Der Insulin-Status: Ein zuverlässiger Marker zur Prognose der Kohlenhydrattoleranz?

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Ist der Insulin-Status eine zuverlässiger Marker zur Prognose der Kohlenhydrattoleranz?

Zuletzt aktualisiert am

Von Brad Dieter & Cliff Harvey | Benötigte Lesezeit: 10 Minuten |


Es gibt eine fortlaufende Debatte innerhalb der Community zwischen Personen, die eine kohlenhydratarme Ernährung favorisieren und jenen, die eine höhere Kohlenhydratzufuhr empfehlen.

Die Low Carb Verfechter betonen häufig solche Sachen, wie die „Insulin“-Hypothese des Fettzuwachses oder einen „Stoffwechselvorteil“ von Low Carb Ernährungsformen. Auf der anderen Seite weisen Advokaten einer High Carb Ernährung auf die Evidenz bezüglich der Effizienz von kohlenhydratreichen Ernährungsformen und die Inkonsistenzen innerhalb der vereinfachten Theorien von Insulin/Fettzuwachs und hinsichtlich des Stoffwechselvorteils von Low Carb hin.

Während die Insulin-Hypothese des Fettzuwachses bestenfalls unvollständig (und im schlimmsten Fall gar falsch*) ist, spielt Insulin – als eines der Hormone (zusammen mit Glukagon), welches primär bei der Glukose-Homöostase, der relativen Produktion, der Freisetzung und Aufnahme verantwortlich ist – sehr wahrscheinlich eine wichtige Rolle bei der „Toleranz“ größerer Mengen an Kohlenhydraten.

*Über die letzte Dekade hinweg, haben die Daten eindeutig gezeigt, dass die Aufnahme von Kohlenhydraten und die darauffolgende Insulinreaktion kein „Major Player“ in Sachen Fettzuwachs oder Fettverlust – im Gesamtkontext – sind; es gibt ausreichend viele Daten, mit deren Hilfe man die Kohlenhydrat-Insulin Hypothese, wie sie traditionell angenommen wird – zu widerlegen und es gibt nur wenig, was sie (heute noch) stützt. Die gegenwärtige Frage, um die es in diesem Artikel hier geht, nämlich die Optimierung des Gewichtsverlusts, ist eine ganz andere.

Es gibt einige Evidenz, dass Personen mit einer relativen Hyperinsulinämie und Insulinresistenz (IR) besser auf eine kohlenhydratarme Ernährung reagieren, während Menschen, die insulinsensitiver (IS) sind, tendenziell besser mit einer kohlenhydratreichere Ernährungsform fahren.

Die Insulinresistenz ist ein Zustand, in dem Zellen nicht mehr in der Lage sind auf Insulin zu reagieren. Dies führt typischerweise zu erhöhten Insulinspiegeln (Hyperinsulinämie), was schlussendlich das Risiko für Diabetes erhöht. Im frühen Stadium des Prä-Diabetes und der Insulinresistenz kann es jedoch sein, dass der Blutzuckerspiegel innerhalb eines normalen Spektrums bleibt. Viele der Proxy-Marker für eine Insulinresistenz (wie z.B. der Fasten-Blutzuckerspiegel, der HbA1c-Wert, die Triglyceridspiegel oder sogar der orale Glukosetoleranztest) sind nicht immer indikativ für die Insulin-Signalwirkung oder –resistenz. Klinisch würden wir uns normalerweise eine Bandbreite von Markern ansehen – speziell die Triglyceride und andere Lipide, den HbA1c-Wert, Leberenzyme und Bauchumfang als Indikatoren für eine Insulinresistenz, aber diese Variablen sind selbst in Kombination nicht immer akkurat.

Bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt gibt es 4 randomisierte und kontrollierte Untersuchungen, die sich angesehen haben, wie Low Carb und Low Fat Ernährungsformen den Stoffwechsel und Gewichtsverlust in insulinsensitiven und insulinresistenten Menschen beeinflussen.

Der Insulin-Status – Ein zuverlässiger Marker zur Prognose der Kohlenhydrattoleranz?

Low Carb Vs. Low Fat: Einfluss auf Stoffwechsel & Gewichtsverlust in insulinsensitiven & -resistenten Individuen

Studie Nr. #1

Pittas et al. (2005) demonstrierten, dass jene Individuen, deren Insulinreaktion über dem Durchschnitt liegt (30 Minuten nach Glukosegabe) in einem Zeitraum von 6 Monaten mehr Gewicht verloren haben (10 kg Vs 6 kg, p < 0.05)), wenn sie eine Ernährung mit niedriger glykämischer Last befolgten (verglichen mit einer Ernährung mit hoher glykämischer Last) (1).

Der umgekehrte Fall wurde dagegen in der Gruppe mit den niedrigeren Insulinwerten beobachtet. Diese Individuen verloren mehr Gewicht, wenn ihre Ernährung aus hochglykämischen Lebensmitteln bestanden hat (8 kg Vs. 6 kg), allerdings erreichte die Differenz keine statistische Signifikanz (p = 0.25) (1).

Durchschnittliche Gewichtsveränderung (vom Basiswert) während einer 6-monatigen Studie bei übergewichtigen Probanden, die eine Ernährung befolgten, die entweder einen hohen (HG) oder einen niedrigen (LG) glyämischen Index aufwieß. Die Probanden wurden entsprechend ihres Insulin-Status (basierend auf der Insulinausschüttung 30 Minuten nach einem oralen Glukosetoleranztest (75mg Glukose) in "Low INS-30" und "High INS-30" gruppiert.

Durchschnittliche Gewichtsveränderung (vom Basiswert) während einer 6-monatigen Studie bei übergewichtigen Probanden, die eine Ernährung befolgten, die entweder eine hohe (HG) oder einen niedrige (LG) glyämische Last aufwieß. Die Probanden wurden entsprechend ihres Insulin-Status (basierend auf der Insulinausschüttung 30 Minuten nach einem oralen Glukosetoleranztest (75mg Glukose) in “Low INS-30” und “High INS-30” gruppiert. (Bildquelle: Pittas et al., 2005)

Ein Wermutstropfen ist jedoch die Tatsache, dass sich die Proteinzufuhr zwischen den Gruppen unterschieden hat, wobei die Gruppe mit der niedrigeren Kohlenhydratzufuhr 30% der Kilokalorien aus Protein zuführten, während die Gruppe mit er höheren Kohlenhydratzufuhr 20% der Kilokalorien aus Protein aufnahm.

Studie Nr. #2

Ähnliche Resultate zeigt eine Studie, bei der man übergewichtige, nicht-diabetischen und insulinsensitive (Fasten-Insulinspiegel < 10 microU/mL; n = 12) mit übergewichtigen, nicht-diabetischen aber insulinresistenten (Fasten-Insulinspiegel > 15 microU/mL; n = 9) Frauen verglich. Die Damen wurden in einem randomisierten Verfahren einer Diät-Gruppe zugewiesen, die sich entweder kohlenhydratreich und fettarm ernährte (HLCF, 60% Kohlenhydrate, 20% Fett) oder eine kohlenhydratärmere, fettreichere Ernährung befolgte (LCHF, 40% Kohlenhydrate, 40% Fett) (2).

Die insulinsensitiven Frauen verloren 13,5 +/- 1,2% (p < 0.001) ihres initialen Körpergewichts auf einer High Carb Diät, während die Damen der LCHF-Diät nur 6,8 +/- 1,2% (p < 0.001; p < 0.002 zwischen den Gruppen) verloren. Konträr dazu verloren die insulinresistenten Damen mit der LCHF-Diät 13,4 +/- 1,3% (p < 0.001) ihres initialen Körpergewichts, während jene, die eine HCLF-Diät befolgten nur 8,5 +/- 1,4% (p < 0.001; p < 0.004 zwischen den Gruppen) verloren.

Absolute (A) und prozentuale (B) Veränderung des Körpergewichts (BW) in insulinresistenten (IS) und insulinsensitiven (IS) Frauen, die für einen Zeitraum von 16 Wochen eine hypokalorische HC/LF oder LC/HF Diät befolgten.

Absolute (A) und prozentuale (B) Veränderung des Körpergewichts (BW) in insulinresistenten  (IS) und insulinsensitiven (IS) Frauen, die für einen Zeitraum von 16 Wochen eine hypokalorische HC/LF oder LC/HF Diät befolgten. (Bildquelle: Cornier et al., 2005)

Studie Nr. #3

In einem 6-monatigen randomisierten und kontrollierten Trial, an dem 73 übergewichtige junge Erwachsene teilnahmen, bestimmte man die Insulin-Serumkonzentration bei der 30 Minuten Marke (nach einer oralen 75g Glukosegabe) als Messung der Insulinausschüttung. Eine kohlenhydratärmere Ernährung (40% Kohlenhydrate und 35% Fett) wurde hierbei mit einer fettarmen Ernährung (55% Kohlenhydrate und 20% Fett) verglichen (3).

In der kompletten Kohorte (linkes Panel) unterschied sich der Gewichtsverlust nicht signifikant zwischen Probanden, die entweder eine Ernährung mit niedriger glykämischer Last Vs. einer Low Fat Diät einhielten. Bei Teilnehmern, deren Basis-Insulinkonzentration nach einem oralen Glukosetoleranztest ermittelt wurde (beiden rechten Panels), erwieß sich dies als signifikant effektiver Modifikator (P=0.2).

In der kompletten Kohorte (linkes Panel) unterschied sich der Gewichtsverlust nicht signifikant zwischen Probanden, die entweder eine Ernährung mit niedriger glykämischer Last Vs. einer Low Fat Diät einhielten. Bei Teilnehmern, deren Basis-Insulinkonzentration nach einem oralen Glukosetoleranztest ermittelt wurde (beiden rechten Panels), erwieß sich dies als signifikant effektiver Modifikator (P=0.2). (Bildquelle: Ebbeling et al., 2007)

Zwar gab es nur wenige Unterschiede zwischen den Gruppen, allerdings verloren nach 18 Monaten jene Individuen, die sich in der kohlenhydratärmeren Gruppe befanden und Insulinwerte über dem Median rund 30 Minuten nach der Glukoseaufnahme verzeichneten (d.h. die insulinresistenteren Teilnehmer), mehr Gewicht (-5,8 Vs. -1,2 kg; P = 0.004) und mehr Körperfett (-2,6 Vs -0,9%; P = 0.03), als jene, die sich in der Low Fat Gruppe befanden. Kardiometabole Marker waren nicht signifikant unterschiedlich in Relation zu diesem Modifikator (3).

Studie Nr. #4

In einer ähnlichen Studie mit 245 übergewichtigen und fettleibigen Frauen, erreichten insulinsensitive Teilnehmer einen höheren Gewichtsverlust bei einer kohlenhydratreicheren Ernährung (es gab jedoch keinen signifikanten Gesamt-Unterschied zwischen den Gruppen, die sich kohlenhydratärmer und –reicher ernährten) (4). Im Schnitt betrug der Gewichtsverlust 7,5% des initialen Körpergewichts im Gesamt-Sample. Insulinsensitive Frauen, die einer fettärmeren Ernährung zugelost wurden, verloren mehr Gewicht, als jene, die einer kohlenhydratarmen Ernährung zugelost wurden (8,3% mit einer SEM von 1,0% Vs. 5,4% mit einer SEM von 1,0%; p < 0.05).

Lipide, Körpergewicht, HOMA und CRP-Werte zu Beginn (Basis) und nach 6-monatiger Ernährungsintervention. HOMA-IR = Marker für Insulinresistenz, CRP = Entzündungsmarker; IS = insulinsensitiv; IR = insulinresistent.

Lipide, Körpergewicht, HOMA und CRP-Werte zu Beginn (Basis) und nach 6-monatiger Ernährungsintervention.  HOMA-IR = Marker für Insulinresistenz, CRP = Entzündungsmarker; IS = insulinsensitiv; IR = insulinresistent. (Bildquelle: Le et al., 2016)

Es wurden keine Unterschiede in den Teilnehmern festgestellt, die insulinresistent waren und sich kohlenhydratreicher bzw. –ärmer ernährten. Diese Individuen verloren im Schnitt 7,2% ihres initialen Körpergewichts (mit einer SEM von 1,0%) und 8,7% (mit einer SEM von 0,9%) (4).

Studie Nr. #5

Eine Pilotstudie untersuchte die Effekte einer ad libitum Ernährung über einen Zeitraum von 6 Monaten (5). Hierbei stellte man fest, dass die insulinresistenten Probanden (IR) mehr Gewicht mit einer Low Carb Ernährung (LC), als insulinsensitive Teilnehmer (IS). Gleichwohl erzielten insulinsensitive Individuen bessere Ergebnisse hinsichtlich Gewichtsverlust, wenn sie sich Low Fat (LF) ernährten:

  • LF-IR: 7,4 +/- 6.0
  • LF-IS: 10,4 +/- 7,8
  • LC-IR: 9,6 +/- 6,6
  • LC-IS: 8,6 +/- 5,6

Gewichtsveränderung nach 6-monatiger Diät in Abhängigkeit der Insulinsensitivität in 49 Teilnehmern.

Gewichtsveränderung nach 6-monatiger Diät in Abhängigkeit der Insulinsensitivität in 49 Teilnehmern. (Bildquelle: Gardner et al., 2016)

Ebenfalls erwähnt wurden (nicht-signifikante) Verbesserungen des HDL-Werts, der Triglyceride, des Fasten-Blutzuckerwerts und der Insulinkonzentration sowie des Blutdrucks bei den Low Car Diäten (Vs. High Carb) in den insulinresistenten Personen. In jenen, die insulinsensitiver waren, verbesserte die Low Carb Diät den HDL- und Triglycerid-Wert stärker, als die Low Fat Ernährung, wobei die Low Fat Diät zu einer Verbesserung des Fasten-Insulinspiegels und des Blutzuckers führte (5).

Studie Nr. #6 & 7

Obwohl Tay et al. (2008) eine Insulinresistenz und –sensitivität nicht spezifisch adressiert haben, legt die Arbeit der Forscher nahe, dass mit verbesserten Resultaten für Triglyceride (VLCHF -0.64 +/- 0.62 mmol/l, HCLF -0.35 +/- 0.49 mmol/l; p = 0.01) und HDL-Cholesterin (VLCHF 0.25 +/- 0.28 mmol/l, HCLF 0.08 +/- 0.17 mmol/l; p = 0.002) für eine sehr kohlenhydratarme Ernährung (VLCHF) im Vergleich mit einer High Carb Diät (HCLF) zu rechnen ist, wobei es keine Unterschiede beim LDL und keine Differenzen beim verlorenen Gewicht in einer Kohorte mit fettleibigen Teilnehmern (mit viel Abdominalfett und höchst wahrscheinlich auch einer Insulinresistenz) gab (6).

Serum-Lipide und Apo-B Konzentration vor und nach der 24-wöchigen Ernährungsintervention nach Gruppen. VLCHF = Very Low Carb High Fat; HCLF = High Carb Low Fat.

Serum-Lipide und Apo-B Konzentration vor und nach der 24-wöchigen Ernährungsintervention nach Gruppen. VLCHF = Very Low Carb High Fat; HCLF = High Carb Low Fat. (Bildquelle: Tay et al., 2008)

Blutdruck-, Glukose-, Insulin-, HOMA-IR- und CRP-Konzentrationen vor und nach der 24-wöchigen Ernährungsintervention nach Gruppen. VLCHF = Very Low Carb High Fat; HCLF = High Carb Low Fat.

Blutdruck-, Glukose-, Insulin-, HOMA-IR- und CRP-Konzentrationen vor und nach der 24-wöchigen Ernährungsintervention nach Gruppen. HOMA-IR = Marker für Insulinresistenz, CRP = Entzündungsmarker; VLCHF = Very Low Carb High Fat; HCLF = High Carb Low Fat. (Bildquelle: Tay et al., 2008)

Es wurde zudem demonstriert, dass sich insulinresistente Teilnehmer bei Low Fat Diäten weniger gut (verglichen mit insulinsensitiven Personen) an die Ernährungs-/Diätauflagen halten (niedrige Adhärenz), was wiederum einen Gewichtsverlust unwahrscheinlicher macht. In einer anderen Studie fiel die Adhärenz (und damit auch die Reduktion des Gewichts) zwischen insulinresistenten und –sensitiven ähnlich gut bei einer Low Carb Diät aus (7).

12-monatige Veränderung der Ernährung nach Insulin-Status (Resistenz) der Diät-Gruppen.

12-monatige Veränderung der Ernährung nach Insulin-Status (Resistenz) der Diät-Gruppen. (Bildquelle: McClain et al., 2013)

All diese Studien legen Folgendes nahe:

  1. Unabhängig von Ernährungskomposition führt ein Gewichtsverlust zu einer Verbesserung der kardiovaskulären und metabolen Marker.
  2. Low Carb Strategien liefern mit großer Wahrscheinlichkeit einen höheren Benefit, als kohlenhydratreichere Ernährungsformen für insulinresistente Personen (zumindest in der kurzen bis mittleren Frist). Diese Vorteile variieren im Umfang (von gering bis moderat) und hängen sehr wahrscheinlich von der Population ab. Weitere Untersuchungen sind notwendig, um den Umfang dieser Effekte zu quantifizieren.
  3. Selbst relativ kleinere Reduktionen bei der Kohlenhydratzufuhr verbessern die Resultate bei insulinresistente Personen.
  4. Jene, die insulinsensitiver sind, profitieren mit höherer Wahrscheinlichkeit von kohlenhydratreicheren Ernährungsformen.
  5. Insulinsensitive Menschen kommen gleich gut mit Low Carb und Low Fat Diäten zurecht, wogegen insulinresistente Personen besser mit Low Carb Diäten zurechtkommen.**

** Die Daten aus dieser Untersuchung lassen darauf schließen, dass Personen, die insulinresistent sind, sich besser an die Auflagen einer Low Carb Diät halten. Ich interpretiere das Ganze so, dass insulinresistente Individuen sich weniger gut an einen Low Fat Ansatz halten, als insulinsensitive Individuen. Sie halten jedoch einen Low Carb Ansatz ähnlich gut durch, wie auch insulinsensitive Personen.

Wichtig anzumerken ist, dass alle Teilnehmer der obigen Studien zu den Gewinnern zählen, denn sie alle haben an Gewicht verloren!

Wichtig anzumerken ist, dass alle Teilnehmer der obigen Studien zu den Gewinnern zählen, denn sie alle haben an Gewicht verloren! (Bildquelle: Fotolia / strichfiguren.de)

Zwar verbesserten sich die Ergebnisse bei einer kohlenhydratreichen Ernährung für jene, die insulinsensitiv sowie bei einer kohlenhydratarmen Ernährung bei insulinresistenten Personen, aber alle Teilnehmer verloren im Zuge der Kalorienrestriktion an Körpergewicht. Die Gardner-Studie stellte eine Ausnahme dar, da diese ein „Limbo-Titrat-Qualität“-Model verwendete, in dem Probanden Fette oder Kohlenhydrate so weit einschränkten, wie es ihnen möglich war (um die 5g). Anschließend wurde die Fett- bzw. Kohlenhydratdosis durch 5g bis zur persönlichen Toleranz und der Fähigkeit, diese über Monate zu befolgen, titriert.

Es war eine ad libitum Untersuchung, die sich auf die Essqualität konzentriert hat, daher findet man darin solche subjektiven Begriffe, wie „echte Lebensmittel“, „minimal verarbeitet“, „saisonal“, „biologisch“, „grasgefüttert“, „Vollkorn“, „aus Weidehaltung“ in Abhängigkeit der zugewiesenen Ernährung. Verglichen mit den anderen Studien, fand in dieser nur eine relativ geringe Kohlenhydrateinschränkung statt. Und durch den Mangel an Evidenz ist unklar, ob eine stärkere Einschränkung der Kohlenhydratzufuhr einen größeren Benefit für jene geliefert hätte, die insulinresistenter sind.

Anders als die Pittas-Studie, in der sich die Proteinzufuhr zwischen der High Carb und Low Carb Gruppe unterschied, wurde diese in den Untersuchungen von Cornier et al. und Ebbeling et al. entsprechend gematcht (20% und 25%), während die Studie von Gardner et al. eine ad libitium Proteinzufuhr bestand, die sich zwischen den Gruppen nur wenig unterschieden hat, nämlich 25% in der kohlenhydratärmeren und 22% in der kohlenhydratreicheren Gruppe. Daher erscheint es unwahrscheinlich, dass die Proteinzufuhr in diesen Experimenten die Ergebnisse beeinflusst hat.

Systematische Reviews zeigen, dass es nur wenige Unterschiede in den Outcomes – darunter Körpergewicht, Gesamtcholesterin, LDL-Cholesterin und diastolischem Blutdruck bei Typ 2 Diabetikern (ein Proxy für Insulinresistenz) gibt, wenn Kalorien eingeschränkt werden (8)(9)(10)(11)(12). Dennoch: Je stärker die Kohlenhydrate limitiert werden, desto stärker fällt auch der glukosesenkende Effekt aus (11) und Low Carb Diäten führen in der Regel zu stärkeren Verbesserungen hinsichtlich HDL, HbA1c und systolischem Blutdruck bei Typ 2 Diabetikern (12).***

***Es ist wichtig den Umfang dieser Effekte zu verstehen. In einer Meta-Analyse, die von Huntriss Campbell und Bedwell veröffentlicht wurde, führte eine kohlenhydratarme Ernährung zu einem um 0,28% niedrigeren HbA1c-Wert, zu einen um 1,08 mg/dL höheren HDL-Wert, um 4,32 mg/dL niedrigere Triglyceridspiegel und einen 2,74 mmHg systolischen Blutdruck (12). Ebenfalls erwähnenswert: Von insgesamt 18 Studien wurde 15 von ihnen ein hohes Risiko für einen Bias bescheinigt.

Ebenfalls erwähnt werden sollte, dass sich eine Adhärenz im Angesicht einer extremen Kohlenhydrateinschränkung (weniger als 50g Kohlenhydrate pro Tag) extrem schwierig gestaltet (12).

Könnte es einen metabolischen Vorteil geben, wenn die Kalorien gewohnheitsmäßig nicht eingeschränkt werden?

Es wäre interessant zu sehen, was passieren würde, wenn diese kurz- und langfristigen Studien eukalorisch gestaltet werden würden (d.h. eine Ernährung ohne bewusste Kalorieneinschränkung). Gäbe es einen anderen Effekt, so dass es z.B. infolge einer kohlenhydratreicheren bzw. kohlenhydratärmeren Ernährung einen „Stoffwechselvorteil“ in Abhängigkeit des Insulinstatus gäbe, der z.B. zu einem verbesserten Verlust von Körperfett beiträgt?

Dies ist eine Frage, die gegenwärtig nicht beantwortet werden kann, aber hoffentlich können wir in Kürze mehr Wissen in diesem Bereich erlangen.****

****Es gibt zahlreiche hypokalorische Diät-Studien. Eukalorische Untersuchungen werden jedoch immer wichtiger; die Sport-Komponente dieser Studien wird ebenfalls wichtig sein, da die Signale im Körper häufig bestimmen, welche Substrate wofür verwendet werden – was ein gewichtiger Faktor der Adaption bei eukalorischen Zuständen ist.

Insulin-Status & Kohlenhydrattoleranz: Du bist insulinresistent und möchtest Gewicht/Fett reduzieren? In dem Fall könnte eine kohlenhydratärmere Ernährung einen Versuch wert sein.

Insulin-Status & Kohlenhydrattoleranz: Du bist insulinresistent und möchtest Gewicht/Fett reduzieren? In dem Fall könnte eine kohlenhydratärmere Ernährung einen Versuch wert sein. (Bildquelle: Fotolia / puhhha)

Andere Überlegungen und Wermutstropfen

Mangel an eindeutiger Definition von „Low Carb“ Diäten

Ich hasse es „der Typ“ zu sein, der behauptet, dass jede Low Carb Studie, die keine signifikanten Outcomes in Sachen Diät/Ernährung liefert, die Kohlenhydrate einfach nur nicht „low“ genug ansetzt, aber … die meisten dieser Untersuchungen würden typischerweise nicht als „low carb“ angesehen werden, außer vielleicht von Fitness-Nerds (ich meine Forscher), bei denen Low Carb alles zwischen 40-45% Kohlenhydraten bedeutet (13)(14) – aber sie zeigen einen Trend zu Gunsten verbesserter Ergebnisse für all jene, die insulinresistent sind und die Kohlenhydrate ein wenig einschränken.

Es wirft interessant zu sehen, ob eine stärkere Einschränkung in insulinresistenten Personen zu stärkeren Verbesserungen führt (eine Hypothese, die wir seit einiger Zeit in der AUT University testen).

Proxy-Messungen für Insulinresistenz

Die Ergebnisse von Studien bezüglich „IF Vs IS“ müssen mit Vorsicht interpretiert werden, da die Messmethoden der Insulinsensitivität ungenau sind. Fasten-Blutzucker und –Insulin sowie der Insulinspiegel als Reaktion auf einen standardmässigen Glukosetoleranztest sind ebenfalls ungenau.

Bessere Testmethoden könnten vollständige „Kraft Essays“ sein, bei denen sowohl Blutzucker, als auch Insulin in 30 Minuten Intervallen nach einer oralen Glukoseherausforderung von 75g Glukose gemessen wird, was idealerweise in Verbindung mit C-Peptid und einigen Markern, die mit einer Insulinresistenz in Verbindung stehen (z.B. Hb1Ac und Triglyceride) gemessen werden.

Zudem müssen wir all die Untersuchungen mit solchen Individuen berücksichtigen, deren Typ 2 Diabetes die Insulinresistenz nicht akkurat reflektiert, obwohl jene mit Typ 2 Diabetes insulinresistent sein werden, zeigen viele insulinresistenten Individuen mit Prä-Diabetes normale Fasten-Blutzucker und HbA1C-Werte.

Veränderung des Insulinstatus über die Zeit

Falls die Hypothese, dass sich die Insulinresistenz über die Zeit hinweg bei einer kohlenhydratarmen Ernährung verbessert, als korrekt erweist – insbesondere dann, wenn diese mit einer stimmigen Gesamtkalorienzufuhr und Widerstandstraining kombiniert wird – dann bleibt zu hinterfragen, inwiefern sich die Kohlenhydrattoleranz über die Zeit hinweg ebenfalls verbessert, so dass die Kohlenhydratzufuhr im Nachhinein wieder gesteigert werden könnte.

Ad libitum Vs. Kalorien-kontrollierte Diäten

Viele der Untersuchungen (und davon insbesondere die Frühen) berücksichtigten Reviews und Meta-Studien, bei denen kalorieneingeschränkte High Carb Ernährungsformen mit ad libitum Low Carb Ernährungsformen verglichen wurden (z.B. Brehm et al. (15) und Ebbeling et al. (16)). Da die Adhärenz und Einhaltung der Richtlinien der Schlüssel zum Erfolg sind und liefert jede Ernährungsform, die es dir erlaubt die Kalorienzufuhr autoreguliert zu gestalten – egal ob kohlenhydratreich oder –arm – überlegenere Ergebnisse ggü. Ernährungsformen und Diäten, die eine aggressivere Kontrolle für Erfolg erfordern.

Kohlenhydratzufuhr ist „aktivitätsabhängig“

Sport und Training erfordern eine relativ erhöhte Zufuhr an Treibstoff, darunter Kohlenhydrate – insbesondere für Aktivitäten, bei denen wiederholte Durchgängen bei intensiver Anstrengung, die länger als 10 Sekunden bis mehreren Minuten andauern.

Selbst wenn du also ein „Low Carb“-Responder bist (also jemand, der auf eine kohlenhydratarme Ernährung gut anspricht), kann es bedeuten, dass deine persönliche „Low Carb“-Ernährung bei größerer Aktivität relativ gesehen mehr Kohlenhydrate enthalten kann und dennoch als Low Carb durchgeht. (Randbemerkung: Das ist auch der Grund, wieso ich eine Fett- und Kohlenhydratzufuhr verordne, die sich an Prozentangaben und nicht an Absolutwerten orientiert).

Interpretation & Abschließende Worte

Die große Take Home Message dieses Artikels ist folgende:

  • Menschen mit einer Insulinresistenz reagieren etwas besser auf eine kohlenhydratarme Ernährung (ceteris paribus).
  • Umgekehrt scheinen insulinsensitive Menschen – zumindest kurz- und mittelfristig – von einer kohlenhydratreicheren Ernährung stärker zu profitieren.

Aber selbst wenn eine kohlenhydratärmere bzw. –reichere Ernährung die „beste“ Ernährungsform für dich ist und kurzfristig zu einigen Verbesserungen führt (basierend auf deinem Insulinstatus), so heißt das nicht zwangsweise, dass eine solche Ernährung auch für dich die Beste hinsichtlich Lifestyle und Geschmack ist. Langfristig kommt es insbesondere auf verhaltensbezogene Faktoren und die Adhärenz an, die du bei einer bestimmten Ernährungsform an den Tag legst – das ist für Erfolg viel entscheidender.

Wenn du also die Kalorien einschränkst, dann ist es wahrscheinlicher, dass du Gewicht und Fett verlierst sowie diverse kardiometabolische Risikofaktoren verbessert, wenn du eine nährstoffreiche, kalorienangepasste Diät befolgst, die du auch dauerhaft befolgen kannst.

Du fandest diesen Beitrag über den Insulin-Status und die Kohlenhydrattoleranz interessant & lehrreich – und würdest gerne mehr evidenzbasierte Informationen (Praxis & Theorie) lesen? Dann werde Leser unseres monatlich erscheinenden Magazins, der Metal Health Rx!

Quellen & Referenzen

(1) Pittas, AG., et al. (2005): A low-glycemic load diet facilitates greater weight loss in overweight adults with high insulin secretion but not in overweight adults with low insulin secretion in the CALERIE Trial. In: Diabetes Care. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16306558.

(2) Cornier, MA., et al. (2005): Insulin sensitivity determines the effectiveness of dietary macronutrient composition on weight loss in obese women. In: Obes Res. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/15897479.

(3) Ebbeling, CB., et al. (2007): Effects of a low-glycemic load vs low-fat diet in obese young adults: a randomized trial. In: JAMA. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17507345.

(4) Le, T., et al. (2016): Effects of Diet Composition and Insulin Resistance Status on Plasma Lipid Levels in a Weight Loss Intervention in Women. In: J Am Heart Assoc. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26811166.

(5) Gardner, CD., et al. (2016): Weight loss on low-fat vs. low-carbohydrate diets by insulin resistance status among overweight adults and adults with obesity: A randomized pilot trial. In: Obesity. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26638192.

(6) Tay, J., et al. (2008): Metabolic Effects of Weight Loss on a Very-Low-Carbohydrate Diet Compared With an Isocaloric High-Carbohydrate Diet in Abdominally Obese Subjects. In: J Am Coll Cardiol. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18174038.

(7) McClain, AD., et al. (2013): Adherence to a low-fat vs. low-carbohydrate diet differs by insulin resistance status. In: Diab Obes Metab. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22831182.

(8) Hernández Alcantara, G: / Jiménez Cruz, A. / Bacardí Gascón, M. (1960): [Effect of low carbohydrate diets on weight loss and glycosilated hemoglobin in people with type 2 diabetes: systematic review]. In: Mutr Hosp. URL: http://europepmc.org/abstract/MED/26545649.

(9) Naude, CE., et al. (2014): Low Carbohydrate versus Isoenergetic Balanced Diets for Reducing Weight and Cardiovascular Risk: A Systematic Review and Meta-Analysis. In: PloS One. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25007189.

(10) van Wyk, HJ. / Davis, RE. / Davies, JS. (2016): A critical review of low-carbohydrate diets in people with Type 2 diabetes. In: Diab Med. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26413954.

(11) Snorgaard, O., et al. (2017): Systematic review and meta-analysis of dietary carbohydrate restriction in patients with type 2 diabetes. In: BMJ Open Diabetes Research & Care. URL: https://drc.bmj.com/content/5/1/e000354.

(12) Huntriss, R. / Campbell, M. / Bedwell, C. (2017): The interpretation and effect of a low-carbohydrate diet in the management of type 2 diabetes: a systematic review and meta-analysis of randomised controlled trials. In: Eur J Clin Nutr. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29269890.

(13) Hu, T., et al. (2012): Effects of Low-Carbohydrate Diets Versus Low-Fat Diets on Metabolic Risk Factors: A Meta-Analysis of Randomized Controlled Clinical Trials. In: Am J Epidemiol. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23035144.

(14) Wheeler, ML., et al. (2010): Macronutrients, Food Groups, and Eating Patterns in the Management of Diabetes A systematic review of the literature, 2010. In: Diab Care. URL: http://care.diabetesjournals.org/content/35/2/434.

(15) Brehm, BJ., et al. (2003): A Randomized Trial Comparing a Very Low Carbohydrate Diet and a Calorie-Restricted Low Fat Diet on Body Weight and Cardiovascular Risk Factors in Healthy Women. In: J Clin Endocrinol Metab. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/12679447.

(16) Ebbeling. CB., et al. (2005): Effects of an ad libitum low-glycemic load diet on cardiovascular disease risk factors in obese young adults. In: Am J Clin Nutr. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/15883418.


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Bildquelle Titelbild: Fotolia / Alexandr Vorobev


Über Brad Dieter

Brad Dieter (PhD) ist ein ausgebildeter Wissenschaftler, Ernährungscoach und Autor. Er ist der verantwortliche Editor von Science Driven Nutrition und strebt danach die Lücke zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit zu schließen. Sein Ziel besteht darin Informationen zum Thema Ernährung richtigzustellen und für jedermann leicht verfügbar zu machen.

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