Insulin, ein unverdient schlechter Ruf – Teil 6: Das Finale

Insulin, ein unverdient schlechter Ruf – Teil 6: Das Finale
(Zuletzt aktualisiert am: 8. Januar 2018 )

Von James Krieger | Benötigte Lesezeit: 5 Minuten |


Dieser Artikel ist Teil einer umfassenden Reihe zur Wirkung von Insulin auf den Kohlenhydratstoffwechsel. Du findest alle vorherigen Teile hier:

Bist du ein kognitiver Geizhals?

Betrachte folgendes Problem: Jack steht auf Anne, aber Anne steht auf George. Jack ist verheiratet, aber George nicht. Steht eine verheiratete Person auf eine Unverheiratete?

  1. Ja
  2. Nein
  3. Kann nicht festgestellt werden

Dieses Problem stammt aus einem Artikel in  Scientific American über Dysrationalität, ein Konzept welches beschreibt wie intelligente Menschen irrational denken (1). Der Artikel diskutiert weiterhin ein Thema namens kognitivem Geiz (2), welches sich mit der Neigung der Menschen auseinandersetzt, Abkürzungen in ihrer Denkweise zu suchen. Diese Abkürzungen können dann oftmals zu falschen Schlüssen führen, da diese Schlussfolgerungen auf unvollständigem Denken beruhen. Der kognitive Geiz führt tatsächlich oftmals zum Phänomen der Dysrationalität, welches in dem Text beschrieben wird.

Hast du die Antwort zum oben beschriebenen Problem nun herausgefunden?

Ungefähr 80% der Leute werden Antwort 3 („Kann nicht festgestellt werden“) auswählen. Allerdings ist das nicht die richtige Antwort. Die richtige Antwort wäre die erste („Ja“).

Das Puzzle sagt nicht, ob Anne verheiratet ist oder nicht. Entweder sie ist es oder nicht. Wenn Anne verheiratet ist und sie auf George steht lautet die Antwort „Ja“. Wenn Anne unverheiratet ist, steht Jack aber immer noch auf sie, also lautet die Antwort ebenfalls „Ja“. Die meisten Menschen beantworten diese Frage falsch, da sie sich nicht die Zeit nehmen alle Möglichkeiten durchzugehen. Stattdessen wählen sie den einfachsten Weg.

Insulin, ein unverdient schlechter Ruf – Teil 6: Das Finale

Die Kohlenhydrat/Insulin Hypothese: Ein Beispiel des kognitiven Geizes

Das „Kohlenhydrate verursachen eine Insulinausschüttung, was die Fettspeicherung veranlasst“ Mantra ist ein perfektes Beispiel von kognitivem Geiz. Es ist ein Konzept, was auf unvollständigen Informationen über Insulin, Kohlenhydrate und die Regulation des Körpergewichts beruht. Viele Leute sind dieser Hypothese zugeneigt, gerade weil sie so einfach ist. Diese Einfachheit ist aber genau das was sie so falsch macht, denn sie schließt nicht alle verfügbaren Informationen ein. Sie ist eine Abkürzung in der Denkweise, basierend auf einen beschränkten Blick auf die Auswirkungen von Insulin auf die Lipolyse und Glukose.

Eines der großen Probleme mit der Hypothese in Bezug auf Fettleibigkeit ist, dass sie nicht einbezieht was innerhalb einer 24 Stunden Phase passiert. Ich habe darüber bereits kurz im ersten Teil dieser Reihe gesprochen und werde es hier ausweiten.

Lass und Alkohol als Beispiel nehmen

Es ist bekannt, dass die Aufnahme von Alkohol die Fettverbrennung hemmt (3). Der Grund dafür ist, dass der Stoffwechsel des Alkohols vom Körper Vorrang über den von Fetten, Kohlenhydraten und Proteinen hat, da er dieses Zellgift schnellstmöglich loswerden möchte. Wenn man sich jetzt nur die Hemmung der Fettverbrennung anschaut, dann könnte man vorhersagen, dass Alkohol zur Fettzunahme führt.

Allerdings ist es fehlerhaft diesen Schluss zu ziehen, da du betrachten musst, was über den Zeitraum von 24 Stunden passiert (und was in Bezug auf den gesamten Energieverbrauch stattfindet). Eine Studie schaute sich die Auswirkungen von Alkohol auf die Fettspeicherung an (4). Die Forscher verglichen zwei Situationen miteinander: In der Ersten wurde der Alkohol zusätzlich zu einer Mahlzeit verzehrt, sodass die Teilnehmer mehr Kalorien aufnahmen, als sie verbrannten. Im zweiten Versuchsaufbau wurde ein Teil der Kohlenhydrate der Mahlzeit durch den Alkohol ersetzt, sodass die Teilnehmer ihre Energiebilanz auf Null hielten.

a + b + c ergibt d. Doch was machst du, wenn dir eine oder mehrere Variablen in der Gleichung fehlen? Entweder du ermittelst (recherchierst) sie eingehend oder du ziehst, aus kognitivem Geiz heraus, falsche Schlüsse.

a + b + c ergibt d. Doch was machst du, wenn dir eine oder mehrere Variablen in der Gleichung fehlen? Entweder du ermittelst (recherchierst) sie eingehend oder du ziehst, aus kognitivem Geiz heraus, falsche Schlüsse. Die meisten Leute denken, sie wüssten alles über Insulin und den Kohlenhydratstoffwechsel, doch meistens tun sie das nicht. (Bildquelle: Fotolia / radachynskyi)

In beiden Umständen hemmte Alkohol während der 6 Stunden, wo er aktiv verstoffwechselt wurde, die Fettverbrennung. Als die Teilnehmer den Alkohol zusätzlich zur Mahlzeit aufnahmen, war die Fettbilanz über den gesamten Tag positiv – was bedeutet, dass sie Körperfett aufbauten. Als die Teilnehmer allerdings den Alkohol anstelle einiger Kohlenhydrate aufnahmen, gab es keine Fettzunahme über einen Zeitraum von 24 Stunden hinweg. Auch wenn der Alkohol die Fettverbrennung über 6 Stunden gehemmt hat, so ist die Fettverbrennung über den Rest des Tages erhöht, was wiederum die Fetteinspeicherung zum Ende des Tages ausgleicht.

Die Autoren sagten:

„Kurzzeitstudien, die daran scheitern die gesamte Makronährstoffausnahme anzupassen, können verwirrend sein. Wir schlussfolgern, dass Alkohol einen fettsparenden Effekt, ähnlich wie Kohlenhydrate, besitzt und wird nur zur Fettzunahme führen, wenn der Konsum zur Übersteigung der Energiebilanz führt.“ – Sonko et al, 1994

Wie beim Alkohol, so kann man nicht einfach auf den Fakt blicken, dass Kohlenhydrate in dem Moment die Fettverbrennung hemmen, wenn sie verstoffwechselt werden (siehe hierzu auch den Artikel „Kohlenhydrate: Machen sie dich wirklich fett?“). Leider tuen das die Befürworter der „Kohlenhydrate verursachen eine Insulinausschüttung, was die Fettspeicherung veranlasst“ Theorie nur zu gerne. Du musst aber auf den Zeitraum von 24 Stunden schauen.

Die anderen Gründe dafür, weshalb diese Hypothese ein Beispiel für kognitiven Geiz ist, sind alle Fakten die in dieser Artikelreihe angesprochen werden. Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Beobachtungen, die dieser Hypothese wiedersprechen. Weiterhin vernachlässigt diese Hypothese so ziemlich alle anderen Hormone und Faktoren, die gleichzeitig zum Insulin das Körpergewicht regulieren.

Das Insulin Finale

Die Schlussfolgerung ist, dass Insulin dem schlechten Ruf nicht gerecht wird, der ihm gegeben wird – und dass das „Kohlenhydrate verursachen eine Insulinausschüttung, was die Fettspeicherung veranlasst“ Mantra falsch ist.

Um alles noch einmal kurz und bündig zusammenzufassen:

  • Insulin hemmt den Appetit, es steigert ihn nicht.
  • Eine kohlenhydratreiche Ernährung verursacht keinen chronisch erhöhten Insulinspiegel.
  • Protein ist insulinogen und kann in manchen Fällen genauso insulinogen sein, wie Kohlenhydrate.
  • Entgehen der allgemeinen Meinung, hebt Glukagon nicht die Hemmung der Lipolyse auf, die durch den Insulinausstoß durch Protein verursacht wird.
  • Die insulinogenen Effekte von Protein werden durch eine direkte Stimulierung der Bauchspeicheldrüse hervorgerufen und nicht durch die Umwandlung in Glukose
  • Die Kombination von Protein und Kohlenhydraten kann eine größere Insulinfreisetzung hervorrufen als beide allein (gilt auch für die Kombination aus Kohlenhydraten und Fetten), auch wenn proteinreiche und moderat bis kohlenhydratreiche Diäten sehr effektiv für den Fettabbau sein können.
  • Eine sehr kohlenhydratreiche Ernährung hat bewiesen, dass sie einen Gewichtsverlust herbeiführen kann, solange man sich in einem Kaloriendefizit befindet.
  • Milchprodukte sind extrem insulinogen, genauso wie Weißbrot, und führen in Abwesenheit eines Energieüberschusses nicht zur Gewichtszunahme. Dies ist durch eine Vielzahl von Studien belegt, einschließlich Tierstudien, Beobachtungsstudien, sowie randomisierte, kontrollierte Humanstudien.
  • Insulin ist für den Fettaufbau nicht nötig.
  • Der Insulinspiegel konnte in der Mehrheit der prospektiven Studien keine Fettspeicherung oder Fettabbau vorhersagen.
  • Exenatid (ein Medikament) stellt die bei Diabetikern schnelle Insulinfreisetzung wieder her und verursacht dennoch einen Gewichtsverlust.
  • Die Effekte eine Insulininjektion kann nicht mit einer normalen, physiologischen Insulinfreisetzung verglichen werden, da bei einer natürlichen Freisetzung gleichzeitig auch Amylin ausgeschüttet wird.
  • Insulin agiert hauptsächlich als hemmendes Hormon anstatt als Speicherhormon und bremst viele physiologische Prozesse.
  • Ein Typ I Diabetiker ohne Insulin bekommt eine Hyperglykämie aufgrund einer Überproduktion von Glukose durch die Leber, nicht weil das Insulin nicht in die Zellen gelangt.
  • Insulin steigert die Glukoseaufnahme in die Zellen, aber ist dafür nicht unbedingt nötig.
  • Insulin reguliert den Blutzuckerspiegel durch die Steuerung der Glukoseproduktion in der Leber und durch die Steigerung der Aufnahme in die Zellen in Folge einer Mahlzeit.
  • Im Fastenzustand kontrolliert Insulin den Blutzucker durch die Steuerung der Glukoseproduktion in der Leber, nicht durch die Steigerung der Aufnahme in die Zellen.
  • Man kann/sollte nicht nur auf die kurzzeitigen Effekte von Insulin und Glukosespeicherung schauen. Du musst auch schauen, was über einen Zeitraum von 24 Stunden passiert. Das Körperfett wird nicht zunehmen solange du nicht in einem Energieüberschuss bist.

Sei kein kognitiver Geizhals, Insulin ist nicht der Bösewicht.

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Über James Krieger

James Krieger ist der Begründer von Weightlology. Er hält einen Master-Abschluss in Ernährung von der University of Florida und einen zweiten Master-Abschluss der Washington State University. Er ist der ehemalige Forschungsdirektor für ein unternehmerisches Programm zum Gewichtsmanagement, welches mit über 400 Menschen pro Jahr gearbeitet hat, wobei ein durchschnittlicher Gewichtsverlust von 18 kg in 3 Monaten erreicht wurde.

James ist ein publizierter Wissenschaftsautor und Sprecher im Bereich von Training und Ernährung. Seine Forschungsarbeiten wurden bereits in zahlreichen prestigehaften wissenschaftlichen Journals, darunter dem American Journal of Clinical Nutrition und Journal of Applied Physiology veröffentlicht.

James ist seit über 20 Jahren auf den Gebieten von Gesundheit, Ernährung und Fitness unterwegs und hat insgesamt mehr als 500 Artikel veröffentlicht. Er ist ein starker Gläubiger der evidenz-basierten Ansätze bezüglich der Transformation des Körpers und Gesundheit.

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Quellen & Referenzen

(1) Stanovich, KE. (2009): Rational and Irrational Thought: The Thinking That IQ Tests Miss. In: Scientific American. URL: http://www.scientificamerican.com/article.cfm?id=rational-and-irrational-thought.

(2) Wikipedia.org: Cognitive miser. URL: https://en.wikipedia.org/wiki/Cognitive_miser.

(3) Sonko, BJ., et al. (1994): Effect of alcohol on postmeal fat storage. In: Am J Clin Nutr. URL: http://ajcn.nutrition.org/content/59/3/619.abstract.

(4) Sonko, BJ., et al. (1994): Effect of alcohol on postmeal fat storage. In: Am J Clin Nutr. URL: http://ajcn.nutrition.org/content/59/3/619.abstract.


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