Melatonin als Anti-Östrogen? | Studien Review

Melatonin als Anti-Östrogen? | Studien Review

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Von Damian N. Minichowski |

Melatonin kennen die meisten von uns als das Einschlafhormon, welches vom Körper über die Aminosäure L-Tryptophan gebildet und im Zuge der Dämmerung ausgeschüttet wird, um ums müde und schläfrig zu machen.

Ich hatte bereits indirekt über die Funktion  von Melatonin in einem längeren Artikel zum Thema Einschlafschwierigkeiten durch künstliches (blaues Licht) geschrieben, welches die Melatoninausschüttung unterdrückt und dafür sorgt, dass du dich zu Hause stundenlang im Bett von A nach B drehst und keinen Weg in das Reich von Morpheus findest.

Aus diesem Grund erfreut sich die Supplementation mit Melatonin recht großer Beliebtheit bei all jenen, die entweder unter Jet-Lag leiden oder nicht ein- und durchschlafen können.

Hormone werden deswegen so bezeichnet, weil sie oftmals eine viel weitreichendere Wirkung haben, als einige Menschen glauben mögen. Ein Hormon kann für eine bestimmte Aufgabe bekannt sein (z.B. Insulin als „Speicherhormon“ oder Melatonin als „Schlafhormon“), aber noch ganz andere Effekte in uns haben – insbesondere wenn es in pharmakologisch wirksamen Dosierungen eingenommen wird.

Meine Kollegin Karolina hatte in einem anderen Artikel bereits das muskelaufbaufördernde Potenzial durch Melatonin beleuchtet. In diesem Artikel werden wir uns eine 6-monatige Studie anschauen, welche die Auswirkungen von Melatonin auf die männliche Reproduktionsfähigkeit näher untersucht hat.

Melatonin als Anti-Östrogen? | Studien Review

Was passiert, wenn du als Mann über einen Zeitraum von einem mindestens 3 Monaten rund 3mg Melatonin (Melatone®) auf täglicher Basis einnimmst?

Zuerst einmal hoffe ich, dass du danach besser schläfst, denn ansonsten hättest du keinen Grund um Melatonin zu supplementieren, doch welche Nebenwirkungen kann das Ganze haben?

Eine Gruppe von israelischen Forschern beobachtete hierfür 8 ansonsten gesunde Männer, die genau jene Dosis über besagten Zeitraum konsumierten. Die Einnahme erfolgte abends gegen 17 Uhr.

Statt Schlafqualität analysierte man jedoch den Effekt auf typische Fertilitätscharakteristika – darunter die Spermienqualität (Konzentration, Beweglichkeit, Morphologie), den Östrogengehalt in Serum und Samen sowie die Testosteron- und Gonadotropinkonzentration (Gonadotropine = Luteinisierendes Hormon (LH) und Follikel-stimmulierendes Hormon (FSH)).

Die Neben den Basismessungen wurden die Veränderungen in den obigen Parametern nach 3 und 6 Monaten ermittelt.

Aus In Vitro Studien ist bereits bekannt, dass Melatonin als Aromatase-Hemmer auftritt (d.h. es hemmt die Umwandlung von Testosteron zu Östrogen) [2][3] und damit eventuell eine protektive Wirkung gegenüber Krebs entfaltet – würde es auch in gesunden Männern zu einer Reduktion von Östrogen beitragen?

Das Studienergebnis: Beeinträchtigte Spermienqualität, weniger Östrogen, bessere Testosteron:E2 Ratio

Die Luboshitzky-Studie zeigt, dass Melatonin tatsächlich zu jenen Stoffen gehört, welche die Östrogenproduktion beeinträchtigen können, allerdings scheinen die Auswirkungen auf die Fertilität nicht uniform zu sein, sondern von Individuum zu Individuum zu variieren (die Wissenschaftler sprechen von „Responders“ und „Non-Responders“).

Melatonin & Spermienqualität

2 der Teilnehmer zählten zu den Responders, also zu jenen Personen, wo das Melatonin eine signifikante Wirkung hatte. Die nachfolgende Grafik bildet die intra-individuellen Effekte der Melatoninergänzung auf die Spermienkonzentration (oben) und die Spermienbeweglichkeit (unten).

Das Studienergebnis: Beeinträchtigte Spermienqualität, weniger Östrogen, bessere Testosteron:E2 Ratio

Auswirkungen einer 6-monatigen Melatonin bzw. Placebo-Supplementation in 8 gesunden männlichen Individuen. Die durchgezogene Linie repräsentiert das untere normale Limit (gemäß WHO 1993)(Bildquelle: Luboshitzky et al. (2002))

Um die Grafik zu verstehen, sind noch einige Infos notwendig:

  • Die Personen 1-4 erhielten in den ersten 3 Monaten Melatonin und anschließend nach einer 2-wöchigen Washout-Periode das Placebo.
  • In den Personen 5-8 lief es umgekehrt: Erst Placebo, dann Melatonin.

Was du hier sehen kannst, sind die Auswirkungen von Melatonin und Placebo bei ein und demselben Individuum vor Beginn des Experiments (Base-Line), nach Einnahme des Placebos (Placebos), nach Einnahme des Melatonins (Melatonin) und nach 3 bzw. 6 Folgemonaten ohne Intervention (No-Rx 3m & No-Rx 6m). Sternchen kennzeichnen signifikante Ergebnisse, also Effekte, die direkt auf das Melatonin zurückgeführt werden können.

Lange Rede, kurzer Sinn: Die beiden Responder (#1 & #3) verzeichneten durch die Melatonin-Einnahme einen geringen Rückgang der Spermienqualität, in Form einer Reduktion der Spermienmenge auf 12×10(6)/mL (Individuum #1) und auf 3×10(6)/mL (Individuum #3) sowie eine verringerte Beweglichkeit um -2% (von 32% auf 30%) [1].

Zu sehen ist auch, dass sich die Werte in einem Individuum (#1 No-Rx 6m) nach 6 Monate ohne Melatonin wieder normalisiert haben, jedoch nicht in dem anderen (#2 No-Rx 6m) [1].

Melatonin & Östrogenkonzentration

Die Auswertung der Konzentration der Sexualhormone zeigte weiterhin, dass sich Menge an Östrogen in den Respondern erheblich reduzierte, während sich bei der Testosteronmenge wenig tat. Unter dem Strich führte die Ergänzung zu einer verbesserten Testosteron zu Östrogen Ratio [1].

Die drei nachfolgende Grafiken zeigen die Effekte auf die Östrogenkonzentration, die Testosteronkonzentration und das Testosteron zu Östrogen Verhältnis.

Melatonin als Anti-Östrogen? | Studien Review

Auswirkungen einer 6-monatigen Melatonin bzw. Placebo-Supplementation in 8 gesunden männlichen Individuen auf die Konzentration der Sexualhormone Testosteron und Östrogen (17-β-estradiol). (Bildquelle: Luboshitzky et al. (2002))

Da es sich hierbei um keine Trainingsstudie gehandelt hat, wurde die Verbesserung der T:Ö-Ratio von den Wissenschaftler in ihrem Abstract auch gar nicht erwähnt. Stattdessen fokussierte man sich darin auf die Beeinträchtigung der Spermienqualität (wie auch der Titel des Papers bereits suggeriert):

„Our preliminary observations suggest that long-term melatonin administration is associated with decreased semen quality in a number of healthy men, probably through the inhibition of aromatase at the testicular level.“ – [1]

Abschließende Worte

Klar ist, dass ich Melatonin an dieser Stelle nicht als Muskelaufbau-Supplement ausloben werde, auch wenn man fairerweise eingestehen sollte, dass es eventuell positive Effekt haben könnte.

Was wir aus dieser Studie lernen können ist viel mehr Folgendes:

Melatonin beeinflusst die Spermienqualität in einigen, aber nicht allen, gesunden Männern in diesem Sample. Würde man von dieser Studie Rückschlüsse auf die Gesamtpopulation machen (was ich nicht tue) würde man bei einer 25% Wahrscheinlichkeit landen (also 25% sind betroffen, 75% sind nicht betroffen).

Weiterhin scheint Melatonin in Respondern einen anti-östrogene Wirkung zu entfalten, ohne dabei die Testosteronkonzentration zu beeinflussen (ist also daher auch kein „Testosteron Booster“).

Schließlich reagieren Responder auf unterschiedliche Art und Weise auf ein Absetzen des Melatonins: Während sich die Spermienqualität bei einem Individuum nach 6 Monaten nahezu vollständig erholt hatte, war das bei dem anderen Responder nicht der Fall.

Mit 8 Teilnehmern ist die Studie allerdings alles andere als repräsentativ, deswegen würde ich auch keine Pauschalaussagen treffen, aber du solltest diese Studienergebnisse im Hinterkopf behalten, wenn du das nächste Mal zu Melatonin als Schlafhilfe greifst (eine Ergänzung ist für die meisten von uns ohnehin keine Dauerlösung – bei Einschlafproblemen sollten die Ursachen ergründet und behoben werden).


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Über Damian Minichowski

Damian N. „Furor Germanicus“ Minichowski ist der Gründer und Kopf hinter dem Kraftsport- und Ernährungsmagazin AesirSports.de. Neben zahlreichen Gastautorenschaften schreibt Damian in regelmäßigen Abständen für bekannte Online-Kraftsport und Fitnessmagazine, wo er bereits mehr als 200 Fachartikel zu Themen Kraftsport, Training, Trainingsphilosophie, Ernährung, Gesundheit und Supplementation geschrieben hat.

Zu seinen Spezialgebieten gehört das wissenschaftlich-orientierte Schreiben von Fachartikeln rund um seine Passion – Training, Ernährung, Supplementation und Gesundheit.

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Quellen & Referenzen

Bildquelle Titelbild: Wikimedia / Japanexperterna.se ; CC Lizenz


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