Diagnose: Rhabdomyolyse – Eine reale Gefahr?

Diagnose: Rhabdomyolyse – Eine reale Gefahr?

1 Kommentar

Von Ulrike Hacker

Das erste Mal hörte ich davon in dem Wochenendkurs, in dem ich meinen CrossFit-Level-1-Trainerschein erwarb. Bis dahin war mir nie bewusst geworden, dass scheinbar in jedem Training das Risiko einer lebensgefährlichen Nierenschädigung steckt. Seit jenen Tagen im August 2014 bin ich jedoch derartig oft über das Thema gestolpert, dass ich es für sinnvoll erachte, es auch einmal hier anzusprechen, also: Was ist diese Rhabdomyolyse, und macht sie wirklich jedes Training zur tickenden Zeitbombe?

Diagnose – Rhabdomyolyse: Eine reale Gefahr?

Grundsätzliches: Rhabdomyolyse – Was ist das überhaupt?

Unter der Rhabdomyolyse versteht man das Auflösen der Muskulatur mit quergestreifter Faser, also vor allem der Skelettmuskulatur, die zur willkürlichen Bewegung aktiviert werden kann.

Rhabdomyolyse stellt eine besonders schwere und gefährliche Form von Myopathie dar, also eine muskuläre Erkrankung zu der z.B. auch die Herzmuskelentzündung zählt. Die Rhabdomyolyse gehört zu den toxischen, d.h. durch Giftstoffe ausgelöste Myopathien. Eine Entstehung durch äußere, bzw. physische Einwirkungen ist ebenfalls möglich.

Rhabdomyolyse: Was dabei geschieht

Durch das Absterben einer größeren Anzahl an Muskelfasern und -zellen gelangt Kreatinkinase in die Blutbahnen. Das Enzym ist vor allem für die ATP-Regeneration im Energiestoffwechsel der Zelle zuständig. Auch der Muskelfarbstoff Myoglobin und andere Stoffwechselendprodukte wie z.B. Ammoniak oder Aldelase und Elektrolyte aus den Muskelzellen können ins Blut freigesetzt werden.

Rhabdomyolyse: Was sind die Ursachen

Rhabdomyolyse – Was passiert da eigentlich? Schäden an der Muskulatur sorgen dafür, dass vermehrt Myoglobin, ein Protein, welches innerhalb der Muskulatur für den Sauerstofftransport zuständig ist, in in die Blutbahn gerät. Kann das Myoglobin nicht in der Niere gefiltert werden, kommt es zu einer Färbung des Urins, dem sogenannten Coca-Cola Urin. (Bildquelle: Wikimedia.org / AquapatMedia ; CC Lizenz)

Symptome einer Rhabdomyolyse

Coca-Cola Urin bei Rhabdomyolyse

Dunkel gefärbter Urin (“Coca-Cola Urin”) deutet auf enen erhöhten Myoglobinanteil im Urin – und damit eine Rhabdomyolyse – hin. (Bildquelle: Wikimedia.org / James Heilmann; CC Lizenz)

Für die Rhabdomyolyse gilt dasselbe wie für viele andere sehr ernstzunehmende Muskelerkrankungen: Ihre Symptome sind leidlich unspezifisch. Sie kann mit Muskelschmerzen, -verhärtungen und -krämpfen einhergehen. Typisch ist auch ein Anschwellen der Muskulatur mit folgender Lähmungserscheinung. Daneben kann es zu Fieber, Erbrechen, Benommenheit und allgemeiner Schwäche kommen. Bei sehr hohem Myoglobin-Gehalt im Blut kann sich der Urin rötlich bis dunkel verfärben, die Rede ist dann vom sog. „Cola-Urin“.

Symptome können auch stark zeitversetzt zum auslösenden Moment geschehen, beispielsweise 24 Stunden, nachdem eine Verletzung im Training entstanden ist. Für die Diagnose wird zumeist der Kreatinkinase-Gehalt im Blut als gut messbarer Indikator angewendet. Er kann je nach Fortschritt und Schwere der Rhabdomyolyse viele 1000 Prozent über dem Normallevel liegen. Auch die Messung des Kaliumspiegels kann Aufschluss geben, da auch der Mineralhaushalt durch die sich auflösenden Muskelzellen außer Balance gerät.

Der Worst Case: Dialyse und Todesfolge

Geraten die genannten Zellstoffe über das Blut an die Nieren, wo unser Lebenssaft ja stets zur Reinigung eventueller Fremdkörper Station macht, können sie die Nierentubuli, röhrenförmige Strukturen im Nierengewebe, verstopfen und zum akuten Nierenversagen führen. Insbesondere dem Myoglobin soll hier eine bedeutende Rolle zukommen. Wie genau die Zuführung der Muskelbestandteile zum Kollaps des Organs führt, ist noch nicht abschließend geklärt worden.

Myoglobin und Rhabdomyolyse

Das Muskelprotein Myoglobin ist für den intramuskulären Sauerstofftransport zuständig. Infolge von Muskelschäden taucht es vermehrt im Blutkreislauf auf. (Bildquelle: Wikimedia.org / Splete / AzToth ; CC Lizenz)

Im Normalfall stellen zerstörte Muskelzellen den Körper nicht vor eine unlösbare Aufgabe. Er kann Gewebe reparieren und verstärkt es im Zuge dessen sogar gegen weitere Belastungen, genau das also, was mir im Training erreichen wollen. Kommt es zur Rhabdomyolyse, ist der Organismus so intensiv mit der Filtrierung des verunreinigten Blutes beschäftigt, dass die Reparaturmechanismen vernachlässigt werden. Hierdurch kommt es zu den beschriebenen Schwächungen bis hin zu massiven Schwellungen, dem sogenannte Kompartmentsyndrom, kommen. Die betroffenen Muskelpartien können dann irreparabel zerstört sein.

Das ist immer noch nicht das Schlimmste, was im Rahmen einer Rhabdomyolyse eintreten kann. Nierenerkrankungen sind bekanntlich kein Spaß. Viele Berichte schildern Fälle, in denen Betroffene bei ausbleibenden oder verspäteten Gegenmaßnahmen zu lebenslangen Dialyse-Patienten wurden. Auch Todesfälle – hierzu später – sind bekannt.

Behandlungsmöglichkeiten im Falle eine Rhabdomyolyse

Leichte und rechtzeitig erkannte Rhabdomyolyse kann durch eine starke Flüssigkeitszufuhr und ggf. Zufuhr zusätzlicher Elektrolyte behandelt werden. Selbstverständlich ist die Belastung der betroffenen Muskulatur sofort einzustellen, bis sämtliche Auffälligkeiten der Körperpartien abgeklungen sind.

Ist die Gewebeschädigung sehr großvolumig und der Fremdkörpergehalt im Blut entsprechend hoch, bzw. wurden Symptome lange ignoriert, wird eine stationäre Behandlung unabdingbar. Im Krankenhaus erfolgt die Behandlung mittels Infusion oder bei besonders schweren Fällen durch eine Dialyse, bis die Nieren gereinigt und wieder selbstständig funktionstüchtig sind.

Praxis: Wie relevant ist das denn für mich?

Creatine Kinase

Grafische Darstellung des Enzyms Creatin-Kinase, ein Messindikator für Schäden an der Muskulatur. Der CK-Wert ist bei Sportlern (und insbesondere Kraftsportlern) in der Regel trainingsbedingt erhöht. Ein zu hoher CK-Wert kann z.B. auf Übertraining hindeuten. Problematisch wird es allerdings erst, wenn es zu erhöhten CK-Werten kommt, obwohl gar nicht trainiert wird (da es ohne eine Trainingsbelastung nicht zu Muskelschäden kommen sollte). (Bildquelle: Wikimedia.org / Cytochrome C ; CC Lizenz)

Wie viele Menschen deines (vermutlich sportlich eher aktiven Umfeldes) sind bereits von der Rhabdomyolyse betroffen gewesen? Niemand? Nicht weiter überraschend. Allein deswegen sollte man aber ja nie irgendetwas wegdiskutieren.

Tatsächlich gibt es für die Rhabdomyolyse absolute Risikogruppen, zu denen wir mehrheitlich nicht zählen. Häufiger als Freizeitsportler sind nämlich Personen betroffen, die chemische Substanzen zuführen. So wurden viele Fälle unter Alkoholikern und Drogenabhängigen, bzw. bei zeitweilig exzessivem Drogenkonsum beobachtet. Auch bestimmte Medikamente wie z.B. cholesterinsenkende Mittel begünstigen das Eintreten der Myopathie. Ansonsten zählen Infekte oder extreme äußere Bedingungen zu den potenziellen Gefahrenquellen.

Häufig treten sämtliche Faktoren in Kombination auf, etwa im dokumentierten Falle eines jungen Soldaten, der bei mittlerem Fitnesslevel, als gemäßigter Raucher und mit einem durchaus als überdurchschnittlich zu bezeichnenden Alkoholkonsum von 4 bis 6 Flaschen Bier pro Tag während eines Gepäckmarsches an Rhabdomyolyse erkrankte und schließlich verstarb. Hier erschwerte eine hohe Außentemperatur und Luftfeuchtigkeit den Fall.

Rhabdomyolyse ist auch ein präsentes Thema im Pferdesport. Dort geht man von einer Risikosterhöhung durch die typische heu- und getreidereiche Fütterung von Sportpferden aus, die das Natrium-Kalium-Gleichgewicht der Tiere ungünstig verschieben soll.

Nicht außer Acht gelassen sollte die enorme Gefahrensteigerung durch Steroidgebrauch und sonstiges Doping. So ergab auch die Obduktion des österreichischen Bodybuilders Andreas Münzer, der 1996 in jungen Jahren verstarb, (unter anderem) eine massive Nierenschädigung durch Rhabdomyolyse.

Dass ausgerechnet CrossFit der Erkrankung zu nie gekannter Aufmerksamkeit verholfen hat, liegt verständlicherweise an der beispiellosen Intensität der Trainings und daran, dass selbst jeder Freizeit-CrossFitter (ich spreche aus Erfahrung) früher oder später in eine Mentalität verfällt, die dem eigenen Körper gegenüber keine Gnade walten lässt. Auch die ausgeprägte exzentrische Muskelarbeit steht im Verdacht, Rhabdomyolyse zu verursachen. Zu dieser kommt es in langen Workouts mit schwerem Gewicht und hohen Wiederholungszahlen fast zwangsläufig. Das Krankheitsbild ist jedoch auch im reinen Ausdauersport, etwa unter Marathonläufern, verbreitet.

Besonders gefährdet sind, unabhängig von der Art der sportlichen Betätigung, Wiedereinsteiger, die nach langen Trainingspausen wieder mit sofortigem Fullspeed in die Belastung einsteigen.

Vorbeugung und ein Wort zum Schluss

Dialyse bei Rhabdomyolyse

Bleibt die Rhabdomyolyse unbehandelt, kann es zum akuten Nierenversagen kommen. Im Optimalfall bleibt dann noch die lebenslange Lösung als Dialyse-Patient. (Bildquelle: Wikimedia.org / Anna Frodesiak ; CC Lizenz)

Leider existieren kaum Studien und Statistiken zur Rhabdomyolyse und schon gar nicht solche, die beschreiben würden, in welcher Häufigkeit Sportler und Kraftsportler betroffen sind. Die Forschung zu dem Thema, das ja tatsächlich erst kürzlich das Licht der medizinischen Welt entdeckte, kommt jedoch mehrheitlich zu einem Schluss: Rhabdomyolyse ist höchst selten. Punkt. Und es gibt gewiss relevantere Bedrohungen im hochintensiven Training, die vorrangig unsere Aufmerksamkeit verdienen.

Dennoch gilt: Für diese eine Wiederholung mehr, und den einen Restday, auf den wir verzichten aus Angst vor „verlorenen Gainz“, sollte kein Amateursportler einen Platz auf der Eurotransplant-Warteliste riskieren. Zur Vorbeugung der Rhabdomyolyse kann also, wie auch zu sämtlichen sonstigen Verletzungen, Übertrainingszuständen, Herzmuskelentzündungen und so fort nur gesagt werden: Hört in euren Körper rein, ignoriert keine Warnsignale, geht nicht gegen Schmerzen an, trainiert sauber. Eine konkrete Maßnahme im Falle der Rhabdomyolyse besteht in einer ausreichenden Flüssigkeitszufuhr vor, während und nach dem Training.

Aber das muss ja generell eigentlich nicht mehr gesagt werden.


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Über die Autorin – Ulrike Hacker

Ulrike Hacker blickt auf eine mehr als 8-jährige Trainingserfahrung im Bereich des Kraft- und Fitnesssports zurück. Neben ihrem kaufmännischen Studium sammelte Ulrike zahlreiche Erfahrungen im Wettkampfsport, darunter im Bodybuilding als auch im CrossFit und verfügt zusätzlich über ein Level-1-Zertifkat im CrossFit.

Quellenangaben (draufklicken)

[1] Ohne Angabe (2012): Rhabdomyolyse und mehr. In: Pharmazeutische Zeitung. URL: http://www.pharmazeutische-zeitung.de/?id=40742.

[2] Ohne Angabe (2013): Isotretinoin: Todesfall nach Rhabdomyolyse. In: Pharmazeutische Zeitung. URL: http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=45199.

[3] Ince, A./ Kuhlen, R. / Kunitz, O./ Rossaint, R.: Der Anaesthesist. Springer Medizin. URL: http://goo.gl/vcdvG4

[4] Meijer, AEFH., et al. (1989): Histochemische Ãnderungen in Skeletmuskeln von rhabdomyolyse-empfindlichen Trabrennpferden nach Grenzbelastung II. Spätere myopathologische und Regenerationserscheinungen. In: Acta Hisochemica. URL: http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0065128189800248.

[5] Jerusalem, F. / Zierz, S. (2014): Muskelerkrankungen. Thieme Verlag. URL: http://goo.gl/XrBO32

[6] Bitsch, A. / Prange, H. (2004): Neurologische Intensivmedizin. Praxisleitfaden für Neurologische Intensivstationen und Stroke Units. Thieme Verlag. URL: http://goo.gl/lmt1Na.


Bildquelle Titelbild: Flickr / Crossfit Kandahar ; CC Lizenz

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  • Oliver

    Hi Ulrike,

    wie sieht es denn mit den CK-Wert und der Einnahme von Creatine aus.
    Da ist der CK-Wert doch nicht mehr aussagekräftig.

    Gruß
    Oliver