Erhalt der Körperfunktionalität im Alter: Körperlicher Ertüchtigung & Lebensqualität

Erhalt der Körperfunktionalität im Alter: Körperlicher Ertüchtigung & Lebensqualität

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Von Anoop Balachandran |

Dies ist die größte und längste Studie, die jemals durchgeführt wurde, um herauszufinden, ob Sport den körperlichen Funktionalitätsverlust in älteren Menschen verhindern kann.

Was ist die körperliche Funktionalität?

Hierbei handelt es sich um die Fähigkeit, Alltagsaktivitäten durchzuführen, welche physische Leistungen erfordern. Dies reicht von der Selbstversorgung (grundlegende Aktivitäten des täglichen Lebens) bis zu anstrengenderen Aktivitäten, wie etwa dem Tragen von Einkäufen, Treppensteigen, und so weiter. Wenn der Funktionalitätsverlust schwerwiegend ist (der mit einem entsprechenden Grad an „Behinderung“ einhergeht), ist der Punkt erreicht, wo man von anderen Menschen abhängig, z.B. indem man in ein Altenheim umziehen muss oder das Bett gebunden ist. Die körperliche Funktionalität beeinflusst so erheblich die Lebensqualität in älteren Menschen.

Sarkopenie: Der Verlust von Muskelmasse

Es mag offensichtlich klingen, aber größtenteils ist der Verlust von Muskelmasse und Kraft für den Rückgang der körperlichen Leistungsfähigkeit im Alter verantwortlich. Wenn man älter wird (> 50), nimmt die Muskelmasse (1-2% pro Jahr) und die Kraft ab, ob man will oder nicht (dies wird Sarkopenie genannt).

Erhalt der Körperfunktionalität im Alter: Körperlicher Ertüchtigung & Lebensqualität 

Effect of Structured Physical Activity on Prevention of Major Mobility Disability in Older Adults. The LIFE Study Randomized Clinical Trial.

Warum ist der Erhalt der Körperfunktionalität bei älteren Menschen wichtig?

Die Studie wurde durchgeführt, um herauszufinden, ob regelmäßiger Sport tatsächlich das Auftreten des körperlichen Funktionalitätsverlustes, speziell die Unfähigkeit 400 Meter zu gehen, verhindern kann.

Fast alle vorherigen Trainingsstudien, die zu diesem Thema durchgeführt wurden, waren kurzfristig angelegt und maßen die Funktionalität nur indirekt (über die Kraft und Muskelmasse). Der Effekt von Sport auf langfristige Funktionalitätsverluste ist unbekannt.

Es ist nicht bekannt, ob gebrechliche ältere Menschen regelmäßig Sport treiben können und/oder ob ältere Menschen mit einer Vielzahl an Krankheiten gut an ein Training adaptieren können. Wir sprechen hier von einem Unterschied zwischen einer 12-Wochen- und einer 3-Jahre-Gewichtsverlust-Studie.

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Was waren die Methoden der Untersuchung?

1-635 Männer und Frauen zwischen 70 und 89 Jahren alt, die für einen körperlichen Funktionalitätsverlust anfällig waren, wurden zufällig zwei Gruppen zugewiesen. Die Subjekte wurden aus 8 verschiedenen Zentren in den USA rekrutiert.

  • Trainingsgruppe: Die 818 Teilnehmer der Trainingsgruppe führten 2,6 Jahre lang ein Training, bestehend aus Gehen, Kraft-, Gleichgewichts- und Beweglichkeitstrainings, durch. Für das Training wurden keine speziellen Gerätschaften verwendet.
  • Kontrollgruppe: Die Kontrollgruppe, bestehend aus 817 Subjekten, besuchten Gesundheits-Workshops.

Die Ergebnismessung war die Fähigkeit bzw. Unfähigkeit, 400 m in weniger als 15 Minuten zu gehen (auch Gehbehinderung oder Mobilitätsbehinderung genannt).

Das Studienergebnis

Bei 30% der Teilnehmer innerhalb der Trainingsgruppe konnte eine Gehbehinderung beobachtet werden. In der Kontrollgruppe fiel der Anteil mit 35% (296 Personen) höher aus. Anders ausgedrückt bewirkte regelmäßiger Sport in älteren Erwachsenen einen fünfprozentigen Rückgang des körperlichen Funktionalitätsverlustes.

Ein paar eigene Gedanken zur Thematik und der vorliegenden Studie…

Körperliche Funktionalität, Lebensqualität und Sport

Ich habe einen Master auf diesem Gebiet, habe mehr als 10 Jahre als Trainer gearbeitet, habe 4 Jahre lang ein Universitäts-Fitnessstudio geleitet und habe vor kurzem meinen Ph.D. abgeschlossen.

Über die Vorteile von regelmäßigem Sport (hinsichtlich seiner positiver Wirkung bezüglich) Krebs, Herzerkrankungen, Fettleibigkeit, Diabetes und die Kognition) habe ich viele Jahre bereits gepredigt (siehe hierzu auch unseren Artikel „Gesunder Kraftsport: 10 Gründe für (mehr) intensives Training“), doch bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich den Kampf meiner eigenen Mutter mit einer Krebserkrankung erlebte, habe ich nie ernsthaft über den Einsatz von Sport zur Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit bei älteren Menschen nachgedacht. Sie hat sich nie Sorgen ums Sterben gemacht, doch sie wollte einfach immer in der Lage sein, grundlegende Alltagstätigkeiten ohne die Hilfe anderer zu erledigen. Dies hatte den größten Einfluss auf ihre Lebensqualität.

In der Tat fokussierte sich die (Alters-)Forschung bislang meist auf den Tod – also wenn es um den Endpunkt geht – da dieser quantifizierbar und objektiv ist; auf der anderen Seite ist so etwas wie die Lebensqualität eine subjektiv wahrgenommene Größe, die bis dato eine eher untergeordnete Rolle übernommen hat.  Seit einiger Zeit rückt jedoch das Konzept der aktiven Lebenserwartung – die durchschnittliche Anzahl der Lebenszeit, in der man frei von Beeinträchtigungen ist – immer mehr ins Rampenlicht.

Der New York Times Bestsellerautor Atul Gawanda spricht in seinem neuen Buch „Being Mortal“ (Deutscher Titel: „Sterblich sein: Was am Ende wirklich zählt“) darüber, wie wir Menschen im Streben nach einem immer längeren Leben vergessen, ob es einem in diesen letzten Jahren eigentlich noch gut geht.

Wenn man mal drüber nachdenkt, gibt es mittlerweile für fast jede schwere Krankheit da draußen ein Medikament – und die Menschen leben immer länger und länger. Es gibt jedoch noch kein Medikament, das den Rückgang der körperlichen Funktionalität in älteren Erwachsenen reduziert oder verhindert. Die einzige Option, die wir haben, um den Rückgang zu verlangsamen, ist körperliche Betätigung (Sport). Der Effekt auf die Funktionalität im Alter und der damit verbundene positive Effekt auf die Lebensqualität ist einer der wichtigsten und am öftesten übergangenen Vorteile regelmäßigen Sports.

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Problem “Stichprobenverzerrung”

Wenn man Teilnehmer für eine Studie an älteren Menschen rekrutiert, melden sich vor allem Leute, deren Gesundheit überdurchschnittlich gut ist. Diejenigen Menschen, die in einem wirklich schlechten gesundheitlichem Zustand sind (körperlich, z.B. Gebrechlichkeit und ein schlechtes Hör- und Sehvermögen, oder auch kognitiv) haben bereits genügend Probleme im alltäglichen Leben und können nicht mehr umherlaufen oder -fahren, weswegen sie die Studienflyer gar nicht sehen würden. Dies führt zu einer „Stichprobenverzerrung“, da die studierte Stichprobe dann gar nicht repräsentativ für die Population ist, um die es eigentlich geht.

Aus diesem Grund fordern die meisten Journale einen Bericht über das Rekrutierungsprotokoll einfordern. Es ist ein wichtiger Informationsteil einer Untersuchung, der vom Leser nicht übergangen werden sollte. Die aktuelle Studie beinhaltete einen Screening-Prozess und rekrutierte nur Teilnehmer mit einer unterdurchschnittlichen körperlichen Leistungsfähigkeit.

Osteoporose & Sarkopenie

Erhalt der Körperfunktionalität im Alter: Körperlicher Ertüchtigung & Folgen für Lebensqualität

Wir sind versessen darauf, die Lebenserwartung zu erhöhen, aber nur wenige verschwenden auch einen Gedanken daran, wie dieses Mehr an Lebensjahren verbracht wird. Der Erhalt der Körperfunktionalität ist wichtig, wenn wir gesund altern und die Lebensqualität erhalten wollen. Sport ist die günstigste und nebenwirkungsfreieste Option, die uns hierfür zur Verfügung steht. (Bildquelle: Fotolia / agenturfotografin)

Als ich anfing, in diesem Bereich zu forschen, habe ich mich immer gefragt, warum jeder Osteoporose (der Verlust von Knochenmasse) kennt, aber die Wenigsten etwas mit dem Begriff Sarkopenie (der Verlust von Muskelmasse und Kraft) anfangen können.

Der Verlust von Muskelmasse und Kraft im Alter ist wahrscheinlich der Hauptverantwortliche für den Rückgang der körperlichen Funktionalität – nicht Osteoporose.

Ein Grund, warum die FDA (Food and Drug Administration) immer noch sehr langsam und zögerlich darin ist, Behandlungen und Medikamente dagegen zuzulassen, ist, dass es bislang keinen Konsens über eine einheitliche Definition von Sarkopenie gibt. Wir wissen einfach immer noch nicht, wann der Punkt erreicht ist, an dem der Verlust an Muskelmasse und Kraft auch zu einem körperlichen Funktionalitätsverlust führt. Und der Verlust an Muskelmasse und Kraft selbst ist noch kein ausreichender Grund für die pharmazeutischen und regulativen Behörden, um Medikamente zuzulassen.

Dies ist ähnlich zur Medikamentenentwicklung für Osteoporose; die Medikamente mussten nachweisen, dass das Bruchrisiko der Knochen reduziert wird (die Zunahme der Knochendichte alleine reichte nicht aus).

Die Trainingsintervention

Worin bestand die Intervention, die in der Studie verwendet wurde?

  • 30 Minuten Gehen bei moderater Intensität bei einem Wochenvolumen von 150 Minuten.
  • 10 Minuten Krafttraining für die unteren Extremitäten mithilfe von Zusatzgewichten am Fußgelenk (2 Sätze á 10 Wiederholungen) und
  • 10 Minuten Gleichgewichtstraining und Flexibilitätsübungen für die großen Muskelgruppen.
  • Die Intervention beinhaltete die Teilnahme an zwei zentralen Trainingsterminen pro Woche, sowie 3-4-mal pro Woche eine durchführbare Aktivität für zu Hause.

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Ein fünfprozentiger Rückgang: Die Bedeutung der Ergebnisse

Was bedeutet ein fünfprozentiger Rückgang wirklich? Heißt das, man ist am Ende nur zu 5% weniger beeinträchtigt, oder wie genau soll man sich das vorstellen?

Im Kontext des evidenzbasierten Ansatzes ist es enorm wichtig dem Laien ein bestimmtes Risiko verständlich machen zu können, damit er die Evidenz richtig interpretieren und umsetzen kann. Eine bewährte Methode, um ein bestimmtes Risiko zu vermitteln, ist die Anzahl der notwendigen Behandlungen (englisch NNT für „Number Needed to Treat“).

Ein fünfprozentiger Rückgang hieße in dieser Studie also, dass man 19 Personen mit Sport „behandeln“ muss, um in 2,5 Jahren einen einzige Fall von auftretender Behinderung/Einschränkung zu verhindern/vorzubeugen (Verhältnis: 19:1).

Hier ein Beispiel – NTT & Aspirin

Aspirin wird häufig verwendet, um Herzattacken vorzubeugen. Die NNT für Aspirin ist bei Herzproblemen 1667. Das heißt, man muss 1667 Patienten mit Aspirin behandeln, um einer Herzproblematik pro Jahr vorzubeugen.

Ich hoffe, das zeigt die Unsicherheit, die mit dem Nehmen einer Pille einhergeht. Mithilfe der NNH („Number Needed to Harm“) sieht man außerdem, wie viele Leute im Schnitt einen Schaden davon tragen. Die NNH für Aspirin bei Blutungen ist beispielsweise 1:3300.

Nächstes Mal, wenn dein Arzt dir ein Medikament verschreibt, frag nach der NNT und der NNH.

Fazit

  • Wenn du über 50 bist, wird deine Kraft und Muskelmasse mit der Zeit zurückgehen und deine körperliche Funktionalität sich verschlechtern, was einen negativen Effekt auf deine Unabhängigkeit und deine Lebensqualität hat.
  • Die einzige effektive Strategie, um diesem Rückgang entgegenzuwirken, ist regelmäßiger Sport bzw. körperliches Training.
  • Einfach ausgedrückt: Wenn du über 50 bist, treib‘ Sport. Und wenn du jemanden kennst, der über 50 ist, dann schick ihm bitte diesen Artikel.

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Über Anoop Balachandran

Anoop Balachandran verfügt über einen PhD in Exercise Physiology, einen Masterabschluss in Human Performance und ist ein ACE und NSCA zertifizierter Personal Trainer und Kraftcoach.

Fitness ist seine leidenschaftliche Passion. Auf seiner Seite ExerciseBiology.com lässt sich Anoop zu einer Vielzahl von Themen aus, die sich um Kraftsport, Leistungssteigerung, Ernährung und eine Verbesserung der Körperkomposition drehen.

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Bildquelle Titelbild: Fotolia / oneinchpunch


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