Nervenmobilisation für Muskelaufbau: Wie Blockaden zu vermindertem Muskelwachstum führen

Nervenmobilisation für Muskelaufbau: Wie Blockaden zu vermindertem Muskelwachstum führen

2 Kommentare

Von Christoffer Kreissig |

Hallo werte Aesir Sports Leser,

ich bin Chris und bin Osteopath, Sportwissenschaftler und Heilpraktiker. Dies nur, damit ein Verständnis für meine Herangehensweise und für meine Überlegungen entsteht.

Nervenmobilisation für Muskelaufbau: Wie Blockaden zu vermindertem Muskelwachstum führen

Was bedeutet Nervenmobilisation?

Und was hat das mit Muskelaufbau zu tun? Ich versuche dich da abzuholen, wo du gerade stehst.

Nerven innervieren unter anderem Muskeln, damit diese sich verkürzen können. So näheren sich zwei Punkte – beispielsweise Unterarm und Oberarm – über den Bizeps. Periphere Nerven versorgen Muskeln, welche die arbeitende Skelettmuskulatur zur Verkürzung bringen. Es gibt auch andere Nervenarten (z.B. für die Darmaktivität), allerdings interessieren uns diese in diesem Zusammenhang nicht. Nerven sind sozusagen die Kabelleitung zu deinem Fernseher.

Stelle dir vor, du wärst gerade im Umbau und hast eine neue Schrankwand in deinem Wohnzimmer montiert. Jetzt möchtest du schauen, ob alles so passt wie vorgesehen – also knippst du den Fernseher an und … es rauscht! „Na toll“, denkst du dir, ehe du feststellst, dass sich das Fernsehkabel unter einer der Kanten des neuen Schranks eingeklemmt hat.

Dir geht ein Licht auf und du versuchst den Schrank etwas anzuheben, um das Kabel zu befreien. Kaum wurde das Kabel von der Last befreit, schwupps zeigt dein Fernseher mit einem Mal ein klares Bild.

Eingeklemmte Nerven & Mind-Muscle-Connection

Zuerst einmal würde ich dir die Montage einiger Extra-Kabelleisten empfehlen, damit dieser Kabelsalat nicht frei zugänglich überall herum liegt (und es wohlmöglich erneut zu einem solchen Problem kommt). Das Kabel konnte durch die Quetschung das Signal nicht mehr exakt an den Fernseher übermitteln, welcher normalerweise das exakte Signal zu einem Bild umwandelt. Er bekommt sozusagen falsche Informationen. Durch den Knick werden die Signale dem Empfänger nicht mehr punktgenau übermittelt.

Das Gleiche passiert im Grunde genommen auch bei unserer „Mind-Muscle-Connection“, sprich bei der simplen Reizweiterleitung zum Muskel; kein großer Zirkus. Du kannst dich so sehr anstrengen wie du willst. Du kannst im Dreieck springen. Nein, du wirst keinen großen Bizeps aufbauen.

Allzu oft sehe ich Trainierende, bei denen zwei Fäden aus der kurzen Hose hängen. Ja, natürlich meine ich die Waden. Rudimentäre Waden. Wenn das Segment für die Waden eine Blockade hat, dann werden sie nicht richtig wachsen können. Warum? Denke an das Beispiel mit dem Fernseher.

Periphere Nerven durchbrechen die Dura Mater, also die Haut des Rückenmarks (im Wirbelkanal) und gehen durch eine kleine Öffnung zwischen zwei Wirbeln – vom Inneren des Wirbelkanals nach außen durch einen kleinen Gang. Wenn ein Wirbel jetzt schief steht, steht er auf der einen Seite etwas höher und auf der anderen Seite tiefer.

Das heißt er steht links höher, so dass mehr Platz für den Nervenausgang bleibt, während er rechts tiefer steht und damit dem Nervenausgang weniger Platz bietet. Oder anders ausgedrückt: Der Nerv wird eingeengt.

Mediziner würden hier vielleicht schon von einem radikulären Syndrom sprechen, aber das ist dann noch etwas anderes, denn in so einem Fall würden wir uns schon in Richtung Bandscheibenvorfall bewegen. In unserem Beispiel handelt es sich eher um eine minimale Einklemmung, die noch keinen Schaden nach sich zieht.

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Nervenmobilisation am Beispiel der Wadenmuskulatur

Einige Leser sehen jetzt vielleicht bereits bei Wikipedia oder DocCheck nach, welcher Nerv denn den Musculus gastrocnemius innerviert – also den größten Wadenmuskel. Dies ist der Nervus tibialis von „tibia“ (Schienbein), folglich Nerv des Schienbeins. Dieser kommt vom Nervus ischiadicus, dem allseits berüchtigten Ischias. Und dieser entspringt aus dem Segment L4 bis S3.

Das heißt: Lendenwirbel Nummer 4 bis Sakralwirbel 3 geben Nerven an den Ischias ab. Die untere Lendenwirbelsäule (und ein bisschen das Kreuzbein) liefern Nerven an den Wadenmuskel ab. Gut.

„Chris, das ist ja jetzt alles schön und gut, aber was soll ich denn machen, damit meine Waden wachsen?“ Meine Antwort: Mobilisieren.

„Ja weiter?“ Die Blockade oder die Einengung muss weg, das ist klar. Durch Bewegen – pardon – Mobilisieren des Wirbels in die richtige Richtung öffnet sich dieser Kanal bzw. der Gang etwas und der Nerv wird weniger beengt. Es ist anzunehmen, dass die betroffene Körperseite meistens auch die Einengung hat.

Nehmen wir ein Beispiel: Wir waren bei den Waden. Du merkst, dass die rechte Seite schon etwas verkümmert ist? Natürlich willst du etwas gegen deine Waden, diese Zahnstocher, unternehmen. Mittlerweile weißt du auch, dass die untere LWS und das Kreuzbein nerval die Waden versorgen. Also könnte angenommen werden, dass irgendwo rechts an der LWS oder am Kreuzbein eine Einengung ist, welche die Reizweiterleitung behindern. Demzufolge muss diese Seite etwas mobilisiert werden.

Tja, ich habe mir gleich ein schwieriges Beispiel ausgesucht. Das aber nicht ohne Grund. Fällt dir ein Beispiel zu einer Aufdehnung ein? Nein?

Die einfachste Variante besteht darin sich wirklich mit gestreckten Beinen im halben Spagat-Stand vorzubeugen und den Oberkörper nach links zu bewegen, sodass man mit der rechten Hand den linken Fuß oder das linke Bein berühren kann. Tadaaaa: Es zieht rechts im unteren Rücken. Verstärkend dazu kann die Hüfte nach – rechts – rotiert werden. Das war‘s. Tatsächlich!

Nervenmobilisation am Beispiel der Wadenmuskulatur

Diese Haltung muss für ein paar Momente beibehalten werden, bis du merkst, dass der Rücken rechts unten etwas weicher wird und irgendwie auch ein wenig nachgibt. Das wäre tatsächlich eher eine Dehnung. Wenn Du hier leicht „reinschaukelst“ hast du eine Mobilisation erreicht. Oder du gehst aus einer aufrecht gehaltenen Körperhaltung immer wieder zum linken Fuß herunter, und wieder zurück. So könnte es auch gehen.

Es gibt noch ein paar kompliziertere Methoden

Wir bleiben einfach noch bei unserem Wadenbeispiel: Auf dem Bauch liegend – das linke Bein nach rechts oben um 90 Grad anziehen und das rechte Bein nach unten und hinten strecken. Du verdrehst sozusagen den Oberkörper zum Unterkörper und liegst teilweise auf der linken Oberschenkelseite. Das Ganze wird dir klarer, wenn du dir das nachfolgende Bild ansiehst.

Nervenmobilisation am Beispiel der Wadenmuskulatur

Wenn du das gestreckte Bein irgendwo herunterhängen lassen kannst, verstärkt das die Dehnung deutlich. Das machst du quasi jedes Mal, wenn du deine Beine trainierst oder irgendetwas mit dem Unterkörper anstellen möchtest. Diese Praktik wird dir selbstverständlich auch bei den anderen Beinmuskeln helfen.

Myotome: Wieso du sie kennen solltest

Die Manuelle Medizin, worunter auch die Osteopathie fällt, spricht manchmal von Kennmuskeln – im Fachjargon auch vom Myotom. Es gibt auch andere „tome“, wie z.B. das „Sklerotom“ für Knochenareal, oder das „Dermatom“ für das zugehörige Hautareal. Ja, es gibt sogar ein „Viszerotom“, für die jeweiligen Organe. Dann wird es erst so richtig interessant in der Osteopathie, z.B. können der Dickdarm oder andere Segmente (theoretisch) Schuld an deinen lauchigen Beinen sein. Aber bleiben wir lieber beim Thema.

Die Kennmuskeln sind definiert als Muskeln, die von der Ansteuerung her einem Segment zugeordnet werden können. Hast

  • Du Probleme mit deinem Quadrizeps? Schau mal auf L3.
  • Hast Du Probleme mit den Waden? Schau mal auf L5.

Natürlich sind für die Quads auch L2 und auch L4 zuständig. Würde L3 aber einen Bandscheibenvorfall haben, wäre eine Streckung des Knies sehr viel schwerer.

Merken solltest du dir vor allem eines: Die Lendenwirbelsäule gibt die Nerven für die Beine ab, also sollten diese selbstverständlich frei beweglich sein. Auf diese Art und Weise können Muskeln natürlich auch nerval schlechter versorgt werden – also demzufolge schlechter angesteuert werden.

Für den Laien mag es jetzt schwer zu orten sein, wo z.B. L3 oder L5 liegen. Das ist kein Problem. Es sollte für dich nur folgende Info wichtig sein: Mobilisiere dein Becken und deine untere Lendenwirbelsäule. Wenn diese voll beweglich in alle Richtungen ist, wirst du weniger  „Einklemmungen“ haben.

Ich mache ab und an einen Test für den äußeren Oberschenkelmuskel, den Musculus tensor fasciae latae. Erst prüfe ich bei einem Patienten, ob es am linken äußeren oder rechten äußeren Oberschenkel mehr weh tut.

Nehmen wir an, rechts sei mehr Spannung drauf und der Muskel ist auch empfindlicher. Nun weiß ich aus meiner Erfahrung, dass Lendenwirbel 3 nach rechts hin eine Einengung des Nervens ausübt. Beim Patienten deblockiere ich diesen einfach und mobilisiere ihn. Bei mir selber kann ich natürlich nur mobilisieren. Dabei wende ich die beiden oben beschriebenen Techniken an, was meiner Erfahrung nach völlig ausreicht, um die Spannung und Schmerzempfindlichkeit der Außenseite zu senken.

Nach einem solchen Fall würde ich generell noch ein paar Mobilisationsübungen für die Hüfte und Lendenwirbelsäule (also Hürdensitz und ähnliche Übungen) verordnen – siehe hierzu auch die 6-teilige Aesir Sports Videoreihe zum Mobility-Training von meinem Kollegen Frank Acker).

Dann folgt das Training und zum Abschluss ein leichtes Ausrollen der Muskulatur (z.B. auf einem Ball oder einer Rolle). Würde man das Ganze in umgekehrter Reihenfolge durchführen, hätte dies zur Folge, dass du den Muskeltonus (die Spannung) senkst und damit signifikante Krafteinbußen verzeichnen würdest, was natürlich keinesfalls wünschenswert wäre.

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Warum haben wir solche Quetschungen oder Einengungen?

Gute Frage. Leider würde es den Umfang dieses Artikels sprengen, wenn ich ausführlich antworten würde, daher versuche ich mich möglichst kurz zu fassen.

Irgendwie ist jeder von uns schief

Wenn Du dich genau im Spiegel betrachtest, liegt die linke Schulter vielleicht etwas tiefer oder das rechte Becken ist etwas nach vorn gedreht. Das linke Bein mag leicht kürzer sein oder das rechte Knie ist leicht nach innen gedreht. Ich hoffe du weißt worauf ich hinaus möchte.

Das hat zur Folge, dass immer der ein oder andere Wirbel zum darunterliegenden nach links oder rechts gekippt steht. Und dadurch den Nervenaustrittskanal mehr oder weniger einengt. Wenn dieser Wirbel nicht hundertprozentig mobil ist, demzufolge eventuell sogar in seiner Position feststeht, wird der Wirbel auf der einen Seite „das Kabel“ etwas mehr einklemmen als auf der anderen Seite.

Unfälle passieren

Ich glaube zu diesem Punkt muss ich nicht besonders viel schreiben, denn wer schon einmal einen kleinen Crash mit dem Auto hatte (oder sich mit dem Fahrrad lang gelegt hat, der weiß, dass manchmal bleibende Spuren hinterlassen werden – das kann keine Muskulatur kompensieren. Mit gezielten Manipulationen und Mobilisationen kann die Heilung jedoch deutlich unterstützt werden.

Erst gestern hatte ich eine Patientin in meiner Praxis, die sich nur verlegen hatte. Der erste Halswirbel, auch Atlas genannt, war leicht nach links gedreht, so dass die Patientin kaum nach rechts gucken konnte. Schulterblick als Außendienstler…nicht machbar. Oft reicht es hierbei aus die Muskulatur zu mobilisieren, beispielsweise mit leichtem Daumenkontakt an die schmerzhaften Stellen, hinten am oberen Nacken.

Wenn alles wirklich weich ist, dann wird der Kopf leicht in alle möglichen Richtungen bewegt (am besten mit Handunterstützung). Damit können leichte Blockaden bereits gelöst werden.

Organe als Ursache

Ja, du hast richtig gelesen – Organe. Der Dünndarm hängt beispielsweise an der Radix mesenterii – einer „Wurzel“. Wäre dies nicht der Fall, dann würde er bei jedem Schritt nach unten sacken. Diese Wurzel ist an L3 befestigt.

Und jetzt frage dich mal was passiert, wenn du etwas „Falsches“ isst:  Lendenwirbel 3 bekommt biomechanischen Stress, er könnte blockieren. Das „Schöne“ an diesem Wirbel ist, dass er dies öfter mal tut (im Gegensatz zu L4 oder L5). Diese beiden, darunter gelegenen Wirbel, sind zumindest noch über Bänder am Becken befestigt. Von unten gesehen ist L3 der erste „freie“ Wirbel und dementsprechend anfälliger.

Im Übrigen befindet sich L3 in Bauchlage (also genau hinter dem Bauchnabel bzw. über dem Beckenkamm und unter dem Rippenbogen).

Abschließende Worte

Wie so oft könnte man den Artikel sicherlich noch um ein paar Absätze erweitern. Bitte verzeih mir, wenn ich dir hier kein umfassenderes Bild der Sachlage liefere, denn das ist Stoff für weitere Texte.

Sinn und Zweck dieses Artikels besteht darin, dir eine kleine Einführung in das Themenfeld zu liefern. In Kürze folgen weitere Einblicke in diesen überaus spannenden Bereich!


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Über den Autor – Christoffer Kreissig

Über den Autor – Christoffer KreissigChristoffer Kreissig ist Osteopath mit eigener Praxis in Berlin. Über das Studium der Sportwissenschaften und viele offenen Fragen bezüglich des Körpers, kam er zum Studium der Osteopathie und zur Heilpraktik.

Kraftsport und Bodybuilding sind keine Fremdwörter für ihn: Er trainiert seit nun mehr 10 Jahren und verbindet so die Theorie mit der Praxis. Zudem betreut er Leistungssportler via Sport-Osteopathie.


Bildquelle Titelbild: Fotolia / artstudio_pro

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  • Michael Meier

    Super Artikel! gerne mehr !
    auch weitere übungen für andere gelenke !

    • Ist alles in Arbeit, Michael! Der Christoffer wird da sicherlich auch was zum Thema Gelenken bringen. Man darf also gespannt bleiben!