Persönlichkeitsentwicklung: Training als Traumatherapie und Bewältigungsstrategie?

Persönlichkeitsentwicklung: Training als Traumatherapie und Bewältigungsstrategie?

6 Kommentare

von Denis Tengler

In diesem Artikel möchte ich dich mit Material konfrontieren, das weh tut. Wenn du bisher mit ebenso großer Kraftanstrengung wie beim 20er Satz Kniebeugen versucht hast, deine inneren Konflikte wegzuschieben, bist du hier genau an der richtigen Stelle. Dieser Artikel arbeitet mit unseren inneren Einstellungen und Verhaltensmustern, wie sie durch Glaubenssätze aufrechterhalten werden. In diesem Artikel beschäftigen wir uns daher besonders mit den destruktiven Glaubenssätzen.

Persönlichkeitsentwicklung: Training als Traumatherapie und Bewältigungsstrategie?

Was ist ein Glaubenssatz?

Die Wahrnehmung unserer Realität wird durch unsere Glaubenssätze bestimmt. Glaubenssätze können negativ formuliert sein;

  • „Ich bin nichts wert“
  • „Das schaffe ich nie“
  • „Meine Bedürfnisse sind unwichtig“

oder positiv:

  • „Ich bin frei“
  • „Ich bin wertvoll“
  • „Auch ohne Blutgruppe 0 kann ich ein super Bodybuilder werden“ 

Wie entsteht ein Glaubenssatz?

Die negativen und positiven Glaubenssätze tief in unserem Inneren sind größtenteils durch unser frühestes Sozialumfeld geprägt und werden als solche von Generation zu Generation weitervererbt. Hier überschneiden sich biologisches Erbe und kulturelles Erbe, da Glaubenssätze direkt unser Zellulargedächtnis beeinflussen und andererseits manifeste Verhaltensweisen begründen, die, im Falle negativer Glaubenssätze, häufig als nicht konform mit der kulturell-gesellschaftlichen Normalität betrachtet werden und sich beispielsweise durch „psychische Erkrankungen“ äußern.

Spätere traumatische Erfahrungen sind häufig keine echten „Neuerlebnisse“ sondern die Fortsetzung und Konsequenz unserer bereits vorhandenen Glaubenssätze. Entgegen der gängigen Meinung „jeder muss sein Päckchen tragen“, solltest du jedoch ab und zu in dieses Päckchen hineinsehen und dir genau überlegen, was davon du noch brauchst – die Analogie zum Training: Eine Übung schwerer zu machen, erhöht zwar deren Effektivität; erhöhst du den Schwierigkeitsgrad jedoch so stark, dass du die Zielmuskulatur nicht mehr optimal anspannen kannst (z.B. bedingt durch ein zu hohes Gewicht). Wenn du durch einen ungünstigen Hebel den für dich bestmöglichen Bewegungsradius (maximal weiter Griff bei z. B. Klimmzügen) verhinderst, dann wird das nichts mehr mit dem optimalen Trainingsergebnis.

Das Modell der Self-Discrepancy Theorie (Selbst-Diskrepanz-Theorie)

Die Self-Discrepancy Theory (“Selbst-Diskrepanz-Theorie”): Das aktuelle Selbst im Kontext der “Self Guides” – unsere (persönlichen) Ideal und die Art und Weise, wie wir sein sollten. Zahlreiche Faktoren sorgen dafür, dass unser aktuelles Selbst sich dem Ideal nähert oder sich von ihm entfernt. Der Mensch hat ein inneres Bestreben die “Diskrepanz” zu beseitigen. Kraftsport kann mit Sicherheit dazu beitragen, dass wir uns unserem Ideal nähern – aber dies erfolgt nur auf körperlicher Ebene. (Bildquelle: Wikimedia.org / Christie88 ; CC Lizenz)

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Seelischer Konflikte: Training und Traumatherapie

Sicherlich hast du schon oft von bekannten Autoren gelesen; „Krafttraining hilft dir dabei, dein Selbstbewusstsein zu steigern und dein seelisches Gleichgewicht wiederherzustellen“. Das klingt zu schön und wir alle haben diese Aussage schon einmal dazu verwendet, um zu trainieren, statt direkt an unserem Persönlichkeitsdefizit zu arbeiten. Aber mal ehrlich: Wer von uns, die diesen Artikel jetzt lesen, hat schon ein quantitatives Trainingsdefizit?

Selbsterkenntnis & Selbstentwicklung … ohne sich wirklich mit sich selbst zu beschäftigen?

(Bildquelle: Wikimedia.org / Caravaggio ; CC Lizenz)

Du kennst ihn: Narziss. Er war der altgriechischen Legende zur Folge so vernarrt in sein Spiegelbild, dass er bei dem Versuch die Reflektion zu umarmen ertrunken ist. Der Wald-und-Wiesen-Kraftsportler kommt in den meisten Fällen auch nicht am Spiegel vorbei, ohne seinen Bizeps zu flexen und sich dabei zu beobachten. Das heißt aber noch lange nicht, dass sich mit dem Körper auch der Geist weiterentwickelt, ohne sich mit ihm auseinanderzusetzen.(Bildquelle: Wikimedia.org / Caravaggio ; CC Lizenz)

Zudem haben wir aus Bequemlichkeit genau diese Vorbilder für uns definiert, die in Wirklichkeit nur unser eigenes Minderwertigkeitsgefühl verschieben sollen, da sie es uns ermöglichen uns selbst auf die für uns (zur Zeit) am besten passenden, (Persönlichkeits-)„Theorien“ zu stützen (oder eher zu „stürzen“), anstatt eigene Konzepte unserer tatsächlichen Bedürfnisse aufzustellen. Das Ergebnis des Festhaltens an unnützen Praktiken ist eine schnelle Befriedigung und eine kurzfristige Euphorie, die uns für kurze Zeit unsere Sorgen vergessen (= verdrängen) lässt, bevor wir im Alltag erneut damit konfrontiert werden.

Bei diesen Vorbildern handelt es sich oftmals nicht mal mehr um Personen sondern um tote Gegenstände. Das Prinzip kennen wir vom Alkohol – der Mensch säuft und säuft aber durch Alkohol hat noch niemand tiefgehende Persönlichkeitstransformationen erlebt; ich kenne niemanden, der durch die Droge Alkohol positive, dauerhaft verändernde Selbsterfahrungen realisiert hat – aber das nur am Randedenn Alkohol ist genauso um uns herum ständig verfügbar, wie der Rest der sinnlosen Beschäftigungsmaßnahmen, die – bei identischem Konsumdruck – dazu dienen, echte Selbsterkenntnis zu behindern.

Aber zurück zum Training: Wer nun behauptet, dass er mit Training alle seine Konflikte aufgearbeitet hat und nun eine ausgeglichene Persönlichkeit voller Selbstvertrauen darstellt, der war entweder vorher schon a.) „ganz gesund“ oder b.) er lügt – aber in einer Gleichung formuliert würde das heißen ([a] = [b]) – es läuft also auf Selbstbetrug hinaus. Das Aus-agieren aggressiver Impulse im Training hat wenig heilsames Potenzial – und dieses Agieren gegenüber anderen Personen noch viel weniger.

Mir ist kein einziger Athlet und keine einzige Athletin bekannt der/die allein durch das Training ernsthafte Fortschritte in ihrer/seiner persönlichen inneren Entwicklung vollzogen hat, denn dazu gehört viel mehr als nur ein paar Hanteln von A nach B zu bewegen. Tatsächlich ist sogar meist das genaue Gegenteil der Fall: Je blockierter das Innere ist, desto weniger kann sich durch Training die somatische Intelligenz; unser Körpergefühl für Erholung, Ernährung, Krankheit & Gesundheit, Trainingszyklen usf. ausprägen.

Der physio-chemische Hintergrund: Ein nie enden-wollender Kreislauf

Der seelische Konflikt generiert ein elektrisches Spannungspotenzial im Gehirn, das ständig nach Ableitung sucht. Durch körperliche Aktivität können wir die, nach Ausschüttung der entsprechenden Releasing-Hormone im Gehirn vornehmlich von den Nebennieren(rinden) produzierten, Stresshormone besser abbauen und kurzfristig zur Ruhe kommen – unsere Probleme zeitweise „sublimieren“. Das elektrische Potenzial baut sich jedoch immer wieder auf und führt zu körperlichen und/oder seelischen Krankheiten durch direkte Beeinflussung unserer metabolischen und immunologischen Vorgänge; die Organdurchblutung verändert sich nachweisbar- der Stoffwechsel wird durch permanente Anaerobität geschwächt. Eine psychische Erkrankung – und oft genug auch eine „rein“ körperliche Krankheit – sind letztlich der Bewältigungsversuch des Menschen, seine ungünstige Umwelt zu ertragen statt an ihr zugrunde zu gehen. Wie oft bist du erkältet? Hast du bisher die positive, liebevolle Absicht deines Körpers beachtet, der aufschreit und dir neue Wege aufzeigt oder hast du versucht (= es gelingt nie und wenn doch, dann folgt regelmäßig Schlimmeres) alle Selbstverantwortung von dir fernzuhalten?

Training als Verschiebung und Kompensation des Selbstbewusstseins

Viele – natürlich längst nicht alle – von uns trainieren nicht aus einer positiven intrinsischen Motivation heraus, sondern aus Gründen der Verschiebung. Mangelndes Selbstbewusstsein soll durch Training kompensiert werden; die äußere Entwicklung soll anstelle der inneren Entwicklung besonders betont werden, damit wir mit unseren eigenen Unzulänglichkeiten nicht auffallen. Innere und äußere Entwicklung laufen aber nur gemeinsam optimal ab. Die Verdrängung eines dieser Grundbedürfnisse – und ich bin davon überzeugt, dass die Persönlichkeitsentwicklung ein solches darstellt – führt zur Reduktion der Effektivität des anderen. Training muss aber zum Selbstzweck werden wenn es die ganze Person mitentwickeln soll. Wie willst du 200 kg Kniebeugen bewältigen, wenn auf deinem Rücken bereits eine mentale Last liegt, die einem Äquivalent von 400 Kg entspricht?

Wer entscheidet darüber, wi wir uns definieren?

Wie definieren wir uns eigentlich? Das Selbst ist die Summe unseres Selbstkonzeptes, unseres Selbstvertrauens, unserer Selbsterkenntnis und schlussendlich auch unser soziales Selbst. Wenn Training dein Selbstvertrauen steigert, dann hast du nur einen Faktor von vielen beeinflusst. Für ganzheitliches Wachstum reicht es allerdings noch nicht ganz.

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Die geistige Entwicklung vorantreiben: Was bleibt also zu tun?

(Bildquelle: Wikimedia.org / Schläsinger ; CC Lizenz)

Wenn du wirklich wissen willst, wer du selbst bist und wo du stehst, kommst du nicht um bohrende Fragen herum. (Bildquelle: Wikimedia.org / Schläsinger ; CC Lizenz)

Wenn du es bis hierhin geschafft hast, bist du wahrscheinlich sehr wütend oder schockiert darüber, dass du das, was du eigentlich schon lange wusstest – aber weit von dir weggeschoben hast – hier nun brühwarm serviert bekommst. Deine bisherige Angst davor, dich aufgrund mangelnder Bewältigungsmöglichkeiten deiner Probleme mit dir selbst zu befassen, kommt nun wieder hoch und du reagierst mit Widerstand auf die Sätze, die du hier vor dir siehst. Deine Wut muss sich nun zwangsläufig auf das Gegenüber übertragen und in diesem Moment ist niemand da, der deine Widerstände bestätigen kann, vor dem du dich rechtfertigen kannst und du überlegst schon, mit welchen Gegenargumenten du das Kommentarfeld bombardieren wirst. Stattdessen solltest du lieber überlegen was du wirklich tun kannst, um dich selbst aus deiner misslichen Lage zu befreien- die Lösungen sind:

Problemabhängig bietet es sich an:

  • Selbsterfahrungskurse zu besuchen
  • Sich autodidaktisch in die verschiedenen psychologischen und psychotherapeutischen Modelle, einschließlich Entspannungsverfahren, einzuarbeiten und auf sich zu übertragen oder
  • eine passende persönliche Psychotherapie zu besuchen bzw. zunächst einen Berater/ Coach in Anspruch zu nehmen.

Mit was du beginnst ist nicht so wichtig – das Relevante ist der Anfang, denn dieser Anfang wird dich ganz automatisch zum nächstpassenden Schritt führen. Ehrlichkeit gegenüber dir selbst vorausgesetzt. Die Arbeit an den eigenen Konflikten tut manchmal weh und fühlt sich oftmals nach Rückschritt an; wenn du jedoch genau dort durchgehst und genau dort immer wieder ansetzt liegt dein Potenzial plötzlich offen – Möglichkeiten und Entscheidungsoptionen entstehen, die du nie für möglich gehalten hättest: Erstmalig bekommst du das Gefühl, selbst über deinen weiteren Weg entscheiden zu können; ein Weg der dir vorher durch deine negativen Glaubenssätze versperrt war.

Wenn du diese innere Reise beginnst, wird in Monaten, vielleicht sogar in Wochen oder Tagen nichts mehr so sein, wie es bisher für dich gewesen ist und du wirst dir selbst mit einem Lächeln und Kopfschütteln selber nachsehen, dass du dich nicht eher auf den Weg gemacht hast: Training wird noch geiler, wenn du damit beginnst, deine echte Persönlichkeit zu entwickeln statt vor ihr davonzulaufen und echte Bedürfnisse tauchen auf, die deine bisherigen Pseudobedürfnisse einfach ausradieren.

Und das Beste dabei: Diese Bedürfnisse erfordern keine Aufwendung von Geld.


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Über Denis Tengler

Denis Tengler ist Heilpraktiker und Autor. Er betreut seine Klienten ganzheitlich in den Bereichen Training, Ernährung, Einstellung & Umwelt. Seine Praxis ist in Seeheim-Jugenheim. Wer mehr über Denis und seine Arbeit erfahren möchte, kann dies unter Alternative-Sportmedizin.de tun.

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Bildquelle Titelbild: Flickr / Gary Knight ; CC Lizenz


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  • Hi, ein qualitativ sehr hochwertig geschriebener Artikel.

    Insgesamt finde ich das “Training als Verschiebung und Kompensation des Selbstbewusstseins” eine sehr steile These, aber sie erfüllt wohl ihren Zweck. Aufmerksam machen, was körperliche Betätigung tun sollte und vor allem auch könnte – natürlich neben anderen biologisch wichtigen Effekten für den Körper – einen sehr wichtigen Beitrag für das psychische Gleichgewicht schaffen. Dass sportliche Betätigung in unserer Gesellschaft nicht mehr in diesem Kontext gesehen wird ist ein Missstand.

    Frei nach Pestalozzi: “Kopf Herz Hand”

    • Hi Alexander,
      vielen Dank für dein Feedback! Training ist natürlich eine zentrale Säule für unser psycho-physisches Gleichgewicht. Wenn Training aber ausschließlich dazu dient, die eigenen z. B. Minderwertigkeitskomplexe zu kompensieren (“Streben nach persönlicher Macht” nach Adler), gehen die meisten gesundheitlichen Vorteile weitestgehend verloren. Steht beim Training nicht der Selbstzweck im Vordergrund, überwiegen die neurotischen Tendenzen – Anerkennung gibt’s dann vornehmlich von denjenigen, von denen man eigentlich keine Anerkennung braucht ;-) Hau rein & Liebe Grüße Denis

  • Hi Denis,

    Ich habe mein Leben lang Sport gemacht, habe auch Sport an der TU Kaiserslautern studiert, aber von dem Ansatzpunkt habe ich es bisher ehrlich gesagt noch nie gesehen.

    Wirft irgendwie ein anderes Licht auf den Sport und vor allem auch die Art und Weise, wie man Sport treibt und darüber spricht vor allem.

    Danke für den guten Ansatz, ich kann da echt was mit anfangen. Richtig guter Artikel!

    • Hi Alexander,
      danke nochmal für deine Zeit und dein freundliches Feedback! Ich hoffe natürlich, dass daraus ein positives Licht – wie von einer Tageslichtlampe – entsteht, statt das einer regulären Leuchtstoffröhre! Du kennst das; das Studium legt eine hervorragende Basis aber danach liegt es an uns selbst, das Gelernte zu optimieren, neu zusammenzusetzen und in die eigene kleine Welt zu übertragen. Wenn ich dir dabein einen kleinen Ausschnitt meiner Auffassung in deine Vorstellungswelt mitgeben konnte, bin ich so zufrieden, wie ich nur sein kann.
      Beste Grüße
      Denis