Esssucht: Kann man süchtig nach Essen sein? 

Esssucht: Kann man süchtig nach Essen sein? 

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Von Steve Hall | Benötigte Lesezeit: 6 Minuten

Ich bin süchtig nach Pizza.“ (Zitiere mich ruhig, denn es ist wahr!)

Mehr und mehr Forschung bezüglich „Essenssucht“ und den Einflüssen auf unser tägliches Essverhalten kommt ans Tageslicht. Jeder von uns kennt die Leute, die behaupten, dass sie süchtig nach Zucker oder einem bestimmten Nahrungsmittel seien, aber hat Nahrung tatsächlich das Potenzial, so mächtige Reaktionen hervorzurufen? Brauchen wir tatsächlich ab und zu unseren (HIER ESSSUCHT EINFÜGEN)-Kick?

Manche Nahrungsmittel wurden mit häufig missbrauchten Drogen wie Nikotin, Alkohol, Marihuana und Kokain verglichen, um nur ein paar zu nennen. Das ist ziemlich angsteinflößend, und ich bin nicht derjenige, um dir zu erklären, welche fatalen Folgen die Abhängigkeit von solchen Substanzen haben kann.

Jupp, ich bin süchtig nach Pizza. Wer nicht? Aber kann man bei Lebensmitteln wirklich von einer "Sucht" sprechen? Der ist das eher symbolisch gemeint?

Jupp, ich bin süchtig nach Pizza. Wer nicht? Aber kann man bei Lebensmitteln wirklich von einer “Sucht” sprechen? Der ist das eher symbolisch gemeint? (Bildquelle: ReviveStronger.com)

Zu sagen, dass einige Nahrungsmittel ähnliche Qualitäten hätten, ist demnach eine ziemlich gewagte Aussage. Und – sofern der Wahrheit entsprechend – wäre es etwas, um das wir uns ernsthafte Gedanken machen müssten.

Neuste Forschung aus diesem Gebiet hat untersucht, ob bestimmte Nahrungseigenschaften (Salz, Zucker, etc.) ähnliche süchtig-machende Prozesse anregen können. Die belohnenden Eigenschaften von Nahrungsmittel können eine exzessive Kalorienaufnahme auslösen, was als „Food Reward Hypothesis“ (Hypothese zur Lebensmittelbelohnung) bekannt ist. Drogen und wohlschmeckende Nahrung teilen wichtige Eigenschaften und beide haben mächtige verstärkende Effekte, die vor allem durch einen plötzlichen Dopamin-Anstieg im Gehirn ausgelöst werden – dem wichtigsten Neurotransmitter im Belohnungssystem des Gehirns.

Einfach ausgedrückt: Wenn du etwas Leckeres isst, wird Dopamin ausgeschüttet (ein schönes Gefühl), welches dich darin bestärkt, das jeweilige Nahrungsmittel essen zu wollen.

Macht Sinn.

Dieser Artikel behandelt, ob wir eine Essenssucht entwickeln können (einschließlich einiger Überlegungen zu Faktoren, welche die Nahrungsaufnahme beeinflussen, zur Arbeitsweise des Belohnungssystem des Gehirns, zu den Ähnlichkeiten zwischen den Reaktionen dieses Systems auf Essen oder auf Drogen und dazu, wie individuelle Unterschiede erklärbar sind).

Bevor wir in das Thema einsteigen, möchte ich an dieser Stelle noch die Gelegenheit nutzen und Emma Green danken, die sich mit der Recherche für diesen Artikel näher befasst hat. Du kannst sie auf Instagram finden und zwar hier.

Esssucht: Kann man süchtig nach Essen sein? 

Warum wir essen, was wir essen

Wir essen, was wir essen, aufgrund einer engen Interaktion zwischen homöostatischen und nicht-homöostatischen Faktoren.

1.) Homöostatische Faktoren

Homöostatische Faktoren beziehen sich auf die Fähigkeit des Körpers, zu erkennen, ob er gerade Energie benötigt oder nicht.

2.) Nicht-homöostatische Faktoren

Bei nicht-homöostatischen Faktoren geht es um alle Faktoren, die nichts mit einem Bedarf an Nährstoffen oder Energie zu tun haben.

Ein Beispiel hierfür wäre es, ein Stück Kuchen zu essen, weil es Sandra’s Geburtstag ist und sie diejenige ist, die im dritten Stock arbeitet und die dich immer mästen will. Es ist unmöglich „Nein“ zu sagen (auch, weil  sie den besten Kuchen der Welt backt).

Unser Homöostase-System, mit dem wir seit unserer Geburt ausgestattet sind, funktioniert alleine schon sehr gut, um ein gesundes Körpergewicht zu halten; dies wurde in zahllosen Tierstudien bestätigt. Nicht-homöostatische Faktoren (Essen, das nichts mit Hunger zu tun hat) sind diejenigen, die uns das Ganze versauen. Denke an Weihnachten, wenn auch du wahrscheinlich über den Punkt hinaus isst, an dem du satt bist.

Wann und wieviel wir essen

Die meisten nicht-homöostatischen Mechanismen beziehen sich auf das Belohnungssystem des Gehirns – genauer gesagt auf das Dopamin.

Okay, wir wissen jetzt, dass wir manchmal einfach nur essen, um zu essen (nicht-homöostatisch) und manchmal aufgrund eines tatsächlichen physiologischen Hungers (homöostatisch). Aber wie entscheiden wir, wieviel und wann wir essen?

Die Entscheidung, wann man isst, wird von Faktoren wie empfundener Belohnung, Erfahrung, Gewohnheit, Bequemlichkeit, Möglichkeit und sozialen Faktoren beeinflusst. Im Kontrast dazu geht die Entscheidung, mit dem Essen aufzuhören, vom gastrointestinalen Trakt und teilweise auch von nicht-homöostatischen Signalen aus. Du weißt schon… wenn du entscheidest, einen zweiten Magen zu haben – einen Dessert-Magen – und so trotzdem noch mit Vergnügen ein Ben & Jerry’s verdrücken kannst, obwohl du eigentlich vorher schon satt warst.

Wie man sehen kann, kommen wir also sehr leicht um unsere homöostatischen Kontrollmechanismen herum und das über den Punkt der Sattheit hinaus. Essen lässt sich vor allem auf die zunehmend bequeme Verfügbarkeit energiereicher und hoch-belohnender Nahrungsmittel zurückführen.

Es gibt da ein ungeschriebenes Gesetz: Dessert geht immer! Wie oft hast du dich dabei erwischt, wie du bereits pappsatt gewesen bist ... und dann trotzdem weitergegessen hast? Fakt ist: Wir essen auch dann, wenn kein akuter Energiebedarf (mehr) besteht.

Es gibt da ein ungeschriebenes Gesetz: Dessert geht immer! Wie oft hast du dich dabei erwischt, wie du bereits pappsatt gewesen bist … und dann trotzdem weitergegessen hast? Fakt ist: Wir essen auch dann, wenn kein akuter Energiebedarf (mehr) besteht. (Bildquelle: Fotolia / Vasyl)

Gut-Fühl-Nahrungsmittel

Fast alles, was wir erleben, kann eine belohnende Wirkung haben. Aber das heißt nicht, dass alles das Potenzial hat, süchtig zu machen.

Bezogen auf die 5. Ausgabe des American Psychiatric Association’s Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5) muss eine Diagnose der Sucht mindestens zwei der folgenden Kriterien erfüllen:

  • Entzugserscheinungen
  • Toleranz
  • Über die Zeit steigende Dosen der Substanz
  • Das Stillen der Sucht nimmt einen großen Zeitanteil ein
  • Wiederholte Versuche, aufzuhören
  • Andauernde Nutzung trotz des Wissens um Konsequenzen

Die American Psychiatric Association hat eine Nahrungsmittelsucht weder als Essstörung, noch als Substanzmissbrauch anerkannt.

Interessant ist jedoch trotzdem, dass Essen etwas mit Drogen und Geld gemeinsam hat, und zwar die Fähigkeit, die Dopamin-Levels zu erhöhen (1). Und irgendwann erfahren wir nicht nur eine Belohnung, sondern wir antizipieren sie. Das bedeutet, dass Dopamin bereits bei sogenannten „Cues“ (zum Beispiel das Sehen oder der Geschmack eines Nahrungsmittels), die mit Essen oder anderen belohnenden Substanzen zu tun haben, ausgeschüttet werden kann.

Ich persönlich weiß beispielsweise, dass ich, wenn ich an einem guten Coffee-Shop vorbeigehe und die wundervollen Aromen einatme, ein wirklich tolles Gefühl empfinde.

Essen = Droge?

Wie wir bereits gesehen haben, teilen Drogen und bestimmte Nahrungsmittel einige Eigenschaften, die damit zu tun haben, wie sie das Belohnungssystem des Gehirns beeinflussen:

  • Beide aktivieren Regionen des Gehirns, die auf das Lernen durch Belohnung eingestellt sind, sowie den Dopamin-Signalweg.
  • Die wiederholte Einnahme (sowohl von Drogen als auch von wohlschmeckenden Nahrungsmitteln) kann zur Toleranz führen.
  • Schwierigkeiten damit, mit dem Konsum von Drogen und bestimmten Nahrungsmitteln aufzuhören.

Auch wenn die neuronalen Effekte von Essen und Drogen ähnlich erscheinen, sind sie doch nicht identisch.

Drogen und Lebensmittel beeinflussen den Dopaminspiegel im Gehirn, aber es gibt einige markante Unterschiede in den Effekten, z.B. der Dauer des Anstiegs.

Drogen und Lebensmittel beeinflussen den Dopaminspiegel im Gehirn, aber es gibt einige markante Unterschiede in den Effekten, z.B. der Dauer des Anstiegs (Bildquelle: ReviveStronger.com)

Einer der Hauptunterschiede ist, dass Drogen eine lange anhaltende Erhöhung von Dopamin zur Folge hat, Essen jedoch nicht. Trotzdem gibt es genug Ähnlichkeiten zwischen den beiden und man kann mit Berechtigung sagen, dass Drogen und schmackhafte Nahrung beide die Fähigkeit haben, dass Belohnungssystem in einer Weise zu aktivieren, welche den Konsum erhöht. Ich esse Pizza, es schmeckt gut, es erzeugt ein warmes Gefühl in mir, das mag ich – also esse ich mehr Pizza.

Im Kontext von Nahrung ist es angemessener, den Begriff „Missbrauch“ anstatt von „Sucht“ zu nutzen.

Missbrauch heißt lediglich, dass zu viel von der Substanz eingenommen wird, während Sucht eine Abhängigkeit impliziert, von der es in Sachen Essen jedoch nur wenig Belege gibt. In meinem Fall ist mein Pizzakonsum vielleicht ein Missbrauch, aber ich bin nicht wirklich abhängig davon.

Individuelle Unterschiede

Unsere Genetik beeinflusst, wie belohnend ein bestimmtes Nahrungsmittel wahrgenommen wird.

Oftmals spielt die Dysregulation bestimmter homöostatischer Mechanismen wie dem Leptin-Signalweg eine Rolle. Leptin ist ein wichtiger Regulator der Energiebilanz, indem es bestimmte Gehirnregionen beeinflusst, welche in den nahrungsinduzierten Belohnungseffekt involviert sind. Es wird von unseren Fettzellen ausgeschüttet und je mehr Fettzellen wir haben, desto mehr Leptin produzieren wir. Dies sollte in einem Appetitrückgang resultieren und verhindern, dass wir noch fetter werden.

Ein Leptinmangel erhöht im Gegensatz dazu also den Appetit und die Nahrungszufuhr. Zudem beeinflusst das Hormon die Attraktivität von Essen, was mit Erhöhungen der Dopaminsekretion korreliert (1). Kurzum: Wenn unser Leptin niedrig ist, essen wir mehr.

Zusätzlich zur Genetik spielt auch die Umwelt, in der wir leben, eine wichtige Rolle. Die allermeisten Leser müssen wahrscheinlich nur die Straße runterlaufen und schon sind sie von Burger, Döner, Pizza und Donuts umgeben. Viele von uns sind tagtäglich mit der Aufgabe konfrontiert, dem Drang zu widerstehen, jedes Fast-Food-Geschäft aufzusuchen, das wir sehen.

Auch die Bedingungen des eigenen Zuhauses müssen bedacht werden

Manche von uns leben alleine und können kontrollieren, welche Nahrungsmittel sie zu Hause haben, während andere mit Partner oder Familienmitgliedern zusammenleben, die unser Leben schwerer machen können, indem sie bestimmte Köstlichkeiten im Hause haben.

Ein gutes Beispiel ist der Unterschied zwischen meinem Zuhause und dem von Coach Pascal. Ich lebe mit meiner Freundin Charlotte zusammen. Wir beide lieben unser Essen und haben immer eine Tafel Schokolade oder ähnliches da, während Pascal dies nicht hat. Er tut dies absichtlich, weil er von sich selbst weiß, dass er nicht in der Lage ist, solche Nahrungsmittel in Moderation zu essen, während ich dies kann.

Je schmackhafter das Essen, desto schwerer ist es, es zu verdrängen. Manche Leute können auf engerem Raum mit diesen Dingen leben und reagieren anders auf bestimmte „Cues“ als andere.

Fazit

Es können aus dem Thema der Nahrungsmittelsucht einige Schlussfolgerungen gezogen werden.

  • Die Regulation der Nahrungsmittelzufuhr ist komplex und beinhaltet verschiedene Signalwege. Die belohnenden Eigenschaften bestimmter Nahrungsmittel können die hunger- und körpergewichtregulierenden Signale des Körpers überstimmen. Dies ist eigentlich ein No-Brainer.
  • Essen und Drogen nutzen gemeinsame Systeme des Gehirns. Beide stimulieren die Ausschüttung von Dopamin. Es gibt jedoch fundamentale Unterschiede in den Reaktionen auf Essen verglichen mit denen auf Drogen, einschließlich der Tatsache, dass Essen – anders als Drogen – nicht in der Lage ist, Dopamin für eine längere Zeit zu erhöhen. Nahrungsmittel sind keine Drogen.
  • Sucht entsteht durch die subjektive Wahrnehmung eines Individuums. Eine Dopaminausschüttung und die Aktivierung des Belohnungssystems im Gehirn sind weder notwendig noch ausreichend, um von einer Sucht sprechen zu können.
  • Individuelle Erfahrungen und genetische Unterschiede beeinflussen, wie das Gehirn auf belohnende Eigenschaften von Nahrungsmitteln reagiert.

Die Take-Home-Message

Man kann nicht süchtig nach Essen sein, aber man definitiv anfällig dafür sein, zu viel von bestimmten Nahrungsmitteln zu essen – abhängig von der genetischen Prädisposition, Umwelteinflüssen und der Fähigkeit, „Cues“ aus der Umwelt zu widerstehen.

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Über Steve Hall

Steve Hall ist ein Online Coach und der Inhaber von Revive Stronger, einem Online-Unternehmen, welches Gewichthebern und Kraftsportlern Ernährungs- und Trainingsratschläge liefert, die wissenschaftlich fundiert sind. Er hat mit hunderten Online-Klienten gearbeitet und Resultate erzielt. Zudem ist Steve ein naturaler Bodybuilder und Powerlifter.

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Steve Hall ist ein Online Coach und der Inhaber von Revive Stronger, einem Online-Unternehmen, welches Gewichthebern und Kraftsportlern Ernährungs- und Trainingsratschläge liefert, die wissenschaftlich fundiert sind. Er hat mit hunderten Online-Klienten gearbeitet und Resultate erzielt. Zudem ist Steve ein naturaler Bodybuilder und Powerlifter.


          

Quellen & Referenzen


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