Ego Depletion: Wie hält Dich Angst (nicht) davon ab, deine optimale Leistung zu bringen? | Studien Review

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Wie hält Dich Angst (nicht) davon ab, deine optimale Leistung zu bringen? | Studien Review

Zuletzt aktualisiert am

Von Vincent Braukämper | Benötigte Lesezeit: 4 Minuten |


Die Untersuchung, die wir im Zuge dieses Studien Reviews näher betrachten werden, dürfte insbesondere für wettkampforientierte Sportler spannend sein: Wie interagieren Angst und Selbstkontrollkraft bei der Beeinflussung sportlicher Performance? Klingt kompliziert, ist aber relativ simpel, sobald die theoretischen Hintergründe klar sind.

Um zu verstehen, was die Forscher hier untersucht haben, sollte das Ego-Depletionsmodell einmal kurz erklärt werden.

Wenn Willenskraft zur Neige geht: Was ist “Ego Depletion”?

Dieses Modell unterstellt, dass die Fähigkeit zur Selbstkontrolle einer Person von ihrer Willenskraft/Selbstkontrollkraft abhängt und von einer allgemeinen psychischen Selbstregulationsressource gespeist wird (2). Diese Ressource wird immer dann beansprucht, wenn psychische Willenskraft benötigt wird. Im Zustand der “Ego-Depletion” ist die Ressource vorermüdet, wurde also schon beansprucht.

Klingt absrakt? Ist es nicht – ein Beispiel, das du vermutlich gut nachvollziehen kannst, wenn Uni oder Schule noch nicht so lange zurückliegen: Isst du gerne Süßigkeiten? Fällt es Dir schwer, darauf zu verzichten? Das erfordert schon Willenskraft, wenn Du eigentlich Lust darauf hast.

Und jetzt stell Dir vor, Du musst auch noch für eine Klausur für ein Thema lernen, das Dich nicht interessiert und Dir schwer fällt. Auch Überwindung. Viele schaffen es deswegen in der Klausurenphase nicht, sich gut zu ernähren. Die psychische Ressource für die Selbstkontrollkraft wird durch das Lernen vollständig beansprucht – sie kann allerdings trainiert und ausgebaut werden – dieses Beispiel soll keine Entschuldigung für schwaches Verhalten in schwierigen Lebenslagen liefern.

Jeder kennt diese Situation: Wenn du dich bereits aufraffen und zusammenreissen musst, um Deadlines einzuhalten, dann bleibt oft nicht mehr genug Willenskraft, um der süßen, ungesunden Versuchung zu widerstehen. Ist die Willenskraft im Zuge stressiger Entscheidungen aufgebraucht, spricht man auch von einer sogenannten "Ego Depletion."

Jeder kennt diese Situation: Wenn du dich bereits aufraffen und zusammenreissen musst, um Deadlines einzuhalten, dann bleibt oft nicht mehr genug Willenskraft, um der süßen, ungesunden Versuchung zu widerstehen. Ist die Willenskraft im Zuge stressiger Entscheidungen aufgebraucht, spricht man auch von einer sogenannten “Ego Depletion.” (Bildquelle: Fotolia / pathdoc)

Es geht grundsätzlich darum, dass immer, wenn wir uns überwinden etwas zu tun oder nicht zu tun, Energie aus der beschriebenen Ressource benötigt wird. Auch für Konzentration auf körperliche oder geistige Aufgaben unter erschwerten Bedingungen – sei es Unlust oder Ablenkung. Die Ressource ist essenziell für den Fokus. Der Zustand, in dem sie angegriffen oder erschöpft ist, wird als Ego-Depletion bezeichnet.

Ego Depletion: Wie hält Dich Angst (nicht) davon ab, deine optimale Leistung zu bringen? | Studien Review

Was wurde nun in der vorliegenden Studie untersucht? Die Autoren vermuten, dass bei Ego-Depletion – in Kombination mit Angststimuli – die sportliche Performance sinkt (1). Das heißt, dass Sportler, wenn sie Angst haben und ihre Selbstkontrollkraft reduziert ist, schlechtere Leistungen bringen.

Um dies zu überprüfen, wurden zwei Experimente durchgeführt.

Experiment Nr. #1: Ego-Depletion & erfolgreiche Basketball-Freiwürfe

Im ersten Experiment verglichen die Forscher die Performance bei Basketballwürfen mit und ohne Ego-Depletion (durch eine konzentrationsfordernde Schreibaufgabe) vor und nach dem Erzeugen eines Angststimulus (Leistungsdruck). Dazu wurde die Freiwurf Trefferquote 64 männlicher Oberliga-Basketballer (MAlter=22.92, SD=6.11) zuerst unter neutralen Bedingungen gemessen, und anschließend unter dem Einfluss von Angststimuli.

Vor der zweiten Messung teilte man die Probanden in zwei Gruppen (je n=32), von denen bei einer eine “Ego-Depletion” ausgelöst wurde. Es konnte beobachtet werden, dass die Trefferquote beim Freiwurf bei Ego-Depletion und unter Angsteinfluss signifikant (p<0.001) sank, während ohne Ego-Depletion trotz Angst keine signifikanten Veränderungen gemessen werden konnten.

Performance bei Basketballfreiwürfen im ersten Experiment in Abhängigkeit des Besorgniszustands und der Selbstkontrolle/Willenskraft (Depletion Vs. Nondepletion). Schwarze Linie = Depletion-Zustand; graue Linie = Nondepletion-Zustand.

Performance bei Basketballfreiwürfen im ersten Experiment in Abhängigkeit des Besorgniszustands und der Selbstkontrolle/Willenskraft (Depletion Vs. Nondepletion). Schwarze Linie = Depletion-Zustand; graue Linie = Nondepletion-Zustand. (Bildquelle: Engelbert & Bertrams, 2012)

Die Autoren schlussfolgern, dass sich anhand des aktuellen Zustands bzgl. Angst und Selbstkontrollkraft die potenzielle sportliche Performance eines Athleten abschätzen lässt. Da die Studie einige Limitierungen aufwies, wie z. B. die Vernachlässigung positiver oder negativer emotionaler Auswirkungen der Ego-Depletion, das Geschlecht der Teilnehmer und ihren spezifischen Trainingsstand hinsichtlich Basketball (sowie die Tatsache, dass die Höhe des Angstlevels nicht gemessen wurde), führten die Autoren eine weitere Studie durch, um ihre Ergebnisse valider zu machen.

Experiment Nr. #2: Ego-Depletion mit & ohne Angststimuli bei Dartwürfen

Im zweiten Experiment wurde die Dartwurf-Performance auf eine angepasste Zielscheibe (mit Kreisen, sinkende Punktzahl mit zunehmendem Abstand vom Zentrum) untersucht. Insgesamt namen 79 Proband/Innen (MAlter=22.27, SD=3.39 Jahre) an diesem Versuch teil (sechs davon Linkshänder, 67 weiblich).

In der ersten Runde wurde die Durchschnittspunktzahl bei neun Würfen ermittelt. Vor der zweiten Runde erfolgte eine Aufteilung in vier Gruppen:

  • Ego-Depletion in Kombination mit Angststimulus (n=21)
  • Ego-Depletion ohne Angststimulus (n=21)
  • Keine Ego-Depletion in Kombination mit Angststimulus (n=18)
  • Keine Ego-Depletion ohne Angststimulus (n=19).

Nach der Ego-Depletion bzw. dem alternativen, nicht-ego-depletierenden Stimulus, sowie nach Setzung des Angststimulus, wurde – im Gegensatz zum ersten Experiment – die Stimmung der Probanden mit Hilfe von Likert-Skalen und Stimmungsthermometern erfasst. Außerdem wurde nach dem Erzeugen des Angststimulus die Angst auf einer subjektiven Skala (Angstthermometer) gemessen.

Durchschnittliche Anzahl erfolgreicher Dartwürfe in Abhängigkeit des Besorgniszustands und der Selbstkontrolle/Willenskraft (Depletion Vs. Nondepletion). Schwarze Linie = Depletion-Zustand; graue Linie = Nondepletion-Zustand.

Durchschnittliche Anzahl erfolgreicher Dartwürfe in Abhängigkeit des Besorgniszustands und der Selbstkontrolle/Willenskraft (Depletion Vs. Nondepletion). Schwarze Linie = Depletion-Zustand; graue Linie = Nondepletion-Zustand. (Bildquelle: Engelbert & Bertrams, 2012)

Im Ego-Depletion Zustand mit Angststimulus litt erneut die Performance der Probanden.

Da die Stimmung der Probanden nach dem Nicht/Depletionsstimulus zwischen den Gruppen keine Unterschiede aufwies, konnten die Autoren die Limitierung der ersten Studie aufheben. Zudem konnte durch die Angstmessung die Wirksamkeit des Angststimulus belegt werden.

Abschließende Worte & Zusammenfassung

Die Autoren sehen ihre Vermutung bestätigt und schlussfolgern, dass Angst bei Ego-Depletion die sportliche Performance zunehmend verschlechtert. Ego-Depletion ist hingegeben nicht die Ursache verminderter sportlicher Leistungsfähigkeit, sondern ermöglicht es lediglich der Angst, destruktive Effekte zu entfalten.

Was kannst Du hier für Dich mitnehmen? Wenn Du eine Sportart betreibst, die viel Konzentration erfordert und im Wettkampf Angst hast, solltest Du psychisch erholt sein, um deine maximale Performance abrufen zu können.

Du fandest dieses Studien Review über Ego Depletion interessant & lesenswert– und würdest gerne mehr evidenzbasierte Informationen (Praxis & Theorie) lesen? Dann werde Leser unseres monatlich erscheinenden Magazins, der Metal Health Rx!

Quellen & Referenzen

(1) Engelbert, C. / Bertrams, A. (2012): Anxiety, Ego Depletion, and Sports Performance. In: J Sport Exerc Psychol. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23027229.

(2) Baumeister, R. / Tierney, J. (2014): Die Macht der Disziplin: Wie wir unseren Willen trainieren können. Goldman Verlag. Erhältlich auf Amazon.de.


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Bildquelle Titelbild: Fotolia / Andrey Burmakin


 

Über Vincent Braukämper

Vincent Braukämper schreibt seit 2013 für Aesir Sports. In seiner Arbeit als Coach profiliert er sich durch ganzheitliche, nachhaltige und gesundheitsorientierte Konzepte. Die wissenschaftliche Fundiertheit seiner Arbeit ist für ihn selbstverständlich. Neben Prävention und Leistungssteigerung durch individualisierte und spezifische Trainingssysteme verfügt er über umfangreiches Wissen in den Bereichen Biomechanik und Ernährung.
Seine Seite Intelletics.com (Intelligent Athletics Systems) widmet er entsprechend den Grundsätzen Gesundheit – Athletik – Bewegungsqualität. Körperbewusstsein sowie ein grundlegendes Verständnis für Abläufe im Körper werden über diese Plattform nicht nur Sportlern, sondern auch Trainern, Ärzten und anderen Wissbegierigen vermittelt.

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