den Genen selbst nichts verändert hat. Bestimmte DNS-Abschnitte werden jedoch „methyliert“ und dadurch deaktiviert. Dies geschieht durch Methylgruppen, die an die jeweiligen DNS-Abschnitte andocken, wodurch sich die damit verbundenen Nukleotide zusammenziehen. Die so komprimierten DNS-Abschnitte sind nun nicht mehr lesbar. Die darauf codierten Informationen nicht zugänglich.

Die Informationen der DNS

Dies können z.B. Informationen über unser Aussehen, unsere Leistungsfähigkeit und unsere Gesundheit sein. Fehlen Sie dem Körper, so kann er sie auch nicht mehr reproduzieren und Fleisch werden lassen.

Dies kann schnell problematisch werden, führt man sich vor Augen, dass unser Körper kein beständig existierendes Objekt ist, sondern vielmehr ein komplexer biologischer Prozess, indem keine Zelle auf der anderen bleibt.

Innerhalb von sieben Jahren…

…wird jeder einzelne Baustein unseres Körpers ausgetauscht, neu gebildet und verbaut. Unser Körper ist beständigen Auf- und Abbauprozessen unterworfen, die wir durch unser Training und unsere Ernährung zielbewusst beeinflussen können.

Ein Mensch wird nicht nur deswegen alt, weil sein Körper altert, sondern weil seine DNS nach und nach den Bach heruntergeht. Sie ist wie eine Bauanleitung für den sich beständig selbst regenerierenden Körper. Eine Anleitung, die mit jedem weiteren Ablesen der darauf gespeicherten Informationen und zudem durch zufällige Mutationen – wie z.B. durch ionisierende Strahlung (UV-Licht, Röntgen…) – immer mehr zerbröckelt und verändert wird.

Immer widersprüchlichere und unpassende Informationen werden so abgelesen und realisiert. Der daraus erwachsende Körper wird immer fehlerhafter und anfälliger für Krankheiten (wie z.B. Krebs), was sich natürlich auch entsprechend leistungstechnisch und ästhetisch auswirkt. Die mentale Seite nicht zu vergessen.

Reine Genetik?

Einige Jahrhunderte wurde geglaubt, wir Menschen hätten diese Entwicklung kaum im Griff. Vielmehr sei sie unveränderbar in unseren Genen festgeschrieben. Bereits vor unserer Geburt stünde fest, wie wir aussehen, wie gesund und leistungsfähig wir seien und zu welchen Krankheiten wir neigen.

Die Epigenetik…

…weist nun darauf hin, dass wir diese Aspekte unseres Lebens deutlich stärker regulieren können, als gemeinhin angenommen. Wir selbst sind unseres Körpers Schmied!

Selbst die Fellfarbe von Mäusen konnte durch externe Nahrungsbeigabe von Soja-Produkten verändert werden. Früher wurde angenommen, diese sei rein genetisch bedingt. Bei Versuchen mit eineiigen Zwillingsmäusen an der Berliner Charité wurde nun jedoch nachgewiesen, dass die Hormone in Soja-Produkten schwarzes Fell in weißes Fell umwandeln können, wohingegen die jeweiligen Zwillingspartner (als Vergleichsgruppe) bei normaler Ernährung ihr dunkles Fell behielten. Hierbei geht es um eine besondere Art von Stoffen, die auf die Aktivierung und Deaktivierung von DNS einwirken können.

“Gewöhnliche Gelbe Agouti-Mäuse sind nicht unbedingt zu beneiden. Sie sind dick, träge und bekommen im Alter besonders leicht Diabetes oder Krebs. Allenfalls ihr blassgelbes, fast goldfarbenes Fell mag schöner sein als das Dunkelbraun, das ganz normale Mäuse tragen.

Die Fellfarbe vieler Säugetiere hängt vom so genannten Agouti-Gen ab. Es enthält den Code für ein Enzym, das die Haarfollikel zwingt, statt des standardmäßig erzeugten schwarzen Farbstoffs eine hellere Variante zu bilden. Mischen sich die Farben, entsteht braun. Ist das Agouti-Gen inaktiv, werden die Tiere schwarz. Und arbeiten die Agouti-Gene an verschiedenen Stellen des Körpers unterschiedlich gut (was übrigens auch epigenetisch gesteuert wird), werden die Tiere gestreift, getigert oder gescheckt.

Bei der Gelben Agouti-Maus ist das farbgebende DNA-Stück so verändert, dass das von ihm codierte Enzym den schwarzen Fellfarbstoff fast völlig unterdrückt. Und weil dieser Botenstoff zusätzlich ein paar andere wichtige Regelkreise im Stoffwechsel durcheinander bringt, werden die betroffenen Tiere zudem besonders leicht fettleibig, haben Probleme mit der Insulinerzeugung und bekämpfen bösartige Geschwülste in ihrem Körper schlechter als gewöhnliche Mäuse.

Genau an dieser Stelle setzt ein Experiment an, das zu den ganz großen Erfolgen der Epigenetik gehört. Es brachte dem verantwortlichen Wissenschaftler Randy Jirtle im Jahr 2007 sogar eine Nominierung zur „person of the year“ des Time magazine ein. Der Krebsforscher und Toxikologe an der Duke University in Durham, USA, kam vor ein paar Jahren mit seinem Mitarbeiter Robert Waterland auf die Idee, trächtige Gelbe Agouti-Mäuse mit großen Mengen bestimmter Nahrungsergänzungsmittel zu füttern. Die beiden wollten herausfinden, ob sich das auf die Fellfarbe der Jungen auswirkt.

„Wir wussten, dass am Promotor des Agouti-Gens eine Stelle sitzt, an die Methylgruppen besonders leicht binden und das Gen abschalten können“, erinnert Jirtle sich. „Also dachten wir, wenn wir die Methylierung in den Zellen der Jungen über die Ernährung ihrer Mütter beeinflussen würden, sähen wir das sehr wahrscheinlich auch sofort daran, mit welcher Fellfarbe sie auf die Welt kommen.“ Jirtle und Waterland mischten nun einigen der trächtigen Tiere Substanzen ins Futter, die der Methylierungsmaschinerie der Zelle helfen – sie sozusagen besonders gut schmieren: Folsäure, Vitamin B-12, Cholin und Betain. Diese Substanzen brauchen nämlich jene Enzyme für ihre Arbeit, die Methylgruppen an die DNA „kleben“. Andere werdende Agouti-Maus-Mütter erhielten gewöhnliches Futter.

Und tatsächlich zeigte sich, dass die Nachfahren der beiden Gruppen unterschiedlich gefärbt zur Welt kamen. Die Nager mit der Methylierungsdiät gebaren zum Großteil ganz normale, schlanke, braune Jungtiere, die auch später im Leben nicht häufiger dick und krank wurden als gewöhnliche Mäuse. Die Mütter hingegen, die kein Spezialfutter erhalten hatten, brachten Gelbe Agouti-Mäuse zur Welt. Trotz dieser Unterschiede hatten alle Jungen das fehlerhafte Agouti-Gen geerbt.
Schließlich machten Waterland und Jirtle die entscheidende Entdeckung: Bei den Mäusen, die ein braunes Fell hatten, saßen viel mehr Methylgruppen am Agouti-Gen, als bei den dicken gelben Tieren. Offenbar war das krankheitsauslösende DNA-Stück während der Embryonalentwicklung epigenetisch still gelegt worden. Und offenbar war die Methylierungsdiät dafür verantwortlich.”Der Zweite Code

Epigenetisch aktive Stoffe

Einflüsse wie Ernährungsgewohnheiten, der Konsum von Nerventoxinen (wie z.B. Tabak und Alkohol), aber auch Sonnenstrahlung und Kunststoffe (wie z.B. Bisphenol A) können darüber entscheiden, wie schnell wir altern, wie anfällig wir für Krebs sind usw.

Nun gilt es epigenetisch aktive Stoffe zu finden, die unsere Leistungsfähigkeit fördern und unserer Gesundheit dienlich sind. Leider befindet sich die Forschung hier noch am Anfang. Ich bin mir sicher, dass es in den kommenden Jahrzehnten entsprechende „Epigenetische Diäten“ und evtl. sogar Lebensweisen geben wird, die bestimmte gesundheitliche und ästhetische Probleme lösen könnten – bereits bevor sie überhaupt entstehen. Die Ernährung scheint hier eine große Rolle zu spielen. Bis dahin müssen wir uns auf erste Forschungserfolge beschränken und auf Indizien verlassen.

Grüner Tee

Eine natürliche Chemikalie in unfermentierten Blättern von grünem Tee wird in heißem Wasser gelöst und gerät so in den menschlichen Körper. Dort spricht sie ein Gen an, dass Krebs bekämpft, im Alter jedoch oft abgeschaltet wird. In einem solchen Fall löst sie die Methylgruppen von diesem Gen ab, wodurch es wieder aktiviert wird und so auch im Alter vor Krebs schützt.

Der traditionelle Konsum grünen Tees in Japan z.B. führt dazu, dass es in dieser Kultur deutlich weniger Krebsfälle als in vergleichbaren Gesellschaften gibt.

Phytamine

Neben den bekannten Vitaminen, gibt es unzählige größtenteils noch unbekannte sekundäre Pflanzenstoffe – die sog. Phytamine – die starke gesundheitsfördernde Wirkungen an den Tag legen.

Zu den bekanntesten zählen Polyphenole wie das Resveratrol (zu finden z.B. in Weintrauben, Erdnüssen, roten Zwiebeln) und auch Flavonoide oder Carotinoide. Einige davon sind stark epigenetisch aktiv. Berühmt für ihre Wirksamkeit sind Früchte und Gemüsesorten wie Avocados, Brokkoli und Granatäpfel. Aber auch Bohnen, Nüsse und Pilze scheinen wirksam zu sein.

Darüber hinaus…

…gibt es Anzeichen dafür, dass gewisse Stoffe in vielen Meerestieren und fetthaltigem Fisch epigenetisch aktiv und unserem Körper sowie seiner Entwicklung dienlich sind.

Abschreckende Beispiele

Es lohnt auch ein Blick in verschiedene Gesellschaften und das zugehörige Auftreten diverser Krankheiten und ästhetischer Fehlentwicklungen. Insbesondere die Gesellschaften, die zu verstärktem Konsum von Fast Food, Süßigkeiten und Nerventoxinen neigen, offenbaren hier wahre epigenetische Abgründe, von denen sich jeder schleunigst entfernen sollte, will er seinen Körper und den seiner Nachkommen nicht zu einem epigenetischen Unfall verkommen lassen.

Dies kann evtl. sogar Einfluss auf die Entwicklung der Enkel haben. Gewisse Fakten legen nämlich nahe, dass epigenetisch bedingte, erworbene Eigenschaften vererbt werden können. Dies wurde von Charles Darwin stets für unmöglich gehalten. Doch heute scheint es denkbar, dass nahrungsbedingte Einflüsse der Mutter vor und während der Schwangerschaft sich auf das Erbgut des Kindes auszuwirken vermögen.

Eine Kalorie ist eine Kalorie

Dies mag rein physikalisch stimmen. Aber biologisch bzw. hormonell und epigenetisch ist es von enormer Bedeutung, welche Energieträger wir über unsere Ernährung zu uns nehmen. Eine naturbelassene und ausgewogene Ernährung punktet hier.

Die Instant-Ernährung aus der Fabrik schädigt unseren Körper nachhaltig. Ebenso scheinen bestimmte Kunststoffe in Verpackungsmaterialien – wie z.B. Bisphenol A – epigenetisch aktiv zu sein. Jedoch nicht zu unseren Gunsten. Dieser östrogenähnliche Stoff soll zu Übergewicht und verfrühter Pubertät führen. Wenn man bedenkt, dass er fast überall – von Trinkflaschen bis hin zu Konservendosen – enthalten ist und eigentlich fast alle unsere Lebensmittel in Plastik verpackt sind, wird einem bewusst, welchem Risiko wir uns hier täglich aussetzen.

Früher…

– bevor ich mich ernsthaft mit dem Thema Ernährung und Epigenetik beschäftigt habe – habe ich mich frei Schnauze ernährt. Oftmals einseitig und durch Fast Food. Seit einigen Jahren lege ich jedoch Wert auf ausgewogene und naturbelassene Ernährung. Subjektiv verhalf mir dies zu einer deutlichen Steigerung der Lebensqualität.

Weniger Krankheiten machten sich breit, die Leistungsfähigkeit stieg ebenso wie das Befinden und die Regeneration bzw. Wundheilung lief schneller. Hinzu kommen ein angenehmer Schlaf, ein besseres Hautbild und glänzendere Haare bzw. Nägel.

Die langfristigen Konsequenzen einer ausgewogenen, naturbelassenen und selbstbereiteten Küche lassen sich noch nicht abschätzen. Sieht man sich die momentan aufkeimenden Erkenntnisse der Epigenetik an, so wird jedoch deutlich, welch enorme Bedeutung sie tatsächlich haben könnte.

Fakt ist…

…und das belegt die eigene Erfahrung: Wer sich mit Müll vollstopft, der wird auch aussehen und riechen wie ein Mülleimer.

Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Ästhetik sind unersetzliche Güter. Wer an einem starken Geist in einem starken Körper interessiert ist, sollte auch entsprechend leben und zudem sein Augenmerk in den nächsten Jahren auf zukünftige Erkenntnisse der Epigenetik richten.

Wir mögen zwar unsere Gene nicht verändern können, aber wir können schädliche Sequenzen abschalten und förderliche aktivieren. Das liegt in unserer Hand. Wir sollten diese Macht nutzen. Natürlich geht dies nicht von heute auf morgen. Eine generelle aktive und gesunde Lebensweise muss etabliert werden… anders geht es nicht. Aber das ist auch nur fair. Denn nichts von Wert bekommt man geschenkt.

Jeder, der bereits ein paar Jahre trainiert, weiß das und sollte auch verstehen, dass er das Engagement, dass er im Training walten lässt, ebenso auch in der Ernährung an den Tag legen muss, will er nennenswerte Fortschritte machen.

 


Bildquelle Titelbild: Wikimedia.org / Reo On ; Public Domain Lizenz


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