Ist ein erhöhter Insulinspiegel die Ursache für Fettleibigkeit?

Ist ein erhöhter Insulinspiegel die Ursache für Fettleibigkeit?

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Von Brad Dieter |

Ich hasse es auf totdiskutierten Themen herumzureiten, aber das hier ist ein wichtiges Konzept, dass die Leute verstehen müssen. Es wird die Basis unserer Ernährungsstrategie darstellen und unsere Leistung im Gym fördern.

Als Coach möchte ich uns zunächst alle auf einen gemeinsamen Wissensstand bringen: Kohlenhydrate sind nicht der einzige Grund für Übergewicht und die Aufnahme zu erhöhen kann sogar Vorteile bringen.

Wie wir bereits in vorherigen Artikeln besprochen haben, gibt es eine Menge an Zeitschriften und Artikeln, die behaupten, dass eine Hyperinsulinämie (hoher Insulinspiegel) der treibende Faktor in der Entstehung von Übergewicht (siehe den Artikel „Kohlenhydrate: Machen sie dich wirklich fett?“.

Die Behauptung: Ein erhöhter Zuckerkonsum führt zu einer Hyperinsulinämie, welche wiederum Übergewicht begünstigt.

Ich stimme zwar zu, dass der erhöhte Zuckerkonsum maßgeblich zum Anstieg der Fettleibigkeit der letzten Jahrzehnte beigetragen hat, doch wie du gleich erfahren wirst, lässt sich dies nicht zwangsweise auf einen erhöhten Insulinspiegel zurückführen.

Ist ein erhöhter Insulinspiegel die Ursache für Fettleibigkeit?

Insulinspiegel und Körperfett: Ursache oder Wirkung?

Der Insulinspiegel ist bei fettleibigen Personen sehr häufig erhöht (siehe Grafik unten), jedoch trifft das nicht immer zu. Es gibt Fälle in denen fettleibige Personen keine erhöhten Nüchtern-Insulinwerte aufweisen. Hivert und Kollegen fassten 2007 die wissenschaftlichen Arbeiten diesbezüglich zusammen und fanden eine Bandbreite an widersprüchlichen Daten [4].

Ist ein erhöhter Insulinspiegel die Ursache für Fettleibigkeit?

Mit steigendem BMI (konkret: Fett) erhöht sich auch der Fasten-Insulinspiegel. Doch was ist hier Effekt und Ursache?

Das legt nahe, dass Insulin nicht die direkte Ursache für Fettleibigkeit ist. Wenn es so wäre, dann hätten wir nämlich erhöhte Insulinspiegel bei allen Fällen von Fettleibigkeit (genetische Störungen, extreme Fälle oder Typ 2 Diabetes im Endstadium, wo die eingeschränkte Funktionsfähigkeit der Betazellen zu geringeren Insulinspiegeln führt) finden müssen.

Um etwas als direkte Ursache eines Effektes darstellen zu können (z.B. Insulin sei die Ursache von Fettleibigkeit), müsste man demonstrieren, dass Insulin (innerhalb messbarer Fehlerbereiche) immer zu Übergewicht führt und auch bei allen Fettleibigen erhöht ist. Wie bereits geäußert, konnte dies nicht gezeigt werden. 

Der Insulinspiegel steigt und fällt mit dem Körpergewicht

Okay, man könnte nun annehmen, dass ein erhöhter Nüchtern-Insulinspiegel die Folge, aber nicht die Ursache, von Fettleibigkeit ist. Nun, es gibt Daten die nahelegen, dass genau das der Fall ist. Erfasse beispielsweise deinen  eigenen Insulinspiegel, wenn dein Körpergewicht steigt oder fällt; mit der Gewichtsveränderung wirst du auch eine Änderung deines Insulinspiegels feststellen.

In Studien, bei denen die Teilnehmer an Gewicht zunahmen, stieg auch der durchschnittliche Insulinspiegel entsprechend an. Umgekehrt führt eine Gewichtsabnahme zur Reduktion des Insulins (siehe beide Grafiken unten).

Gesondert betrachtet ist es schwierig zu bestimmen, ob es die Folge oder die Ursache für die Gewichtszunahme ist.  Zusammen betrachtet ist es jedoch wahrscheinlicher, dass der Insulinsiegel vom Körpergewicht beeinflusst wird (speziell vom Fettgewebe).

Der Insulinspiegel steigt und fällt mit dem KörpergewichtDer Insulinspiegel steigt und fällt mit dem Körpergewicht

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Was passiert hier genau?

Eine der Hauptaufgaben des Insulins besteht darin die Blutzucker-Homöostase aufrechtzuerhalten. Kurz gesagt veranlasst ein erhöhter Insulinspiegel die Aufnahme von Glukose in die Zellen. Aus diesem Grund sollte man annehmen, dass ein erhöhter Insulinspiegel bei fettleibigen Personen zu einem niedrigen Blutzucker führt. Konträr dazu stellen wir aber einen erhöhten Blutzucker fest (siehe Grafik unten).

Der Insulinspiegel steigt und fällt mit dem Körpergewicht

Korrelation zwischen Fasten-Insulinspiegel sowie Fasten-Blutzuckerspiegel und BMI.

Der Insulinspiegel steigt und fällt mit dem Körpergewicht

Gehalt freier Fettsäuren (FFA) in Relation zur fettfreien Magermasse (FM)

Daraus lässt sich ableiten, dass Insulin – trotz des erhöhten Spiegels – nicht richtig arbeiten kann. Seine Funktionsfähigkeit scheint also eingeschränkt zu sein. Das würde auch den simultan erhöhten Blutzuckerspiegel erklären.

Zusätzlich veranlasst Insulin im Fettgewebe die Lipogenese (Fettaufbau)und reduziert die Lipolyse (Fettverbrennung). Daher würden wir geringe Spiegel an freien Fettsäuren (FFA) im Blut vermuten, da Insulin die Aufnahme von Fettsäuren ins Gewebe fördert und ihren Abbau reduziert.

In der Realität beobachten wir jedoch das genaue Gegenteil: Wir sehen nämlich erhöhte Spiegel an freien Fettsäuren bei Fettleibigen und Diabetikern [5], was darauf hindeutet, dass die Wirkung des Insulins auf das Fettgewebe ebenfalls reduziert ist (siehe Grafik unten). Wenn die Insulinwirkung bei fettleibigen Personen infolge erhöhter Insulinspiegel erhöht wäre, dann würden wir reduzierte Mengen an freien Fettsäuren beobachten, da Insulin – wie bereits besprochen – die Lipogenese (Fettaufbau) fördert und die Lipolyse (Fettabbau) hemmt;  dies ist bei fettleibigen Personen nicht der Fall.

Diese Daten deuten also darauf hin, dass der Insulinspiegel bei fettleibigen Menschen zwar erhöht ist, doch die Wirkung des Speicherhormons ist erniedrigt (oder auch „ineffizient“). Diese Beobachtung stimmt mit der restlichen Literatur überein, die besagt, dass übergewichtige Personen eine Insulinresistenz entwickeln, welche zu Typ 2 Diabetes führen kann.

Wenn wir all das zusammenzählen, dann scheint es so, als sei Insulin an sich nicht der Hauptauslöser der allgemeinen Fettleibigkeit und Gewichtszunahme. Übergewicht eher die Ursache für eine Insulinresistenz.

Die Hauptaussage, die ich hier vermitteln will, ist, dass ein chronisch erhöhter Insulinspiegel nicht der Auslöser – sondern die Folge – von Fettleibigkeit ist.

Insulin bestimmt in der kurzen Frist, wie Nährstoffe im Körper gespeichert werden

In meinem Artikel habe ich die spezifische Wirkung von Insulin auf den Substratstoffwechsel erläutert, doch für dich werde ich das Ganze noch einmal kurz auffrischen: Insulin fördert den Kohlenhydratstoffwechsel und unterdrückt den Fettstoffwechsel.

Da Insulin nicht die Ursache für Übergewicht und Fettleibigkeit ist, kann man sagen, dass das Hormon kurzfristig bestimmt, wie Nährstoffe im Körper gespeichert werden. Daraus lässt sich ableiten, dass die gezielte Manipulation des Insulins durch die Ernährung, die Regeneration (z.B. Glykogensynthese und Muskelproteinsynthese) fördert und in manchen Fällen als Werkzeug zur Verbesserung der Körperzusammensetzung verwendet werden kann.

Abschließende Worte

Hoffentlich hinterlässt dieser Artikel bei dir folgende Aussagen über Insulin:

  • Insulin ist ein Substratverteiler, der deinen Zellen sagt welche Nährstoffe sie nutzen sollen
  • Ein erhöhter Insulinspiegel ist wahrscheinlich die Folge, nicht die Ursache von Übergewicht.
  • Wir können es manipulieren um unsere Brennstoffversorgung zu optimieren und die Fettoxidation und Regeneration vom Training zu verbessern.

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Über Brad Dieter

Brad Dieter (PhD) ist ein ausgebildeter Wissenschaftler, Ernährungscoach und Autor. Er ist der verantwortliche Editor von Science Driven Nutrition und strebt danach die Lücke zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit zu schließen. Sein Ziel besteht darin Informationen zum Thema Ernährung richtigzustellen und für jedermann leicht verfügbar zu machen.

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Quellen & Referenzen

Bildquelle Titelbild: Wikimedia / cgpgrey.com ; CC Lizenz


 

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