Gibt es so etwas wie einen Hungerstoffwechsel? – Teil 1

Gibt es so etwas wie einen Hungerstoffwechsel? – Teil 1

7 Kommentare

Von James Krieger |

Wenn es darum geht Gewicht zu verlieren, dann wird sehr häufig empfohlen die Kalorien nicht zu tief sinken zu lassen, weil der Körper sich dann angeblich in einen „Hungerstoffwechsel“ (Starvation Mode) begibt. Die Idee dahinter besagt, dass sich dein Körper an all das Gewicht und Körperfett klammern wird, weil er denkt er würde aktuell verhungern.

Sehr viele Menschen schieben den schwarzen Peter auf den Hungerstoffwechsel, sobald sie einmal ein Gewichtsplateau erreichen und viele Personal Trainer und Ernährungsberater betonen dieses Konzept, indem sie Klienten dazu anweisen, die Kalorienzufuhr nicht tief anzusetzen, um diesen „Hungerstoffwechsel“ zu vermeiden. Doch was sagt eigentlich die Wissenschaft zu diesem Thema? Gibt es Beweise, welche die Existenz des Hungerstoffwechsels belegen? Oder handelt es sich viel eher um einen Fall Marke argumentum ad nauseam, bei dem etwas nur solange wiederholt wird, bis die Leute schließlich anfangen es zu glauben?

Gibt es so etwas wie einen Hungerstoffwechsel? – Teil 1

Hinterfragung der Logik hinter dem Hungerstoffwechsel

Ohne auch nur auf die Forschung zu blicken, reicht eine genauere Betrachtung des Konzepts „Hungerstoffwechsel“ aus, um festzustellen, dass es auf wackligen Beinen steht.

Wir haben es mit folgender Idee zu tun: Dein Körper fährt den Stoffwechsel als Kompensationsmaßnahme runter, sobald du die Kalorienzufuhr zu stark absenkst. Dies führt dazu, dass du dich irgendwann nicht mehr in einem Kaloriendefizit befindest, was den Gewichtsverlust zum Erliegen bringen wird.

Ein kleines Beispiel: Nehmen wir an, du würdest 1.500 Kilokalorien pro Tag verbrennen und 1.500 Kilokalorien pro Tag zu dir nehmen (das sind jetzt nur hypothetische Zahlen). Dein Gewicht wird gleich bleiben. Nun senkst du die Kalorien um 1.000 und dein Körpergewicht beginnt zu sinken. Plötzlich erreichst du ein Plateau und fragst dich, was da eigentlich schief läuft. Gläubiger des „Hungerstoffwechsels“ werden dir nun erzählen, dass dein Körper den Stoffwechsel heruntergefahren hat, so dass du jetzt nur noch 1.000 Kilokalorien pro Tag verbrennst.

Wenn du das Gedankenspiel fortführst und der logischen Konsequenz folgst, dann wirst du das logische Problem hinter einem „Hungerstoffwechsel“ erkennen.

Nehmen wir also weiter an, dass du deine Kalorienzufuhr auf 1.000 kcal pro Tag gesenkt hast und dass dein Körper den Stoffwechsel auf eben diese 1.000 kcal pro Tag runtergefahren hat. Jetzt senkst du die Menge auf 500 kcal pro Tag. Macht es für dich irgendeinen Sinn, dass dein Körper in der Lage wäre seinen Stoffwechsel auf nur 500 kcal pro Tag runterzufahren?

Nehmen wir an du hörst ganz mit dem Essen auf. Kann dein Körper seine Stoffwechselrate auf 0 runterfahren?

Nein, natürlich kann er das nicht. Es gibt ganz klar ein Limit, bis zu dem der Körper den Stoffwechsel runterfahren kann, um eine Gewichtsabnahme zu verhindern. Dein Körper muss Energie ausgeben um am Leben zu bleiben. Selbst jene Personen, die überwiegend sitzenden Tätigkeiten nachgehen, müssen Energie durch körperliche Aktivität verbrauchen. Aus diesem Grund ist es unmöglich kleine Mengen an Kalorien zu verzehren und dabei nicht abzunehmen. Alles, was du tun musst, besteht darin sich die damaligen Individuen der Konzentrationslager in Nazi Deutschland anzusehen. Es gab weder Übergewicht noch übergewichtige Personen in diesen Lagern; sie wurden zu Tode gehungert und ihre Körper zeigten dies auch mehr als deutlich. Für ihre Körper war es nahezu unmöglich den Gewichtsverlust zu verhindern, weil die Kalorienzufuhr so dermaßen niedrig war; so etwas wie einen „Hungerstoffwechsel“ gab es nicht.

Das Unmögliche behaupten

Ich hatte bereits einige Personen, die mich aufgesucht haben und behaupteten, sie würden nur 1.000 Kilokalorien pro Tag essen und dabei kein Gewicht verlieren. Im nächsten Moment würden sie dem „Hungerstoffwechsel“ die Schuld daran geben. Tatsache ist aber, dass es unmöglich ist bei so einer niedrigen Kalorienzufuhr KEIN Gewicht zu verlieren. Die Stoffwechselrate der meisten Menschen liegt – minimal betrachtet – bei 1.300 bis 1.600 Kilokalorien pro Tag, wenn nicht mehr.

Und wenn du dann noch einen geringen Grad an körperlicher Aktivität draufpackst, geht der Energieverbrauch sogar noch weiter hoch (oder liegst du etwa 24 Stunden am Tag im Bett?).

Was da eigentlich tatsächlich passiert, ist Folgendes: Die Personen, die behaupten so wenig zu essen, haben ein großes Problem mit Underreporting. Das heißt sie unterschlagen/unterschätzen (un)bewusst  die Menge an Kalorien, die sie tagtäglich zu sich nehmen. Wenn du diesen selbsterklärten „Wenigessern“ nämlich so viel zuführst, wie sie behaupten zu essen, dann verlieren sie plötzlich an Gewicht (Clark et al, 1994).

Zwar stimmt es, dass unser Körper versucht den Energieverbrauch zu drosseln, um eine Gewichtsreduktion zu verhindern (zu diesem Thema folgt noch ein weiterer Artikel in Kürze), doch es gibt ein Limit, welches die Reduktionsmenge beschränkt. Menschen, die knapp 10% ihres initialen Körpergewichts verlieren, können sich mit einer Energiereduktion von 400-500 Kilokalorien pro Tag konfrontiert sehen (Rosenbaum et al, 2008) – eine Einsparmenge, die angesichts der Reduktion an Körpermasse zu erwarten ist und gänzlich dem Gewichtsverlust zugeschrieben werden kann.

Die Reduktion der Stoffwechselrate lag zwischen 72 und 139 Kilokalorien pro Tag und die Reduktion aus körperlicher Aktivität (NEAT) betrug 366 bis 383 Kilokalorien pro Tag [7].

Da also ein Größteil der eingesparten Energie aus einem reduzierten Bewegungsumfang heraus resultierte, kann man dem im Grunde genommen entgegenwirken, indem man sich dessen bewusst wird und aktiv etwas dagegen unternimmt (darüber haben wir erst kürzlich im Aesir Sports Newsletter geschrieben, erinnerst du dich?)

[irp]

Sehr kalorienarme Diäten („Very Low Calorie Diets“ aka „VLCD’s“)

An dieser Stelle könnte man zu bedenken geben, dass es zwar keinen „Hungerstoffwechsel“ gäbe, aber die Reduktion im Energieverbrauch trotzdem höher ausfallen könnte, wenn das Kaloriendefizit größer ausfällt – wie z.B. bei einer sehr kalorienarmen Diät (VLCD), die bei weniger als 1.000 Kilokalorien pro Tag liegt.

Was hat uns die Forschung auf diesem Gebiet zu sagen?

Es gibt unzählige VLCD Studien, die sich sowohl mit Gewichtsverlust als auch Energieverbrauch beschäftigen. Wenn es also so etwas wie einen Hungerstoffwechsel gäbe, würden die Leute Probleme damit haben mit einer VLCD abzunehmen. Tatsächlich ist aber das Gegenteil der Fall…die Menschen verlieren eine ganze Menge an Gewicht auf einer VLCD.

In einer Studie verglichen Forscher den Energieverbrauch als Reaktion einer Diät, bei der eine 25% Einschränkung der Kalorien erfolgt sowie einer VLCD mit 890 Kilokalorien pro Tag (Redman et al., 2009). Beim dritten Monat hatte die VLCD Gruppe wesentlich mehr Gewicht verloren, als die 25% Gruppe. Begleitet wurde dies von einer größeren Einsparung an Energie durch Aktivität (496 Kilokalorien in der VLCD Gruppe Vs. 371 Kilokalorien in der 25% Gruppe). Die Studie deutet also darauf hin, dass bei einer sehr kalorienarmen Diätform die Energieeinsparung durch eine verminderte körperliche Aktivität (NEAT) um 125 Kilokalorien höher ausfällt; dies war jedoch nicht genug, um den Gewichtsverlust zum Erliegen zu bringen. In Wirklichkeit war es sogar so, dass die zusätzliche Reduktion im Energieverbrauch aus der Verringerung der Alltagsaktivität heraus resultierte und nicht etwa weil die Stoffwechselrate in den Keller gegangen ist.

Eine VLCD führt also zu einer größeren Reduktion im Energieverbrauch, doch dies könnte man durch eine bewusst erhöhte freiwillige körperliche Aktivität auskontern.

In einer weiteren Untersuchung setzte man Frauen und Männer auf eine Formula-Diät, wobei die Frauen 388 Kilokalorien und die Männer 446 Kilokalorien pro Tag erhielten (Quaade et al, 1989). Jeder Teilnehmer führte die VLCD solange durch, wie er es wollte. Nachdem sie sich dazu entschlossen hatten aufzuhören, erhielten Männer wie Frauen zusätzliche Nahrung und Getränke zur Formel, so dass die Frauen bei 1.000 Kilokalorien und die Männer bei 1.100 Kilokalorien landeten.

Nach 5 Monaten schauten sich die Wissenschaftler die Personen an, welche die VLCD für weniger als 2 Monate durchgeführt haben und verglichen ihre Ergebnisse mit jenen, die die VLCD für 2 Monate und mehr absolvierten.

Die Personen, welche die VLCD länger durchführten, verloren signifikant mehr Gewicht, als jene, die sie für weniger als 2 Monate durchgeführt haben. Auch dieses Ergebnis widerspricht der Theorie, dass es so etwas wie einen „Hungerstoffwechsel“ gibt.

In einer dritten Studie fiel der Gewichtsverlust bei der vierten Woche signifikant höher und nach der achten Woche nicht-signifikant höher aus, wenn die Teilnehmer eine 420 Kilokaloriendiät erhielten (verglichen mit 841 – 1.201 Kilokalorien) (Arai et al, 1992).

Und nochmals: Wenn es so etwas wie einen Hungerstoffwechsel geben würde, dann würde dies nicht passieren.

Warum kompliziert, wenn es auch einfach geht?Simplify & Win” – Der Diät- & Ernährungsguide von Philipp Rauscher

In einer vierten Untersuchung verglich man die Effekte von Frauen, die eine 400 Kilokalorien-Diät pro Tag erhielten mit denen, die eine 1.200 Kilokalorien-Diät erhielten (Wadden et al, 1990). Die Damen, die sich auf einer VLCD befanden, führten diese über 8 Wochen durch und kehrten anschließend schrittweise über einen Zeitraum von 10 Wochen auf 1.200 Kilokalorien pro Tag zurück. Die andere Gruppe verzehrte 1.200 Kilokalorien über einen Zeitraum von 18 Wochen.

Das Ergebnis? Die VLCD Gruppe verlor mehr Gewicht, wobei sich der Serumspiegel von T3 (Schilddrüsenhormon) um -66% reduzierte.

Die Schilddrüsenwerte reduzierten sich in der Gruppe, die 1.200 Kilokalorien konsumierte, allerdings auch um -40% und die Unterschiede zwischen den Gruppen erreichten keine statistische Signifikanz. Rund 63% der beobachteten Varianz bei der Veränderung der T3-Konzentration konnte dem Gewichtsverlust zugeschrieben werden (anstatt der VLCD selbst).

Dies ist eine weitere Studie, welche die Existenz des Hungerstoffwechsels widerlegt.

Eine Zusammenfassung mehrerer Studien, die sich mit moderater und starker Kalorieneinschränkung beschäftigten, verloren Teilnehmer auf einer 1.200 Kilokalorien-Diät knapp 8,62 kg innerhalb von 20 Wochen (Wadden, 1993). Sie hielten 66% des Gewichtsverlusts noch rund 1 Jahr später.

Teilnehmer, die auf eine 400-800 Kilokalorien-Diät gesetzt wurden verloren 20 kg in 12-16 Wochen und hielten 50-66% des Gewichts noch 1 Jahr später.

Und noch einmal: Diese Ergebnisse zeigen, dass eine stärkere Einschränkung der Kalorien zu besseren Gewichtsverlusten führt (ggü. einer moderaten Einschränkung). Ein Sachverhalt, welcher der Theorie des „Hungerstoffwechsels“ widerspricht.

Hungerstoffwechsel: Ein Mythos

Aus VLCD Studien wird ersichtlich, dass der Hungerstoffwechsel ein Mythos ist. Das Konzept hält nicht einmal logischen Überlegungen stand. Woher kommt dieses Konzept überhaupt? Und wieso glauben es so viele Menschen?

Dieses Thema werde ich im zweiten Teil behandeln. Es bleibt also spannend! | Diskutiere mit uns über diese Studienergebnisse auf Facebook.


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Über James Krieger

James Krieger ist der Begründer von Weightlology. Er hält einen Master-Abschluss in Ernährung von der University of Florida und einen zweiten Master-Abschluss der Washington State University. Er ist der ehemalige Forschungsdirektor für ein unternehmerisches Programm zum Gewichtsmanagement, welches mit über 400 Menschen pro Jahr gearbeitet hat, wobei ein durchschnittlicher Gewichtsverlust von 18 kg in 3 Monaten erreicht wurde.

James ist ein publizierter Wissenschaftsautor und Sprecher im Bereich von Training und Ernährung. Seine Forschungsarbeiten wurden bereits in zahlreichen prestigehaften wissenschaftlichen Journals, darunter dem American Journal of Clinical Nutrition und Journal of Applied Physiology veröffentlicht.

James ist seit über 20 Jahren auf den Gebieten von Gesundheit, Ernährung und Fitness unterwegs und hat insgesamt mehr als 500 Artikel veröffentlicht. Er ist ein starker Gläubiger der evidenz-basierten Ansätze bezüglich der Transformation des Körpers und Gesundheit.

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Quellen & Referenzen

Bildquelle Titelbild: Fotolia / magdal3na


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  • Davihl Inferahl

    Also dass es den Hungerstoffwechsel so nicht gibt, war mir eigentlich schon lange klar.
    Aber wie ist es dann mit dem Muskelabbau, man könnte in einer kürzeren Zeit mit einem höherem Kaloriendefizit die gleiche Menge an Gewicht verlieren, wie mit einem geringerem Kaloriendefizit für eine längere Zeit, jedoch hätte man dann mit dem höherem Kaloriendefizit mehr Muskelmasse trotz gleichem Endgewicht verloren?
    Also aus dem Grund, sollte man doch eher mit weniger Kalorien Dieten und dafür länger?

    • Michael

      Oder war nur der Wunsch Vater des Gedankens? Lies man hier
      http://aesirsports.de/2017/03/kalorienpartitionierung-teil-2-auswirkungen-von-diaeten-kalorienueberschuessen/
      und
      http://aesirsports.de/2017/03/kalorienpartitionierung-teil-1-p-ratio-leptin/
      wo Lyle McDonald unter Verweis auf die hormonellen Veränderungen das Gegenteil, einen “Hungerstoffwechsel”- der Körper “wehre” sich gegen Diäten – ausführt und begründet.
      Auch zu dem Muskelabbau während der Diät liest man viel Unterschiedliches. Aus Mersch´s Buch gewinnt man den Eindruck, daß sofort nach dem Leeren der Glyocenspeicher das körpereigene Protein verstoffwechselt werde, an anderen Stellen dagegen (z.B. Moosburger) wird auf die Nutzung des Animosäurepools und die Nutzung zugeführten Proteins abgestellt.
      Mit Überlegungen eines Laien, welches System evolutionsgeschichtlich sinnvoll wäre (natürlich ein System, das die für die Nahrungsbeschaffung wichtigen Muskeln solange nicht anrührt, wie Fettreserven verwertet werden können) kommt man da aber nicht weiter, es zählen allein wissenschaftliche Erkenntnisse.

  • Michael

    In diesem und dem Folgeaufsatz, dem 2. Teil, begründet der Autor, daß es keinen sog. Hungerstoffwechsel gibt, also sich unser Organismus im wesentlichen nicht einer verringerten Kalorienzufuhr bzw. einem Kaloriendefizit durch “Zurückfahren” des Stoffwechels anpaßt.
    Das hört man als Diätwilliger, als Diätender natürlich gerne.
    Andererseits führt Lyle McDonald in
    http://aesirsports.de/2017/03/kalorienpartitionierung-teil-2-auswirkungen-von-diaeten-kalorienueberschuessen/
    und
    http://aesirsports.de/2017/03/kalorienpartitionierung-teil-1-p-ratio-leptin/
    genau das Gegenteil aus und begründet unter Verweis auf die hormonellen Veränderungen einen “Hungerstoffwechsel”.- der Körper “wehre” sich gegen Diäten.
    Was ist nun richtig?
    Als Laie, der ich nun mal bin, will mir aus evolutionsgeschichtlicher Sicht nicht recht einleuchten, daß sich ein organisches System als erfolgreich durchgesetzt hat, das schon nach wenigen Tagen ausfallender oder eingeschränkter Nahrungszufuhr mit eingeschränkten kröperlichen und/oder geistigen Leistungen reagiert und es somit dem betroffenen Organismus erschwert, Nahrung zu beschaffen – anstatt hemmungslos auf die doch genau zu diesem Zweck akkumulierten Fettvorräte zuzugreifen und dadurch dem Organismus die Chance zu geben, in optimaler Weise die Nahrungsversorgung sicherzustellen.
    Andererseits: Ich bin Laie, was zählt schon mein Verständnis und meine Logik, wenn sich McDonald doch offenbar auf wissenschaftliche Erkenntnisse berufen kann – und so verstehe ich seine Erläuterungen. Wie kommt Krieger zu den gegenteiligen Behauptungen? Oder beseht gar kein Widerspruch, liegt es an mir, vernebelt mir die Diät und das Leeren der Glycogenspeicher der Leber nachhaltig und zu sehr mein Gehirn, befinde ich mich im “Hungerstoffwechsel” mit retardierter zerebraler Leistungsfähigkeit?
    Dürfte ich einen Wunsch äußern, so würde ich mir eine kritische Auseinandersetzung mit der Thematik durch jemanden, der sich auskennt, wünschen.

    • Hallo Michael,

      ich kann deine Argumentation nachvollziehen, aber im Grunde schließt das eine das andere nicht aus. Krieger wird sicherlich nicht abstreiten, dass es gewisse Adaptionen gibt, doch die Frage ist ja wie stark die Auswirkung von z.B. absinkenden Schilddrüsenwerten tatsächlich ist.

      Ein klassischer Hungerstoffwechsel würde ja bedeuten, dass es Einsparungen um mehrere hundert Kilokalorien gibt (hormonell bedingt), wobei viele außer Acht lassen, dass durch eine Abnahme auch die Menge an Körpergewebe abnimmt, die energetisch versorgt werden muss. Ein Mensch der 20 kg (z.B. von 100 auf 80 kg) abnimmt, der wird natürlich auch weniger Energie verbrauchen – es dei denn der Minderverbrauch wird durch ein Mehr an körperlicher Aktivität (über-)kompensiert.

      Beim Grundumsatz gibt es nicht besonders viel Spielraum, was Einsparungen betrifft. Jedenfalls nicht langfristig, da sonst lebenswichtige Systeme nicht richtig funktionieren würden – und die Studien, die James anführt, zeigen ja auch, dass eine Abnahme fortschreitet, wenn für Kalorien kontrolliert wird.

      In der Praxis (also unter realen Bedingungen) ist es eher wahrscheinlicher, dass Menschen zum underreporting neigen oder den Kalorienverbrauch überschätzen (oder beides) – ob nun bewusst oder unbewusst.

      Wenn du möchtest, kann ich James gerne auf deinen Kommentar hinweisen, dann kann er am besten selbst eine Antwort auf deine Fragen formulieren.

      • Michael

        Danke für die schnelle Antwort.
        Ja klar, die Reduzierung des Gewichts sorgt für einen geringeren Grundumsatz, die mit einer Reduktionsdiät einhergehende teils bewußte, teils unbewußte Verhaltensänderung, das wird ja durchaus auf vielen Seiten auch angesprochen, trägt auch zu einem geringeren Leistungsumsatz bei, man wird träge, bequem, müde, ich spüre das ja an mir selbst, der PAL-Faktor sinkt, Sport Treibende werden daher auch weniger Energie beim Sport verpulvern, aber darum geht es ja nicht. ie Ausführungen McDonalds sind ausdrücklich und dezidiert und passen insofern – allerdings begründet mit jeder Menge wissenschaftlich klingendem Vokabular und Belegen – genau zu den auf vielen Seiten behaupteten “echten” Hungerstoffwechsel in der Form des “Herunterfahrens” des Stoffwechsels. All seine Ausführungen und Argumente zielen ja auf den normalen “Betrieb” des Organismus´ und gerade nicht auf bewußte oder unbewußte Verhaltensänderungen. Möglicherweise (!) – das ist jetzt aber Spekulation und impliziert schon eine entsprechende Absicht – führen die von McDonald angeführten Änderungen der Körperfunktionen zu diesem mehr oder minder unbewußt, zumindest nicht absichtlich herbeigeführten, veränderten Verhalten, durch das sich der PAL-Faktor ändert, und wären durch entsprechende Willenskraft korrigierbar. Aber wenn dem so wäre, dann würde ich es schon als unseriös empfinden, dies nicht aufzuzeigen sondern den Eindruck zu erwecken, daß es wirklich eine Veränderung, ein “Herabfahren” des Stoffwechsels geben würde, gegen die/das man grds. nichts machen könne. Erst recht in Ansehung der dezidiert gegenteiligen Argumentation des Autors hier.
        Wenn man bedenkt, welchen Stellenwert dieser “Hungerstoffwechsel” besitzt, wie wichtig dieser für das erfolgreiche Duchführen einer Diät ist, welche Folgerungen sich daraus auf die konkrete Form der Diät und das richtige Verhalten danach (JoJo-Effekt) ergeben, wäre es wirklich begrüßenwert, wenn z.B. der Autor hierzu und zu den von McDonald reklamierten Änderungen etwas Konkretes sagen könnte.Oder eben McDonald. Wer auch immer.

        • Grüß dich Michael. Ich habe mal James Antwort reingeholt. Die ist nun allerdings auf Englisch – hoffe das stört nicht:

          “The thing is, I never said in that article that there are no adaptations in energy expenditure. It’s just that the adaptations aren’t large enough to explain why someone’s weight isn’t changing when they go extremely low calories.

          Yes, energy expenditure adapts, but it can only adapt by so much. If someone isn’t losing on 800-1000 calories per day, that’s not metabolic adaptation…that’s underreporting.”

          Es ist also, wie ich bereits dargelegt habe: James hat nie Stoffwechselanpassungen nach unten oder oben ausgeschlossen. Seine Message war, dass es (realistisch) keinen Menschen gibt, der bei einer Kalorienzufuhr von 800-1.000 kcal (was ja häufig in groß-angelegten Diätstudien bei stark Übergewichtigen angesetzt wird) KEIN Gewicht verliert, weil der Körper eben auch nur einen begrenzten Spielraum hat, um den Verbrauch zu drosseln – was auch nachvollziehbar ist.

          Es sind lebensnotwendige Prozesse am Laufen, die einfach einen absoluten Mindest-Energiebedarf haben. Wird dieser nicht gedeckt, dann sinkt das Gewicht kontinuierlich, bis irgendwann der Hungertod eintritt.

          • Michael

            Nun ja, ich habe ja auch nicht behauptet, daß er gewisse Anpassungen ausgeschlossen habe, diese führt er ja auch im ersten Teil des Beitrags aus (72 bis 139 kcal des Weniger-Verbrauchs beruhten in der betreffenden Studie auf Stoffwechselanpassungen, das kann man nicht als “wesentlich” bezeichnen) und so habe ich es auch formuliert “Im Wesentlichen” …. und “wesentliche” Anpassungen des Stoffwechsels schließt er ausdrücklich also, wesentliche Differenzen, also die Haupsache, führt er nach wie vor auf underreporting zurück.
            Das will ich ja auch überhaupt nicht angreifen und wenn er dies so auch aus den Studien ableiten kann ist das umso besser ;-).
            Liest man dagegen die von mir zitierten Ausführungen von Lyle McDonald, so gewinnt man eben genau den gegenteiligen Eindruck: Nämlich daß schon nach wenigen Tagen einer Reduktionsdiät – und mangels Einschränkung und in dieser apodiktischen Formuierung muß man dies auf jede Reduktionsdiät,mag das Defizit auch noch so gering sein, beziehen – die geschilderten ganz gravierenden Änderungen mit der Folge einer Anpassung des Stoffwechsels, Reduzierung energieintensiver System und Funktionen, eintreten. Wären dies in ihrer Auswirkung eher marginale Anpassungen, wie der Autor hier meint, wäre das kein Thema. Aber so liest es sich bei McDonald eben nicht.
            Verstehe ich nicht falsch – ich behaupte nicht,daß McDonald recht hätte. Im Gegenteil leuchtet mir nicht ein, daß jedes noch so geringe Kaloriendefizit nach kürzester Zeit solche Folgen haben soll, mit der weiteren Folge, daß auch bei Wiederherstellung normaler Ernährungsverhältnisse der Stoffwechsel mit all seinen nachteiligen Folgen für den Organismus beibehalten bleibt und erst mal Fett gebunkert wird. Hinzu kommt, daß das von McDonald skizzierte Szenario der (anscheinend dauerhaft) leeren Glyokenspeicher keineswegs bei jeder Diät vorliegt – im Gegenteil sind bei den heutigen Ernährungsverhältnissen auch erhebliche Kaloriendefizite, weit über 1000 kcal, denkbar, bei gleichzeitig dennoch ausreichender KH-Zufuhr. Nehmen wir einen 140kg-Übergewichtigen mit 3500 kcal Gesamtumsatz. Der kann problemlos auf 2500 oder auch 2000 kcal heruntergehen mit einem ausreichend hohen KH-Anteil von 100 oder 120g, ohne daß seine Glykogenspeicher dauernd leer wären. Oder stellen wir uns vor, daß der 12kg-Mann ausreichend geduldig ist und Disziplin hat und nur 500 kcal weniger an Nahrung zuführt, vielleicht auch nur das Verhältnis von KH zu EW günstiger gestaltet (Thermogenese). Da soll nach ein paar Tagen die Hungerstoffwechselfalle zuschnappen und sich sein Stoffwechsel trotz der immer noch ungesund und viel zu hohen Kalorienzufuhr nach unten anpassen und Grund- und damit auch Leistungsumsatz dermaßen stark sinken, daß kein Defizit mehr besteht? Weil der Körper lieber fett sein “will”? Ich weiß nicht …
            Auch evolutionsgeschichtlich gesehen ist das doch nicht so sehr plausibel.Klar, mit viel Fett hat man Überlebensvorteile, wenn der große Hunger kommt. Aber mit viel Fett wird der große Hunger auch ganz gewiß kommen, weil man so nicht mehr ordentlich auf die Jagd gehen und den Nachwuchs versorgen kann: Dieser Aspekt wird regelmäßig übersehen, wenn dahingehend argumentiert wird, daß es in der Evolution nicht auf die maximale individuelle Gesundheit ankomme sondern auf die erfolgreiche Fortpflanzung:Denn bei Menschen ist dies nicht mit dem erfolgreichen Geschlechtsakt erledigt, auch nicht mit der Geburt des Nachwuchses, sondern erst dann, wenn dieser solange großgezogen und ausgebildet ist, daß er an die Stelle des Erzeugers treten und seine Familie ernähren kann. Dazu gehört aber nicht nur ein gewisses Alters mit entsprechenden körperlichen Fähigkeiten, sondern er muß dann auch erst all die Kniffe und Tricks lernen, die einen erfolgreichen Jäger ausmachen – das Rad erneut zu erfinden und dabei gefressen zu werden ist nicht eben optimal. Das bedeutet, daß der Erzeuger nicht kurz nach der Zeugung oder Geburt entbehrlich ist sondern noch eine Generation lang 100% leistungsfähig existieren muß, weswegen evolutionär nicht schon jeder begünstigt wird, der mit 15 einen erfolgreichen Geschlechtsakt schafft, sondern nur der, der auch noch weitere 15 Jahren seine Familie ernähren kann – was eben auch heißt: Gute Gesundheit, gute Reaktion auf die unvermeidlichen Hungerzeiten, und auch keinen Fettkloß,der nicht mehr zur Jagd gehen kann. Wer das nicht packt hinterläßt eine überlebensfähigen Nachkommen und seine Gene werden aussortiert.