Pfui bah? Lebensmittelaversionen und wie man sie überwindet

Pfui bah? Lebensmittelaversionen und wie man sie überwindet

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Von Christian Zippel |

“Das ist so ekelig! Niemals kommt mir das auf den Teller.” Wir alle haben unsere ganz eigenen Nahrungsmittel-Präferenzen und -aversionen.

Einige von ihnen sind genetisch bedingt. Viele jedoch sind erworben. Erstaunlich schnell können sie sich entwickeln und dann für ein ganzes Leben vorhalten. Unsere Umwelt prägt unser Essverhalten enorm: Erziehung, Medien, Gleichaltrige und Zwänge. Sie alle beeinflussen, was wir essen und trinken.

Doch geschieht all dies zu unserem Besten?

(Bildquelle: Wikimedia.org / Flickr / Jeff Poskanzer ; CC Lizenz)

Verkehrte Welt: So sieht für viele Menschen eine leckere Ernährung aus. Gesunde, protein- und nährstoffreiche Lebensmittel schmecken die meisten dagegen zu fade und langweilig – warum wohl? (Bildquelle: Wikimedia.org / Flickr / Jeff Poskanzer ; CC Lizenz)

Tatsächlich ist vieles davon kritisch zu betrachten und gehört auf den Prüfstand. Man ist, was man isst – heißt es so schön. Dabei ist vieles von dem, was der Durchschnittsdeutsche sich Tag für Tag einverleibt, mehr als nur fragwürdig. Oftmals schlichtweg Müll. Industriell erzeugte Massenprodukte aus dem Chemie-Labor. Zucker, Stärke, Geschmacksverstärker und allerlei Zusatzstoffe überfrachten unsere Nahrungsmittel. Hinzu kommen erworbene Präferenzen für Süßigkeiten, Alkohol und andere Verfehlungen der Ernährungs-Gesellschaft.

Einen wissenschaftlichen Zugang der etwas anderen Art…

…bietet uns die Disziplin der Ernährungspsychologie. Schlussendlich lassen wir von unseren Gefühlen bestimmen, was wir essen und was nicht. Nur selten vermögen wir mit Verstand Messer und Gabel zu schwingen und den Einkaufswagen zu füllen.

Warum ist dies so? Warum brechen wir Diäten ab, obwohl wir abnehmen wollen? Warum verschlingen wir Süßkram, Fast Food und Unmengen von Alkohol, obwohl wir wissen, dass es ungesund ist? Warum ernähren wir uns nicht einfach naturbelassen, ausgewogen und gesund? Warum reichen uns nicht Wasser, Tee und Milch? Weshalb benötigen wir all die künstlichen Getränkeprodukte, die den Markt tausendfach überschwemmen? Wie entstehen die mannigfaltigen Ernährungsstörungen und wie bekommt man sie wieder in den Griff?

Jeder Athlet, der sich für die Gesundheit und Entwicklung seines Körpers interessiert, jeder Mensch, der seine Schwächen überwinden und zu einem starken, selbstbestimmten Leben finden will und jeder ernsthafte Trainer sollte sich mit diesen Fragen auseinandersetzen! Entsprechende Literaturempfehlungen für den Einstieg gebe ich am Ende des Artikels.

Eigene Erfahrungen mit der Lebensmittelpsychologie

(Bildquelle: Flickr / Vic ; CC Lizenz)

Einen Ernährungsplan kann dir jeder zweitklassige Coach entwerfen, aber die Kunst auf die Ernährungspräferenzen, – aversionen und -ängste des Protégés einzugehen – das schaffen nur Wenige. (Bildquelle: Flickr / Vic ; CC Lizenz)

Mir persönlich hat die Auseinandersetzung mit diesem Gebiet sehr viel für meine Tätigkeit als Personal Trainer gebracht. Einem Klienten einen zielgerichteten, ausgewogenen Ernährungsplan zusammenzuschustern ist eine relativ schlichte Aufgabe. Seine individuellen Ernährungsprobleme, -störungen, -präferenzen und -aversionen zu erkennen, zu analysieren und zu beheben ist jedoch ein ganz anderes Kaliber. Zudem muss man auch über genug Feingefühl und Erfahrung verfügen, um zu wissen, wann man selbst überfordert ist und den Klienten in diesem Punkt lieber an einen guten Therapeuten überweist – was bei gewichtigeren Essstörung durchaus angemessen ist.

Die Möglichkeiten der ernährungspsychologischen Betreuung umfassen ein weites Feld. Sie müssen individuell abgestimmt werden. Eine relativ harmlose und doch sehr wirkungsvolle Vorgehensweise werde ich nun herausgreifen und meine eigenen Erfahrungen damit schildern – auf das andere Athleten und Trainer davon lernen und Nutzen daraus zu ziehen vermögen.

Aus Gründen der würzenden Kürze werden die Zusammenhänge und Gedanken vereinfacht und komprimiert dargestellt. Für ausführlichere Informationen bitte auf die angeführte Literatur zurückgreifen.

Pfui bah? Lebensmittelaversionen und wie man sie überwindet

Umwelterworbene Lebensmittelaversionen

(Bildquelle: Flickr / Rosebud 23 ; CC Lizenz)

Wie steht es mit diesem kleinen Kerl hier: Läuft dir schon das Wasser im Munde zusammen, oder bist du eher ein Fischhasser? Frage dich selbst: Wo liegt die Ursache für diese Aversion? Ist sie wohlmöglich fehlgeleitet? (Bildquelle: Flickr / Rosebud 23 ; CC Lizenz)

Verschiedene Studien, die Befragung von Klienten und auch eigene Erfahrungen belegen, dass fast jeder Mensch über spezifische Aversionen verfügt, die best. Lebensmittel(-gruppen) betreffen. Normalerweise akzeptieren wir diese als gegeben und leben um sie herum. Sie tun uns nichts und wir tun ihnen nichts. Aber Schwächen zu akzeptieren soll nicht unser Weg sein. Toleranz wird dort wertlos, wo sie alles und jeden toleriert.

Wie entstehen derartige Aversionen?

Unser Körper ist ein Anachronismus auf zwei Beinen. Seine Gene sind noch nicht auf die moderne Zivilisation eingestellt. Sie wissen nichts von dem Wissen, welches wir Menschen bereits über giftige bzw. unverträgliche Lebensmittel angesammelt haben. In der rauen Natur der Vorzeit hingegen war der Mensch auf ein ganz anderes Prinzip angewiesen, wenn es darum ging, in Erfahrung zu bringen, welche „Früchte“ der Natur genießbar waren und welche nicht: Versuch und Irrtum!

Aß ein Mensch etwas Giftiges bzw. schwer Verträgliches, so merkte er dies schnell. Wenn er nicht gar starb, so wurde er krank. Bekam Magenschmerzen. Übelkeit breitete sich aus. Er musste sich übergeben. Alles in Allem keine schöne Erfahrung. Aber etwas, das sich einbrannte.

So lernte er schnell, was gut für ihn war und was nicht. Tatsächlich sind solche Erfahrungen – insbesondere in jungen Jahren – dermaßen prägend, dass sie ein Leben lang vorhalten können. In vielen Fällen reicht bereits der Anblick oder der Geruch des vermeintlichen „Anti-Lebensmittels“, um die Gefühle des Ekels und Erbrechens wieder hochkommen zu lassen. So entstehen Lebensmittel-Aversionen.

Sie sind notwendig, um möglichst erfolgreich in einer Natur zu überleben, in der wir auf uns allein gestellt sind und nicht z.B. anhand von Pilz- und Kräuterbüchern wissen, was uns bekömmlich ist und was uns ins Krankenhaus oder gar Grab bringt.

Im Prinzip handelt es sich hier um eine klassische Konditionierung, wie sie uns bereits von Pawlow und seinen Hunden bekannt ist. Der Körper hat gelernt, vermeintlich schädliche Substanzen mit starken Unlust-Gefühlen zu koppeln, die in uns hochkommen, bevor wir zum ersten Bissen ansetzen. Diese Konditionierung ist sogar dermaßen stark, dass wir nur daran denken müssen und schon wird uns schlecht.

Soweit so gut. Doch was geht uns das an?

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Fehlkonditionierungen – Lebensmittelaversionen in der Neuzeit

(Bildquelle: Wikimedia.org / FotoosVanRobin ; CC Lizenz)

Der Klassiker der Lebensmittelaversion: Innereien wie Leber. Einige lieben sie, andere kriegen einen Brechreiz davon. Zwingt man Jugendliche und Kinder essen auf, was sie partout nicht mögen, kann es zu prägenden Aversionen kommen – das die Leber zu Unrecht einen schlechten Ruf genießt, kannst du hier nachlesen. (Bildquelle: Wikimedia.org / FotoosVanRobin ; CC Lizenz)

Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass der menschliche Körper auch dann Aversionen zu einem best. Lebensmittel entwickelt, wenn deren Konsum zufällig mit stark negativen Erlebnissen zusammenfällt. Selbst dann, wenn dem Konsumenten bewusst ist, dass es hier keinen direkten Zusammenhang gibt: Des Körpers Prägung ist mächtiger als der diskursive Verstand.

Im Klartext: Wenn wir ein Lebensmittel verköstigen und zeitgleich zufällig Übelkeit, Magenschmerzen oder vergleichbare Krankheitssymptome entwickeln, dann koppelt der Körper diese irrtümlicherweise mit dem Konsum des Lebensmittels. Ernährungspsychologen bezeichnen dies als Abergläubisches Konditionieren.

Über die genauen auslösenden Faktoren ist sich die Wissenschaft noch unschlüssig. Scheinbar vermögen auch unschöne Erlebnisse am heimischen Essenstisch – wie z.B. der elterliche Zwang, das Gemüse oder den Fisch zu essen – derartige Lebensmittelaversionen ins Leben rufen zu können.

So entstehen rein zufällige Fehlkonditionierungen, die uns ein Leben lang belasten und uns dazu bewegen – ohne gerechtfertigte Grundlage – oftmals gesunde und eigentlich wohlschmeckende Lebensmittel zu meiden, die in vielen Fällen unserer Gesundheit, Schönheit und Leistungsfähigkeit zuträglich wären. Wenn da nicht dieses eine Problem wäre.

Geschmack ist subjektiv

Die meisten wissen, wie ekelhaft ein verhasstes Lebensmittel schmecken kann und gesund hin oder her: Wenn der Geschmack so bleibt, dann wird das nichts mit der Überwindung dieser Aversion. Genau dies habe ich regelmäßig von meinen Klienten gehört. Aber nun der schöne Fakt.

Geschmack ist variabel und Fehlkonditionierungen lassen sich auflösen

(Bildquelle: Flickr / Garcinha Marco Abundo ; CC Lizenz)

Eine Augenweide: Wenn du dir dein Essen auch optisch entsprechend zubereitest und unliebsame Lebensmittel mit deinen Lieblingsessen mischt, kannst du die abergäubische Konditionierung mit der Zeit aushebeln. (Bildquelle: Flickr / Garcinha Marco Abundo ; CC Lizenz)

Einerseits habe ich selbst all meine Geschmacksaversionen überwunden und andererseits ist mir dies auch bei vielen Klienten gelungen. Was früher scheußlich war, wird heute gemocht oder zumindest akzeptiert. Im Folgenden nun die – meiner Meinung nach – zwei erfolgreichsten Wege zur Überwindung von Lebensmittelaversionen. Am besten ist es, wenn beide Optionen simultan verwirklicht werden.

  1. Das Koppeln mit Lebensmitteln, die bevorzugt werden
  2. Progressives Vorgehen

Wer z.B. kein Gemüse mag, aber Reis oder Nudeln liebt, der kann das verhasste Gemüse erst einmal nur in ganz geringen Anteilen in Reis oder Nudeln verstecken. Oder er macht einen Hackbraten oder eine Lasagne und versteckt es darin. Oder eine Kartoffelsuppe mit püriertem Gemüse. Wer keinen Fisch mag, der beginnt mit Produkten, die wenig mit Fisch gemein zu haben scheinen – z.B. Fischstäbchen oder Fisch mit Auflage. Wer keine Eier mag, der mischt sie in andere Gerichte wie z.B. Frikadellen oder die Suppe.

Eigentlich lässt sich fast alles in den abertausenden von möglichen Gerichten verstecken oder sonst ein bekömmlicher Zugang finden. Selbst wenn man dafür auch mal stärker würzen oder gar eine geschmacksüberdeckende Beilage – wie z.B. amerikanische Einheitssoße – verwenden muss.

Auf diese Weise lässt sich das gemiedene Lebensmittel in die alltägliche Ernährung integrieren und eine Gewöhnung schaffen. Indem sie zudem mit geliebten Lebensmitteln gekoppelt werden, entsteht ein positives Geschmackserlebnis und mit progressiver Dosierung eine zunehmende Toleranz. Also mit kleinen Portionen anfangen und bei einstellender Gewöhnung die Dosis erhöhen.

Wenn man am Ball bleibt, wird man das ehemals gemiedene Lebensmittel nicht nur tolerieren, sondern auch lernen, es anders zu schmecken. Man entwickelt ein neues Bewusstsein für das eigene Essen und erkennt, wie gut so etwas eigentlich auch munden kann und dass Übelkeit und Erbrechen keineswegs die natürlichen Reaktionen darauf sind.

Leider lernt der Körper nicht so schnell um, wie er gelernt hat, aber nach und nach wird man erkennen, dass die vormalige Aversion eine Fehleinschätzung der Wirklichkeit war und somit überwunden werden kann.

Sind erst einmal positive Emotionen an den Konsum des Lebensmittels gekoppelt, lässt es sich ohne jeglichen Widerstand in den Ernährungsalltag integrieren. Eine große, unbegründete Schwäche wurde besiegt.

Guten Appetit!

Abschließende Worte

(Bildquelle: Amazon.de)

Die Psychologie des Essens und Trinkens: Ein Buch, welches dir einen tieferen Einblick in die Ernährungspsychologie verschafft und sich zur Recherche eignet. (Bildquelle: Amazon.de)

Derartige Experimente sollten natürlich nur dann durchgeführt werden, wenn es sich um “Abergläubische Konditionierungen” handelt. Bei reellen Lebensmittelunverträglichkeiten oder gar Allergien ist davon abzusehen.

Interessant ist zudem die Auseinandersetzung mit der Frage, wie man gezielt Aversionen gegenüber den eigentlich schädlichen Nahrungsmitteln unserer Gesellschaft entwickeln kann. Tatsächlich lässt sich die Vorstellung bzw. der Konsum dieser mit negativen Emotionen koppeln. Hier befinden wir uns bereits im Bereich der rein mentalen Betreuung. Diese wird in den kommenden Jahren immer mehr an Bedeutung erlangen.

Literaturempfehlungen

Einen leicht verständlichen Einstieg findet man in Alexandra W Logues Buch:
Die Psychologie des Essens und Trinkens

Wissenschaftlicher wird es bei Volker Pudels berühmten Buch und doch bleibt er pragmatisch:
Ernährungspsychologie: Eine Einführung

Darüber hinaus gibt es eine Menge weiterer Publikationen, die zum Teil noch auf wagen wissenschaftlichen Erkenntnissen fußen. Diese beiden Werke hier bieten einen guten Einstieg. Wer sich weitergehend einarbeiten möchte, kann sich gerne bei mir melden oder an den Literaturangaben von Logue und Pudel orientieren.


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Über Christian Zippel

Dr. Christian Zippel ist Urheber des 2013 geschlossenen und offline genommenen Kraftsport- und Bodybuilding-Blogs „Der Wille zur Kraft“. Er ist mehrfacher Autor, darunter von Werken wie „Der Wille zur Kraft – Die zehn Gebote kompromissloser Leistungssteigerung“, „HFT: Hochfrequenztraining & Autoregulation“ „Rosenrot – Oder die Illusion der Wirklichkeit“, „Leider geil, fett & faul“ oder „80/20 Fitness – Wenig investieren, viel erreichen“ und promovierte im Bereich der Philosophie.

Auch wenn er sich vielleicht selbst nicht so bezeichnen würde, so ist Christian doch das, was man als „Neuzeit-Philosoph“ bezeichnen könnte. Seine Werke und Artikel – selbst jene, die sich der Leibesertüchtigung verschrieben haben – sind durchtränkt mit philosophischem und erziehendem Charakter. Seine Lehrer? Seneca, Nietzsche, Bruce Lee. Sein Motto? Die Einheit von Körper und Geist. Mens fortis in corpore forti – ein starker Geist in einem starken. Körper.

Er selbst hat sich weitestgehend aus dem Internet zurückgezogen und ist nicht mehr in Blogs oder Foren aktiv. Die hier veröffentlichten Artikel sind aus seinem früheren Blog „Der Wille zur Kraft“ übernommen, da er sie kurz vor Torschluss zur Verfügung gestellt hat.

2014 gründete Christian den Fitness-Buchverlag „Faszination Fitness“, der vor kurzem mit seinem Erstlingswerk von sich reden machte, einem Crowdfunding-finanziertem Buchband namens „Stark & Schön“ in Zusammenarbeit mit Corinna Walther und Andreas Trienbacher.

Wer für ein Coaching oder geistigen Austausch den direkten Kontakt zu Christian sucht, der wird hier fündig: http://www.christian-zippel.de

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Bildquelle Titelbild: Pixabay.com / olaf Broeker ; CC Lizenz


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