Bodybuilding ist tot

Bodybuilding ist tot

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Von Christian Zippel  |

Bodybuilding ist tot

Christian Zippel: Bodybuilding ist totIch war nie ein Bodybuilder – zumindest nicht gerne, da dieser Begriff einen unschönen Beigeschmack hat so wie ein saftiges, aber versalzenes Steak. Für meine Außenwelt schien ich ziemlich sicher ein „BBler“ zu sein, da ich vernarrt mit immer schwereren Gewichten kämpfte, aus immer größeren Trögen futterte und Pflanzenöl-Flaschen zum Container schleppte, wie ein Alki seine Vodka-Behältnisse. Im Zuge der letzten 14 Jahre wuchs ich so von knapp unter 50 kg auf über 100 kg heran. Kiloweise Fisch, Fleisch, Eier, Milch und Quark zierten meinen Ernährungs-Alltag. 200-400 g Nüsse täglich, ganz normal. Und um das alles zu verdauen kamen noch 6-8 Liter Wasser und Tee hinzu.

Die Bühne interessierte mich nicht und meine Prinzipien waren mir wichtig, weshalb die pharmazeutische Keule nie in Betracht kam. Mir ging es nicht einfach um möglichst viel Masse, sondern um möglichst viel Masse aus eigener Kraft und mit den Möglichkeiten, die mir Mutter Natur in die Gene gelegt hat. Das war meine Herausforderung! Wohl die stärkste meines bisherigen Lebens. Kein Stift kann beschreiben, was dabei in einem vorgeht.

Nur wer selbst erlebt, wie es ist, des Morgens zu erwachen und zuerst an Kreuzheben, Eiweiß und den eigenen Brustumfang zu denken, vermag das nachzufühlen. Das mag oberflächlich erscheinen, aber der Schein ist in dem Fall scheiß egal: Was so erfüllend ist wie Bodybuilding kann nicht oberflächlich sein.

Der Drang zu Wachsen gräbt sich tief bis in die letzte Zelle des Körpers hinein und ergreift vollständig von einem Besitz. Völlig egal, ob es sich dabei um einen freien oder unfreien Willensakt handelt, Hauptsache er ist stark und kompromisslos – und das war er. Bodybuilding ist wohl der beste Weg, für den sich ein Mensch entscheiden kann, will er das Wachstum seines Körpers über sein natürliches Maß hinaus provozieren. Ich bin noch jung, aber ich habe viel Erfahrung und mit etwas Hochmut will ich sagen: Wenn man erst einmal gelernt hat, die richtigen Hebel umzulegen, die bei einem das Wachstum in Gang bringen, dann ist es relativ simpel, die eigene Entwicklung zu steuern. Diät, Aufbau usw. Alles eine Frage der Vorgehensweise. Keine große Wissenschaft. Man muss es einfach machen – was verdammt schwer ist!

Kämpft man sich so voran, dann wird man früher oder später ein Niveau erreichen, das sich sehen lassen kann. Will man dann noch höher hinaus, wird jeder weitere Schritt unverhältnismäßig viel Aufwand in Kauf nehmen. Das Pareto-Prinzip lässt grüßen. Es folgt der Krieg gegen innere und äußere Trägheiten, die einen am Boden an die Normalität fesseln. Will man zum Höhenflug ansetzen, so gilt es diese Fesseln zu sprengen und einen gewichtigen Teil von sich selbst zu überwinden, am Boden zurückzulassen. Je höher man steigt, desto kälter und einsamer wird es, desto mehr muss man auch sich selbst zurücklassen und nur das mit hinauf nehmen, was wirklich wichtig ist: das Wesentliche!

Will man ein Meister der Entwicklung werden, so wird man dies nur im Einklang mit den eigenen Talenten schaffen. Dieser Punkt war mir stets einerlei, ja ich vernachlässigte ihn sträflich: Ich wollte Max-Kraft und Muskelmasse – obwohl mein Körper alles andere als dafür geschaffen war. Gerade das war die große Herausforderung für mich. Mit guten Kraft-Werten (z.B. Kreuzheben 244 kg/20×180 kg) und ordentlich Muskelmasse hatte ich erreicht, wonach ich so lange strebte.

Doch was nun?

Christian Zippel BWE Training

Wie bei jedem Ziel folgt die Ernüchterung auf den Fuß, sobald man es erreicht hat. Zumindest geht es mir so: Bin ich mit etwas zufrieden, so verliert es seine Bedeutung für mich. Fakt ist: Der Kampf dorthin hat mich zu einem stärkeren Menschen gemacht. Die Masse oder Leistung selbst lässt mich jedoch zu keinem besseren Menschen werden. Mit der Entwicklung wächst man, nicht am Erreichen und Bewahren. Letzteres gleicht dem Konservieren des eigenen Selbst, einem vorzeitigen Tod.

Ein starker Mensch definiert sich nicht über seine Vergangenheit, sondern über das, was er gegenwärtig ist, woran er im Moment denkt, fühlt, glaubt und wonach er strebt. Will er zu neuen Höhenflügen ansetzen, so muss er vergangene Errungenschaften los lassen können, denn sie würden ihn nur belasten. Frei muss man sein, will man noch weiter hinauf. Das ist der Grund dafür, dass so viele Menschen es nicht höher schaffen: Sie sind unfähig loszulassen, klammern sich ängstlich an alles, was sie je erreicht und mühevoll zusammengerafft haben, wegen des Trugschlusses, sie würden sich über diesen toten Ballast von Materie und Vergangenheit definieren, und in der Furcht, sie könnten all das verlieren. Dies glauben sie als ihr Himmelreich und doch ist es ihre Hölle. Besessen von dem, was sie besitzen. Das ist der Dämon in jedem Menschen – seine Streben nach Besitz und äußeren, gesellschaftlichen Erfolgen wie Titel, Pokale und Stellungen. Davon wollte ich mich frei machen. Also musste eine Entscheidung her, wie es weitergehen soll.

Sicherlich wäre noch einiges an Masse und Kraft drin gewesen, hätte ich mich noch extremer darauf konzentriert, aber zusehends verlor ich das Interesse an diesem Weg. Mit über 100 kg entfernt man sich optisch immer stärker von dem optischen Niveau, das man als ästhetisch bezeichnen würde. Immer weniger wird man gefallen, immer mehr auffallen. Mir selbst missfiel diese Richtung. Auch mit zunehmender Kraft würde ich mein Leben nicht mehr weiter bereichern können. Ob ich nun 240 kg hebe oder 280 ist – außerhalb der Heberbühne – kaum von Belang.

Am schwersten gewichtete jedoch meine philosophische Einstellung, die sich in den letzten Jahren zusehends in Richtung Minimalismus entwickelt hat. Treu meinem Lieblingsphilosophen Bruce Lee:

“It’s not the daily increase but daily decrease. Hack away at the unessential.”

Und so kürzte ich immer stärker alles hinweg, was unnötig für meine Entwicklung war – und das war ein gewichtiger Teil von meinem vorherigen Leben. Ansätze davon erkennt man in Artikeln wie Bring den Müll raus! und Wider die Oberflächlichkeit.

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Es war nur eine Frage der Zeit

Christian Zippel…bis dieser Minimalismus mit einem ganz bestimmten Aspekt meiner BB-Bestrebung kollidierte. Dank meines rasenden Stoffwechsel kam ich nicht umhin Unmengen an Kalorien zu vertilgen, um mich im Bereich von 100 kg halten zu können. Ein weiterer Aufbau (egal ob von Muskel- oder Fettmasse) wäre nur mit noch einer zusätzlichen Steigerung möglich gewesen. Und so musste ich mich entscheiden: maßloser Konsum oder Minimalismus?

Alles andere in meinem Leben hatte ich schon eingenordet, aber hier prangte jenes Wort, welches in meinem Streben keinen Platz findet: „Kompromiss“. Was ist wichtiger: überdurchschnittlich viel Muskelmasse oder die kompromisslose Einhaltung der eigenen Prinzipien?

Ich entschied mich für letzteres, aus einem einfachen Grund: Im Zuge des Lebens unterliegt die körperliche Entwicklung Schwankungen. Masse bleibt nicht für immer. Prinzipien hingegen sind etwas Ewiges – unabhängig von der körperlichen Erscheinung sind sie gültig und somit auch wertvoller. Die Untreue meiner Masse gegenüber ist entschieden, nur eine Frage der Zeit – unabhängig meines Willens. Die Untreue meinen Prinzipien gegenüber vermag ich zu vermeiden, solange ich bei klarem Verstand bin – frei nach meinem Willen. Die Entscheidung war gefallen!

So begann ich, deutlich weniger zu essen. Momentan hat es sich bei angenehmen 3000-5000 kcal pro Tag eingependelt und der Zeiger auf der Waage bewegt sich Schritt für Schritt weiter nach unten – und passiert gerade die 88 kg-Marke. Zu Beginn erwuchs ein kleines Ego-Problem. Schließlich setzt man die Reputation eines Athleten nur zu gern mit dem Umfang seines Oberarmes gleich und auch der begann zu schrumpfen – auf mom. 42,5 cm. Sollte ich das alles wirklich aufs Spiel setzen? Zweifel kamen auf… Aber dann schaffte ich innerlich den Absprung und es wurde mir egal.

Egal…

…was andere Bodybuilder denken und worüber sie mich definieren. Das verlor seine Bedeutung für mich und so schaffte ich es, mein Selbstbild von dem Ausmaß meiner Muskelmasse zu entkoppeln. Das mag komisch und für viele selbstverständlich klingen, aber für jemanden, der mehr als sein halbes Leben für das Wachstum seiner Muskulatur gelebt hat, geschieht es ganz automatisch, dass er sich über eben diese definiert – wie ein Rennfahrer über sein Auto, ein Model über seine Sedcard und der gemeine Internet-User über sein Facebook-Profil.

Wofür wir leben, wonach wir streben, das wird ganz unvermeidlich ein Teil von uns und das ist auch gut so. Nur darf man sich nicht daran ketten, man muss loslassen können, wenn die Zeit gekommen ist. Meine Zeit ist gekommen und so sage ich: Adé Bodybuilding!

Ein kleiner Ausblick

Christian Zippel - Bodybuilding ist totMit diesem folgenreichen Entschluss fiel ein gewaltiger Stein von meinem Herzen. Wenn es einem egal ist, ob man heute weniger muskulös ist als gestern, wenn man auch mal für längere Zeit fastet, anstatt sich pausenlos Tausende von Kalorien hineinzupressen, dann gewinnt man deutlich mehr Freiheit. Ich bin dem Minimalismus ein Stück näher und fühle mich besser denn je.

Natürlich gibt es weder eine Pause noch tatsächlichen Rückschritt. Vielmehr eine neue Herausforderung, noch kompromissloser und diesmal in voller Übereinstimmung mit meinem Lieblingsprinzip: Naturbelassene Ernährung mit nicht mehr als 5000 kcal pro Tag und weiterhin mehrmals tägliches Training mit dem Schwerpunkt auf Körpergewichtsübungen – zudem Kampfsport, Intervalltraining und selbstverständlich werde ich auch weiterhin täglich heben oder beugen, nur mit deutlich weniger Druck und mehr Fokus auf Stabilität, Gesundheit und Leistungsfähigkeit, z.B. durch den verstärkten Einsatz von einbeinigen und asymmetrischen Übungen.

Ziel ist eine ästhetische Erscheinung, die Maximierung der Körperbeherrschung und eine zielgerichtete Weiter-Entwicklung auf der geistigen Ebene. Erstmals kämpfe ich im Einklang mit meiner Veranlagung zum drahtigen Äußeren und der Schnelle meines Stoffwechsels. Mein Körper wird sich dramatisch verändern – ebenso meine Persönlichkeit. Nun ist Schluss mit den Umfangs-, Gewichts- und Körperfettmessungen, den unmenschlichen Ernährungsplänen, dem Drang nach Masse und dem Streit über Details und Methoden. Die neue Leichtigkeit und Herausforderung wird mir helfen, mein naturgegebenes Potenzial weiter zu entfalten, meinen Geist zu stärken, respekt- und humorvoller mit anderen Athleten umzugehen, meinen Körper zu beherrschen und eine definierte, athletische Form zu erreichen – ohne den Luxus überschüssiger Masse.

Luxus und Minimalismus verstehen sich nun einmal nicht!

Nichtsdestotrotz bereue ich nichts und möchte die Zeit nicht missen. Ich bin enorm an ihr gewachsen. Und hätte ich meine Bestrebungen nicht derart auf die Spitze getrieben, dann würde ich die Welt, die sich mir nun öffnet, nicht so klar sehen. Bodybuilding ist eine wahre Kunst, eine Philosophie und wirklich erfüllend. Es gibt viele sympathische Athleten, die ich in den letzten Jahren kennen lernen durfte und zu denen der Kontakt weiterhin leben wird. Darüber hinaus danke ich vielen anderen Bodybuildern, die mir gezeigt haben, wie ich nicht werden will. Sie haben mir den Abschied leicht gemacht.

Ich wünsche euch allen das Beste und breche dann mal auf – zu neuen Höhen!

Euer Christian

“Im Ernst, wenn Du immer Grenzen an das legst, was Du tun kannst, ob körperlich oder irgendwo anders, dann wird sich dies auf Dein gesamtes Leben übertragen. Es wird sich auf Deine Arbeit, Deine Moral, Dein gesamtes Sein übertragen. Es gibt keine Grenzen. Es gibt Plateaus, aber dort darfst Du nicht verweilen, Du musst sie überwinden. Wenn es Dich umbringt, dann bringt es Dich halt um. Ein Mann muss seinen Horizont beständig erweitern.” Bruce Lee


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Über Christian Zippel

Dr. Christian Zippel ist Urheber des 2013 geschlossenen und offline genommenen Kraftsport- und Bodybuilding-Blogs „Der Wille zur Kraft“. Er ist mehrfacher Autor, darunter von Werken wie „Der Wille zur Kraft – Die zehn Gebote kompromissloser Leistungssteigerung“, „HFT: Hochfrequenztraining & Autoregulation“ „Rosenrot – Oder die Illusion der Wirklichkeit“, „Leider geil, fett & faul“ oder „80/20 Fitness – Wenig investieren, viel erreichen“ und promovierte im Bereich der Philosophie.

Auch wenn er sich vielleicht selbst nicht so bezeichnen würde, so ist Christian doch das, was man als „Neuzeit-Philosoph“ bezeichnen könnte. Seine Werke und Artikel – selbst jene, die sich der Leibesertüchtigung verschrieben haben – sind durchtränkt mit philosophischem und erziehendem Charakter. Seine Lehrer? Seneca, Nietzsche, Bruce Lee. Sein Motto? Die Einheit von Körper und Geist. Mens fortis in corpore forti – ein starker Geist in einem starken. Körper.

Er selbst hat sich weitestgehend aus dem Internet zurückgezogen und ist nicht mehr in Blogs oder Foren aktiv. Die hier veröffentlichten Artikel sind aus seinem früheren Blog „Der Wille zur Kraft“ übernommen, da er sie kurz vor Torschluss zur Verfügung gestellt hat.

2014 gründete Christian den Fitness-Buchverlag „Faszination Fitness“, der vor kurzem mit seinem Erstlingswerk von sich reden machte, einem Crowdfunding-finanziertem Buchband namens „Stark & Schön“ in Zusammenarbeit mit Corinna Walther und Andreas Trienbacher.

Wer für ein Coaching oder geistigen Austausch den direkten Kontakt zu Christian sucht, der wird hier fündig: http://www.christian-zippel.de

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Bildquelle Titelbild: Christian Zippel


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  • Njöreb

    Deine Einstellung gefällt mir sehr und ich bewundere deine Reife und Weisheit. Für einen Mann in deinen frühen Jahren besitzt du ein außergewöhnlich hohes Maß an Einsicht und Großmut.

    Der Gedanke etwas aufzugeben ,widerstrebt einem Menschen, weil es immer einen scheinbaren Verlust darstellt, entweder an materiellen Dingen oder an Gewohnheiten und Liebsamkeiten. Erst am erfolgreichen Ende dieses Prozeß, erkennt man den tieferen Wert der Dinge und den Gewinn an geistigen Fähigkeiten. Ich finde daß hier Friedrich Schillers Werk, der Kampf mit dem Drache genannt werden kann. Der Kreuzritter entledigt sich am Ende seines Stolzes und seiner Erwartung der Bewunderung und Anbetung daß er das unmenschliche vollbrachte und den Drachen tötete. Am Ende zeigt er Demut. Das ist die Analogie zu deinem Artikel statt vor mit dem Erreichten zu prahlen, noch mehr zu wollen der Welt die körperliche Überlegenheit zu demonstrieren lässt du ab und schaffst den Transfer, die Brücke zu schlagen den Geist, letzten Endes durch die physische Vollendung des Körpers, zum wahren “Riesen” werden zu lassen.

  • Hi Christian,
    schön geschrieben und beeindruckende Bilder. Der verfluchte einarmige Pull-up ärgert mich schon seit Monaten. Irgendwie sehe ich da keine Fortschritte – Hast Du ein paar Tipps für mich?
    Gruß Micha