Die kommerzielle Einflussnahme in der wissenschaftlichen Forschung

Die kommerziellen Einflussnamen in der wissenschaftlichen Forschung
(Zuletzt aktualisiert am: 21. Januar 2018 )

Von Alan Aragon | Benötigte Lesezeit: 6 Minuten |


Die Erhebung wissenschaftlicher Erkenntnisse ist ein empfindlicher Prozess und die Bandbreite der Quellen ist groß: Von Geschwätz am Stammtisch bis hin zu durch Fachleute geprüfter Literatur. Ironischer Weise ist der Prozess des Ziehens von Schlussfolgerungen mehr eine Kunst, als eine Wissenschaft.

Während die Laienpresse durch emotional geprägte Themen dominiert wird, liegt die wissenschaftliche Literatur ähnlichen Prinzipien zugrunde, welche die Veröffentlichung bestimmen – jedoch mit ein paar zusätzlichen Kniffen.

Die finanzielle Quelle ist ein maßgeblicher Faktor, der die Ergebnisse mitbestimmt. Die Beeinflussung der Publikation und der Finanzierung sind wichtige Bewertungsgrundlagen für die Evidenz, werden jedoch oftmals übersehen. Leider sind diese Faktoren in vielen Fällen für den Untergang von Medikamenten, Nahrungsergänzungsmitteln und anderen Produkten im Bereich der menschlichen Gesundheit verantwortlich. Aus diesem Grund muss jeder Aspekt der Forschung – auch wenn er zunächst nicht ersichtlich ist – durch eine skeptische Brille betrachtet werden.

Die kommerzielle Einflussnahme in der wissenschaftlichen Forschung

Beeinflussung der Veröffentlichung (Publikations-Bias)

Publikations-Bias ist definiert durch die Einreichung zur Akzeptierung eines Manuskriptes zum Zwecke der Veröffentlichung, basierend auf der Stärke oder Richtung der Studienergebnisse (1).

Verschiedene Faktoren werden mit dem Scheitern der Veröffentlichung in Verbindung gebracht, aber ob die Barrikade hauptsächlich auf der Seite der Wissenschaftler oder des Herausgebers des Journals liegt ist dabei unklar. Dickersin und Kollegen verfolgten 737 Manuskripte, die von institutionellen Bewertungsgremien akzeptiert wurden und nur 6 der 124 Studien, die nicht veröffentlicht wurden, wurden durch das Gremium abgelehnt (2).

Im Gegensatz dazu verfolgten Lee und Kollegen erst kürzlich 1107 Manuskripte, die dem britischen Journal „The Lancet, and the Annals of Internal Medicine“ übersandt wurden. 70% der Studien wurden direkt abgelehnt und weitere 24% nach der Begutachtung (3). Nur 6% schafften es letztendlich bis zur Veröffentlichung.

Trotz der sehr unterschiedlichen Ergebnisse dieser Untersuchungen zeigen sie beide eine Selektion der Studien nach dem Ergebnis, wobei die Präferenz in Richtung der Studien ging, die ein statistisch signifikantes Ergebnis vorweisen konnten.

Die kommerzielle Einflussnahme in der wissenschaftlichen Forschung

In der Wissenschaft gibt es einen sogenannten „Publikations-Bias“ – der Trend geht hin zu Studien, die signifikante Ergebnisse präsentieren, während Studien, die keine Signifikanz erreichen, unterschlagen bzw. nicht publiziert werden, obwohl man daraus wichtige Erkenntnisse ableiten könnte. (Bildquelle: Fotolia / DOC RABE Media)

Auswirkungen des Problems und eine Lösung in Arbeit

Die Tatsache, dass ein großer Teil der Daten nicht veröffentlicht wird, bedeutet, dass ein nicht unwesentlicher Teil der Wahrheit (oder einer, der sich zumindest sehr nah dran befindet) ungeachtet bleibt. Der Einfluss der Kommission wird noch schlimmer, wenn man es auf Meta-Analysen (oder systematische Reviews) überträgt, welche meistens keine unveröffentlichten oder „grauen“ Studien enthalten.

Nicht-Veröffentlichung kann weiterhin rechtliche Auswirkungen haben, da es die Vereinbarungen bricht, die die Wissenschaftler mit ihren Studienteilnehmern, Ethikkommissionen und Sponsoren treffen (4). Da sich die wissenschaftliche Gemeinschaft diesem Problem bewusstgeworden ist, hat sie die letzten paar Jahrzehnte damit verbracht, eine zentralisierte Registrierung von klinischen Versuchen aufzubauen.

Der erste weitreichende Durchbuch in diesem Belangen war im Jahre 2004, als der internationale Rat der Medizin-Journal-Herausgeber (ICMJE) ein Dokument veröffentlichte, welches eine verpflichtende Registrierung der klinischen Versuche vor der Aufnahme der Teilnehmer thematisierte (5). Das motivierte Wissenschaftler dazu, ihre Forschungen anzumelden, ein Portal für den Zugriff auf unveröffentlichte Daten zu erschaffen und eine umfassendere Aufnahme von Studien in Meta-Analysen und systematische Reviews zu erlauben.

Die Welt Gesundheitsorganisation (WHO) plant derzeit ein internationales Netzwerk von Registrierungen zusammenzustellen, was über eine Internetplattform zugänglich werden soll. Bisher gibt es weder ein formales Trackingsystem für die Registrierung von Versuchen, noch ein System, welches das Nicht-Registrieren bestraft.

Die weltweite Regulation von Publikations-Bias ist weiterhin in den Kinderschuhen, aber sie macht Schritte in die richtige Richtung,

Die Beeinflussung durch die Finanzierung – das andere unsichtbare Biest

Der Einfluss der Finanzierung ist die starke Tendenz eines kommerziell gesponserten Versuchs, positive Ergebnisse – verursacht durch das Produkt des Sponsors – zu liefern. Ein perfektes Beispiel dafür ist die Pharmaindustrie.

Ein aktuelles Review von Sismondo diskutiert die Handlungen von Wissenschaftlern die zur Beeinflussung der Ergebnisse durch den Sponsor führen (6). Die Taktiken umfassen die Planung der Publikation, was eine berechnete Progression ist, worin die Hersteller und ihre Agenten die Ergebnisse und Veröffentlichung der Artikel zu ihren Gunsten beeinflussen. Im Detail sind dabei Scheinautoren oder unbenannte Autoren involviert, die bei der Manipulation der Daten und Darstellungen assistieren.

Um diese Nische zu füllen, bieten eine Vielzahl von wissenschaftlichen Vertragsorganisationen (CRO’s) ihre Expertise an, Manuskripte effizient durch jeden Schritt des Veröffentlichungsprozesses zu bringen – vom Studiendesign, über die Berichterstattung, bis hin zur Genehmigung im gewünschten Journal.

Pharmazeutische Unternehmen haben die Aufträge der meisten ihrer klinischen Versuche von akademischen Institutionen an CRO’s abgegeben, welche teilweise als personalisierte Daten-Farmen agieren. Durch Unternehmen gesponserte Forschung ist sehr stark anfällig für Voreingenommenheit des Designs, inklusive der Dauer der Versuche um die Nebenwirkungen zu zeigen, Behandlungsungleichgewicht (unrealistische oder unebene Vergleiche) und unangemessene Dosierungen.

 “Ghost-Management” in Aktion

Eine außenstehende, dritte Partei anzuheuern, die das volle Spektrum der Versuchsdurchführung plant und ausführt, kann durchaus hochqualitatives Material liefern, ist aber auch immer eine starke Quelle für Voreingenommenheit.

Healy und Cattell untersuchten am Beispiel des Pharmaunternehmens Pfitzer den Einfluss der Anstellung der Firma Current Medical Directions (CMD) auf die Ergebnisse der Sertralin (Zoloft) Studien und fanden einen deutlichen Vorteil des Outsourcings zu CMD heraus (7). Es wurde ein Vergleich zwischen CMD-unterstützten Versuchen und Versuchen ohne medizinische Consultingfirma aufgestellt. Die Versuche zu Sertralin von CMD waren in der Vergleichsperiode wesentlich zahlreicher (85 gegenüber 41) und hatten einen siebenfach höheren Einflussfaktor und eine höhere Frequenz von Zitationen durch weitere Literatur.

Die CMD-unterstützen Versuche wiesen weiterhin anerkanntere Autoren auf und erschienen in prestigeträchtigeren Journalen. Und hier der Clou – nur 50% der Nicht-CMD-Versuche zeigten positive Ergebnisse, wohingegen 100% der CMD-unterstützten Arbeiten positiv ausfielen.

 “Ghost-Management” in Aktion

Ghostwriting ist auch in der Veröffentlichung wissenschaftlicher Publikationen ein Ding. Dies erhöht die Chance einer Publikation der Studie in renommierten Journalen. (Bildquelle: Fotolia / beeboys)

Ein weiteres Beispiel für “Ghostwriting” und gefährdeter Seriosität ist der Fall, wie das Pharmaunternehmen Merck mit Rofecoxib (Vioxx) umgegangen ist, welches die Firma im Jahre 2004 aus Sicherheitsgründen (und Rechtsgründen) vom Markt nahm.

Ross und Kollegen untersuchten kürzlich den Umfang von Ghostwriting für Rofecoxib Studien von 1996 bis 2004 (8). Nur 50% der Artikel beinhalteten entweder eine Auskunft über das Sponsoring von Merck oder die finanzielle Entlohnung der Autoren durch das Unternehmen. Diese Artikel werden oft durch Ghostwriter vorbereitet, jedoch auf akademisch angegliederte Ermittler zurückgeführt, die oft keine finanzielle Unterstützung von Merck offenlegten.

Gekaufte Forscher und andere steile Abhänge

An diesem Punkt werde ich die Diskussion von Medikamenten auf Supplemente überleiten – ein ähnlich stark durch kommerzielle Instanzen beeinflusster Bereich. Eines der eklatantesten Szenarien des Einflusses der Forscher ist, wenn die führenden Wissenschaftler einer bestimmten Studie von der finanzierenden Firma angestellt werden und deren Produkt in der Studie in diesem Versuch getestet werden.

Zum Beispiel ist Ronald Stanko der Hauptforscher in der Mehrzahl der Studien, die die Wirksamkeit von Pyruvat für fitnessbezogene Zwecke zeigen (9)(10)(11)(12). Er besitzt außerdem die Patente über die Pyruvat-basierten Verbindungen, die in den Studien verwendet werden.

Eine ähnliche Situation haben wir bei Steve Nissen, der die Mehrheit der Nachforschungen zu Beta-Hydroxy-Beta-Methylbutyrat (HMB) geführt hat. Nissen ist auch ein Patentinhaber der HMB-Nutzung als Supplement im Sportbereich.

Ich fand es amüsant, dass Nissen eine Meta-Analyse zu Nahrungsergänzungen in Bezug auf die Magermasse und Kraft durchgeführt hat, welche darauf hindeutet, dass nur Kreatin und (Überraschung) HMB über ausreichende Daten verfügen, die ihre Verwendung unterstützen (13). Ich habe gut gelacht, als Decombaz und Kollegen diesen Sachverhalt ans Licht brachten.

Lass mich deren Besorgnisse über die Einbeziehung von HMB in dieselbe Liga wie Kreatin zitieren (14):

„Demonstrationen der Wirksamkeit, die durch nur eine kleine Anzahl von separaten Quellen erzeugt werden, sind intuitiv weniger überzeugend, als die einer großen Anzahl unabhängiger Labore. Aus diesen Gründen glauben wir, dass Untersuchungen, die von nicht-unvoreingenommenen Autoren oder Institutionen durchgeführt werden, wahrscheinlich ähnliche Ansätze zu einer gegebenen Frage teilen und eine kleinere Vielfalt von Methoden, als wirklich unabhängige Institutionen, verwenden.“

Eine letzte Zugehörigkeit eines Forschers, die erwähnenswert ist, ist Paul Cribb und die Nahrungsergänzungsmittel-Firma AST Sports Science.

Cribb ist Forschungsdirektor bei AST und auch der Hauptforscher in den AST-gesponserten Versuchen, die ihr Wheyprotein (VP2) und Kreatin (Creatine HSC) einschließen.

Dank der Partnerschaft von Cribb und AST, haben diese Produkte einige ernsthafte Pubmed-Einträge (15)(16)(17)(18). Ich behaupte nicht, dass wir alle Forschungsergebnisse, die von Firmen-Forscher-Allianzen produziert werden, vollständig abschreiben sollten. Ich fordere jedoch alle auf, skeptisch zu bleiben und kritisch zu denken.

Wissenschaftliche Forschung ist wie jedes andere Gewirr an Informationen – es muss nach Fehlern sortiert werden.

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Über Alan Aragon

Alan Aragon ist ein Ernährungswissenschaftlicher und –lehrer mit über 20 Jahren an Erfahrung auf diesem Sachgebiet. Er ist als eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der Fitnessindustrie-Bewegung bekannt, die auf evidenz-basierte Informationen setzt. Zu seinen bekanntesten Klienten gehören u.a. Stone Cold Steve Austin, Derek Fisher und Pete Sampras.

Alan publiziert ein monatlich erscheinendes Research Review (AARR) und liefert brandaktuelle theoretische und praktische Informationen. Seine Arbeiten wurden bereits in zahlreichen Magazinen sowie wissenschaftlicher Literatur mit Kreuzgutachten (Peer Review) veröffentlicht. Er ist eine der Co-Autoren von Nutrient Timing Revisited, einem der häufigsten angesehenen Artikel in der Geschichte des Journal of the International Society of Sports Nutrition.

Darüber hinaus entwickelt Alan spezielle Trainingsprogramm für Freizeitsportler, Olympioniken und Profi-Athleten.

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Quellen & Referenzen

(1) Dickersin, K. (1990): The existence of publication bias and risk factors for its occurrence. In: JAMA. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/2406472.

(2) Dickersin, K. / Min, YI. / Meinert, CL. (1992): Factors influencing publication of research results. Follow-up of applications submitted to two institutional review boards. In: JAMA.  URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/1727960.

(3)  Lee, KP., et al. (2006): Predictors of publication: characteristics of submitted manuscripts associated with acceptance at major biomedical journals. In: Med J Aust. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16803442.

(4) Krzyzanowska, MK., et al. (2003): Factors associated with failure to publish large randomized trials presented at an oncology meeting. In: JAMA. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/12876092.

(5) Abaid, LN., et al. (2007): Reducing publication bias through trial registration. In: Obstet Gynecol. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17540818.

(6) Sismondo, S. (2008): How pharmaceutical industry funding affects trial outcomes: causal structures and responses. In: Soc Sci Med. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18299169.

(7) Healy, D. / Cattell, D. (2003): Interface between authorship, industry and science in the domain of therapeutics. Br J Psychiatry. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/12835239.

(8) Ross, JS., et al. (2008): Guest authorship and ghostwriting in publications related to rofecoxib: a case study of industry documents from rofecoxib litigation. In: JAMA. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18413874.

(9) Stanko, RT., et al. (1992): Body composition, energy utilization, and nitrogen metabolism with a 4.25-MJ/d low-energy diet supplemented with pyruvate. In: Am J Clin Nutr. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/1414961.

(10) Stanko, RT., et al. (1992): Body composition, energy utilization, and nitrogen metabolism with a severely restricted diet supplemented with dihydroxyacetone and pyruvate. In: Am J Clin Nutr. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/1550057.

(11) Stanko, RT., et al. (1992): Body composition, nitrogen metabolism, and energy utilization with feeding of mildly restricted (4.2 MJ/d) and severely restricted (2.1 MJ/d) isonitrogenous diets. In: Am J Clin Nutr. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/1414962.

(12) Stanko, RT. / Arch, JE. (1996): Inhibition of regain in body weight and fat with addition of 3-carbon compounds to the diet with hyperenergetic refeeding after weight reduction. In: Int J Obes Relat Metab Disord. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/8910097.

(13) Nissen, SL. / Sharp, RL. (2003): Effect of dietary supplements on lean mass and strength gains with resistance exercise: a meta-analysis. In: J Appl Physiol. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/12433852.

(14) Decombaz, J., et al. (2003): HMB meta-analysis and the clustering of data sources. In: J Appl Physiol. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/14555678.

(15) Cribb, PJ., et al. (2007): A creatine-protein-carbohydrate supplement enhances responses to resistance training. In: Med Sci Sports Exerc. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17986903.

(16) Cribb, PJ., et al. (2007): Effects of whey isolate, creatine, and resistance training on muscle hypertrophy. In: Med Sci Sports Exerc. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17277594.

 (17) Cribb, PJ., et al. (2006): The effect of whey isolate and resistance training on strength, body composition, and plasma glutamine. In: Int J Sport Nutr Exerc Metab. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17240782.

(18) Cribb, PJ. / Hayes, A. (2006): Effects of supplement timing and resistance exercise on skeletal muscle hypertrophy. In: Med Sci Sports Exerc. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17095924.


Bildquelle Titelbild: Fotolia / Andrey Popov