Darmgesundheit & Immunabwehr: Wie chronischer Stress deiner Gesundheit (und Darmflora) schadet

Darmgesundheit & Immunabwehr: Wie chronischer Stress deiner Gesundheit (und Darmflora) schadet

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Von Hendrik Ortmann

Eine Woche Auszeit wegen einer Erkältung. Gezwungenermaßen auch eine Trainingsauszeit. Solche Momente erlebt jeder, manche sogar mehrmals pro Jahr.  Tipps, wie man sich gegen Infekte schützt, gibt es viele. Grippeimpfung, gesunde Ernährung, viel Obst und Gemüse, Sport und vieles mehr wird in zahlreichen Ratgebern zuhauf beschrieben und erläutert.

Was gibt es dazu also noch zu sagen?

Eine recht neue Forschungsrichtung beschäftigt sich mit der Rolle des Darms bei der Immunabwehr. Was für viele zunächst merkwürdig klingt, wird beim näheren Betrachten klar: Rund 80% der Immunzellen des menschlichen Körpers befinden sich in der Mukosa, einer Schicht der Darmschleimhaut [8]. Damit spielt der Darm eine lange unterschätzte Rolle in der Abwehr von Krankheitserregern.

Darmgesundheit & Immunabwehr: Wie chronischer Stress deiner Gesundheit (und Darmflora) schadet
Wie funktioniert die Immunabwehr im Darm?

(Bildquelle: Pixabay.com / Open Clipart Vectors ; CC Lizenz)

Die Gesundheit beginnt im Darm: Da ist mehr dran, als viele wissen, denn der Darm gilt auch als „das zweite Gehirn“ des Körpers. Aber wie hängt das Immunsystem da mit drin? (Bildquelle: Pixabay.com / Open Clipart Vectors ; CC Lizenz)

Die Darmschleimhaut ist mit zirka 30-40m2die größte Grenzfläche des menschlichen Körpers zur Umwelt [4]. Die Haut, die eine Oberfläche von ca. 2m2 hat, ist dagegen nur einen Bruchteil so groß.  Durch die Oberflächenvergrößerung im Darm bietet dies nicht nur eine wunderbare Diffusionsfläche für Makro- und Mikronährstoffe, sondern eben auch für Bakterien, Viren oder Pilze.  Um sich gegen diese Eindringlinge zu wappnen, gibt es im Darm verschiedene Strukturen, die sich um die Abwehr kümmern.

Da wären zum einen die Peyerschen Plaques, Ansammlungen von Lymphzellen, die im Verlauf ihrer Entwicklung zu Plasmazellen heranreifen und durch das Ausschütten von Antikörpern etwaige Krankheitserreger bekämpfen können. Außerdem sind die einzelnen Schleimhautzellen des Darms untereinander durch sogenannte „tight junctions“ verbunden. So bilden die epithelialen Zellen einen ununterbrochenen Zellverbund, der als mechanischer Schutz das Eindringen von Erregern aus dem Darm in den Blutkreislauf verhindert.

Unverzichtbar für unsere Abwehr – und seit ein paar Jahren Gegenstand zahlreicher Studien – ist die intestinale Mikrobiota. Die Mikroorganismen, die in hoher Zahl (etwa 1014, sprich: 100 Billionen) unser Verdauungssystem bevölkern und sich aus 300-1000 Arten zusammensetzen, haben offensichtlich einen viel größeren Einfluss auf unseren Körper als bisher vermutet [1].

Wieso haben wir so viele Bakterien in unserem Körper und was ist deren Aufgabe?

Die Vorstellung, dass 2kg unseres Körpergewichtes auf die Masse unserer Mikroorganismen zurückzuführen sind, ist für die meisten Menschen eher eine beunruhigende, als erfreuliche Nachricht. Bakterien haben im Allgemeinen einen schlechten Ruf. Sie werden mit verschiedensten Entzündungen, Infektions- oder Kinderkrankheiten assoziiert. Dass Bakterien für unseren Körper aber unverzichtbar sind und dass wir ohne einige gar nicht überlebensfähig wären, ist den Allerwenigsten bekannt.

Somit lassen sich zwei Arten von Bakterien unterscheiden: Die, die unseren Körper besiedeln und in den allermeisten Fällen apathogen (nicht krankheitsauslösend) sind, und diejenigen, die für die besagten Infektionen sorgen, also pathogen sind.

Im Folgenden möchte ich mich auf die Funktion der „guten“ Bakterien fokussieren und die wunderbaren Eigenschaften genauer darstellen.

Bakterien: Welche Arten unterscheiden wir?

(Bildquelle: Pixabay.com / Open Clipart Vectors ; CC Lizenz)

Von diesem Gesellen hier möchtest du eher nicht so viele haben… (Bildquelle: Pixabay.com / Open Clipart Vectors ; CC Lizenz)

Die Aufgaben der Bakterien sind genau so zahlreich, wie die Anzahl der Arten. So dienen einige Bakterien z.B. der Biotin-Synthese (Bacteroides) [5] andere sorgen dafür, dass vermehrt Enzyme zur Spaltung unverdaulicher Kohlenhydrate ausgeschüttet werden (Firmicutes) [5], und wieder andere können immuno-modulatorische Effekte erzielen [3].

Welche Mechanismen sorgen dafür, dass die „schlechten“ Bakterien nicht überleben?

Es gibt zahlreiche Mechanismen, die sich positiv auf die Abwehr von Krankheitserregern im Darm auswirken. Eine detaillierte Beschreibung aller Vorgänge würde die Länge dieses Artikels sprengen, weshalb nun die wichtigsten allgemeinverständlich beschrieben werden. 

#1 Konkurrenz

Über die Nahrung, über Kontakt mit anderen Menschen (z.B. Küssen) oder über die Luft nehmen wir ständig Bakterien auf, von denen einige pathogen sind, bzw. in bestimmter Dosis pathogen wirken können.

Im Darm konkurrieren die dort lebenden sowie die extern aufgenommenen Bakterien um die ankommende Nahrung. Ist die intestinale Mikrobiota im Gleichgewicht – das heißt: Es ist eine hohe Vielzahl an verschiedenen „guten“ Bakterien vorhanden – fällt es den ankommenden Bakterien schwerer, sich dort anzusiedeln und zu überleben, da einfach zu wenig Nährstoffe vorhanden sind. Außerdem werden Rezeptoren, die z.B. eine Entzündungsreaktion auslösen können, von „guten“ Bakterien besetzt, sodass die „schlechten“ eine kleinere Angriffsfläche haben [2].

Eine artenreiche Darmflora hemmt also allein durch das Konkurrenzverhalten um Nahrung und Rezeptoren das Wachstum von Krankheitserregern und das Ausbrechen von Infektionen.

#2 Produktion antimikrobieller Substanzen

(Bildquelle: Pixabay.com / Open Clipart Vectors ; CC Lizenz)

…dafür umso mehr von diesem guten, der Gesundheit zuträglichen, Bakterium. (Bildquelle: Pixabay.com / Open Clipart Vectors ; CC Lizenz)

Einige Arten, die unseren Darm besiedeln, haben die Fähigkeit, Substanzen zu bilden, die gezielt andere Mikroorganismen abtöten können. So ist z.B. bekannt, dass Lactobacillus casei, Lactobacillus reuteri und Saccharomyces boulardii verschiedene Arten von Bakteriozinen absondern und auf diese Weise den Zelltod anderer Bakterien herbeiführen [2].

Die Wirksamkeit dieser Stämme konnte vor allem bei viralen Darminfekten belegt werden [9]. Dazu wurden die genannten Bakterien den Studienteilnehmern als Bakteriencocktail 2-4x am Tag verabreicht und die Auswirkung auf das Infektionsgeschehen beobachtet. 

#3 Aktivierung von Fresszellen und Kenntlichmachung von Krankheitserregern

Makrophagen, oder auch Fresszellen genannt, sind eine spezielle Art von weißen Blutkörperchen, die in der Lage sind, sich fremde Zellen einzuverleiben und sie damit unschädlich zu machen. Daher stellen sie für das Immunsystem eine unwahrscheinlich wichtige Komponente dar. Einige Bakterienstämme sind in der Lage, die Makrophagen verstärkt zu aktivieren und ihnen die Krankheitserreger „zu zeigen“. Dies geschieht mithilfe von Proteinkomplexen, die an die körperfremden Zellen angedockt werden [2].

Das Immunsystem: (Bildquelle: Wikimedia.org / Mikael Häggström ; CC Lizenz)

Das Immunsystem und seine Kaskade: Zuerst werden sogenannte Antigene (Quelle: Bakterien, Viren, chemische Substanzen etc.) von Antigen-präsentierenden Zellen (APC) aufgenommen und T-Helferzellen „vorgezeigt„. Im nächsten Schritt schütten diese aktivierten T-Helfer Zellen sogenannte Zytokine (Botenstoffe) aus, welche das Immunsystem in Form von Makrophagen, B-Zellen und Killer-T-Zellen auf den Plan rufen. Es sind die B-Zellen, welche für die Produktion von Antikörpern in großer Zahl zuständig sind, welche uns Immunität gegen Krankheitserreger verleihen. Der Darm ist flächenmäßig die größte Körperfläche, die mit „Fremdkörpern“ (und damit Krankheitserregern) in Verbindung kommt (die wir über Nahrung und Flüssigkeiten aufnehmen)(Bildquelle: Wikimedia.org / Mikael Häggström ; CC Lizenz)

Was für die Immunabwehr gilt, lässt sich auch auf andere Bereiche, wie z.B. Verdauung, Stoffwechsel und Psyche übertragen. Überall leisten Bakterien dem Körper wichtige Hilfe, ohne die er vermutlich nur schwerlich überleben könnte. Deshalb ist es sinnvoll, sich mit den Bewohnern des Darms zu beschäftigen, denn die „guten“ Bakterien bleiben nur, wenn sie sich bei ihrem Wirt auch wohlfühlen. Um dies zu erreichen, gibt es verschiedene Möglichkeiten, die meine Kollegin Anna Kemper bereits in ihrem zweiteiligen Artikel „Darmbakterien – Und ihre Rolle im Kampf gegen die Pfunde“ beschrieben hat

Neben der Ernährung, dem Einsatz von Prä- und Probiotika, gibt es aber auch noch andere Faktoren, die es in Bezug auf ein intaktes Mikrobiom zu beachten gilt.

Warum chronische Stresszustände unseren Bakterien schaden

Problemfall Leaky Gut: Sind die sogenannten "tight junctions"(Bildquelle: Wikimedia.org / LadyofHats ; CC Lizenz)

Problemfall Leaky Gut („Löchriger Darm“): Sind die sogenannten „tight junctions“ nicht dicht, dringen Fremdstoffe aus dem Darm in die Umgebung, wo es neben Entzüngungsreaktionen auch einem höheren Risiko für Infekte und allergische Reaktionen kommt. (Bildquelle: Wikimedia.org / LadyofHats ; CC Lizenz)

Chronischer Stress ist Gift für unseren Körper: Er bringt den Hormonhaushalt durcheinander, macht unzufrieden und schwächt das Immunsystem. Das liegt unter anderem an Vorgängen, die im Darm ihren Ursprung haben.

Stresshormone wie z.B. Cortisol, die zunächst für eine Aktivierung des Immunsystems sorgen, werden bei anhaltendem Stress nicht mehr ausreichend produziert, wodurch es zu entzündlichen Reaktionen kommt, die auch den Darm beeinflussen. Die tight-junctions, die im physiologischen Zustand die mechanische Barriere zwischen Darm und Körper bieten, werden durch die auftretenden Entzündungsreaktionen aufgelöst. Folglich können Bakterien, Toxine oder andere pathogene Stoffe in den Körper gelangen und den den Körper attackieren. [6]

In der Medizin hat sich für diesen Zustand des „löchrigen Darms“ der englische Begriff leaky gut geprägt. Doch nicht nur Stress, sondern auch Fehlernährung und häufige Antibiotikagaben können diese Reaktion hervorrufen. Eine akute Schwächung des Immunsystems ist die Folge. Dadurch können z.B. Erkältungen, Magen-Darm-Infektionen oder Harnwegsinfekte schnell Einzug in unseren Körper erhalten, ohne, dass sich dieser großartig wehren kann. Gerade bei Menschen, die häufiger von solchen Krankheiten heimgesucht werden, ist ein leaky gut häufig eine Ursache. [7]

Daher lohnt es sich besonders für diese Menschen, den behandelnden Arzt nach einer Möglichkeit zur immunologischen Untersuchung des Stuhlgangs und des Blutes zu fragen, denn dort kann die Beschaffenheit der Mikrobiota (Stuhlgang) und das potenzielle Vorliegen eines leaky gut (Blut) bestimmt werden. Daraus leiten sich dann maßgeschneiderte Therapien ab, die je nach Beschwerdebild individuell bestimmt werden.

Auch in Eigenregie ist es möglich, dem Darm und seinem Immunsystem etwas Gutes zu tun. Ernährungstipps für einen gesunden Darm findest du hier.

Für Menschen, die sich häufig gestresst fühlen, lohnt es sich, tägliche Routinen zur Entspannung einzuüben, die im Idealfall nicht mehr als ein paar Minuten pro Tag benötigen. Dabei reichen die Möglichkeiten von Power-Napping über Meditation bis hin zu Yoga oder autogenem Training. Und allein dadurch macht man den Darm und damit den ganzen Körper widerstandsfähiger und gesünder. Es ist also einen Versuch wert!

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Bildquelle Titelbild: Flickr / Day Donaldson ; CC Lizenz

Über den Autor – Hendrik Ortmann

Ich bin Hendrik Ortmann, ausgebildeter Gesundheits- und Krankenpfleger und aktuell Student der Humanmedizin.

Das Thema Ernährung war schon immer in meinem Fokus und Literatur zu dem Thema kann gar nicht genug ins Haus flattern. Bewusstes und gesundes Essen in den Trainingsplan einzubauen ist für mich so wichtig wie das Training selbst. Ich finde es wichtig, über Ernährungsmythen und Fehlernährung aufzuklären, damit jeder einzelne über sich hinauswachsen kann und damit fitter, stärker und gesünder wird.

Quellenangaben (draufklicken)

[1] Biedermann, L. (2014): Die intestinale Mikrobiota: Rolle bei IBD, Rauchstopp, Adipositas, Stuhltransplantation. URL: http://www.mucosalimmunology.ch/images/content/PPT-presentations_free_access/lectures/24-04-14-Biedermann_Microbiota_Vortrag_ForschungindiePraxis.pdf.

[2] Bischoff, S. / Meuer, S. (2014): Darm und Immunsystem – Abwehr aus dem Bauch heraus. In: ARS MEDICI: 4/2014. URL: www.rosenfluh.ch/media/arsmedici/2014/04/Darm_und_Immunsystem.pdf.

[3] Deutsche Gesellschaft für Mukosale Immunologie und Mikrobiom (DGMIM e.V.) (2012): Mikrobiota und darmassoziiertes Immunsystem – Schlüssel für viele „Volkskrankheiten“?!. URL: www.dgmim.de/index.php?id=229
[4] Frändricks, L. / Helander, H. (2014): Surface Area Of The Digestive Tract – Revisited. In: Scandinavian Journal of Gastroenterology.  URL: www.tandfonline.com/doi/abs/10.3109/00365521.2014.898326.

[5] Hahne, D. (2013): Intestinale Mikrobiota – Ein „Ökosystem“ mit Potenzial. In: Deutsches Ärzteblatt: 8/2013. URL: www.aerzteblatt.de/pdf/110/8/a320.pdf?ts=19.02.2013+10%3A10%3A32.

[6] Höhl, R. (2013): Stress beginnt im Darm (Interview mit Mag. Anita Frauwallner und Univ.-Prof. Mag. Dr. Peter Holzer). In: Komplementärmedizin: 4/2013. URL: www.springermedizin.at/artikel/37714-stress-beginnt-im-darm

[7] Institut für Mikroökologie: Leaky gut sicher diagnostizieren – mit Zonulin (o.J.). URL: www.mikrooek.de/fuer-aerzte-und-therapeuten/unsere-diagnostik/unklare-abdominalbeschwerden/zonulin/.

[8] Pauli, C. (2010): Darm-Mikrobiota – Partner des Immunsystems. In: Pharmazeutische Zeitung: 49/2010. URL: www.pharmazeutische-zeitung.de/?id=36170.

[9] World Gastroenterology Organisation (2011): Probiotics and Prebiotics. URL: www.worldgastroenterology.org/guidelines/global-guidelines/probiotics-and-prebiotics/probiotics-and-prebiotics-english.

Keywords: Immunsystem, Darmflora, Mikrobiota, Darmsanierung, Darmbakterien, Probiotika, Prebiotika, Synbiotika, Stress, Darmgesundheit.

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