Alkohol: Wieso ihn manche besser vertragen, als andere

(Zuletzt aktualisiert am: 14. August 2018 )

Von Rebecca Ortega | Benötigte Lesezeit: 7 Minuten |


Wenn du schon volljährig bist, dann erinnerst du dich sicherlich an die vielen Male, wo du das eine oder andere Mal zu tief ins Glas geschaut hast. Vielleicht war es auf einer Party, bei Freunden oder gar alleine im stillen Kämmerlein, während du dich selbst bemitleidet hast, weil sich die Situation nicht so entwickelt hat, wie du es dir gewünscht hast. Eventuell hast du dich auch bereits in der Öffentlichkeit übergeben und vom Kater, der dich am nächsten Morgen begrüßt, wollen wir gar nicht erst anfangen.

Dieses pochende Gefühl im Schädel, die Benommenheit, die Übelkeit … für viele reicht bereits der beschleunigte Herzschlag aus, damit sich die meisten Menschen am Tag darauf schwören: „Niemals wieder!“

Jedenfalls bis zur nächsten Party…

Es überrascht uns nicht, dass manche Menschen Alkohol besser vertragen, als andere – doch was wäre, wenn ich dir jetzt mitteile, dass es Leute gibt, die sich bereits nach den ersten paar Schlücken verkatert fühlen? Und was ist, wenn ich dir weiterhin erzähle, dass es ähnliche genetische Mechanismen gibt, die mit dem Alkoholstoffwechsel interagieren (und zu den oben erwähnten Phänomen führen)?

Nicht nur das: Keine dieser genetischen Mutationen ist selten (in der Wissenschaft nennen wir sie „Polymorphismen“). Sie treten mit einer Frequenz von bis zu 60% in bestimmten geographischen Populationen auf (5). Und um zu verstehen, wie sie funktionieren, ist ein Grundverständnis dessen notwendig, was in deinem Körper nach dem ersten bis zum letzen Schluck deines Lieblingscocktails passiert.

Alkohol: Wieso ihn manche besser vertragen, als andere

Wodurch wird der Blutalkoholspiegel beeinflusst?

Nach deinem Schluck aus dem Martiniglas, dem Shot (den du runterstürzt) oder der Flasche Bier (die du dir gelegentlich gönnst) landet der Alkohol, der darin enthalten ist, in deinem Magen. Von dort aus wird der langsam in den Verdauungstrakt überführt, wo er schließlich im Dünndarm endet. Ein Großteil des Alkohols wird an dieser Stelle in den Blutkreislauf aufgenommen und anschließen in der Leber verarbeitet.

Die Rate der Aufnahme und Verteilung zur Leber (sowie anderem Körpergewebe) wird durch eine Vielzahl an Variablen beeinflusst – darunter dem Körperwassergehalt, der Körperfettkomposition, dem Alkoholgehalt des Drinks, der Magenentleerungsrate, der Nahrungsmittelzufuhr und dem Geschlecht desjenigen, der den Alkohol zuführt (2). Aufgrund der eben erwähnten Faktoren steigt der  Blutalkoholwert in der Regel bei Frauen stärker an, als bei Männern.

Alkohol: Wieso ihn manche besser vertragen, als andere

Der Ethanolstoffwechsel: Es existiert zwei metabolische Pfade, bekannt als CYP- und Catalase-Pfad, doch die Verstoffwechselung von Ethanol läuft zu 90% über den hier dargestellten Weg ab. (Bildquelle: ScienceDrivenNutrition.com)

Der Alkoholstoffwechsel

Nachdem er von der Leber aufgenommen wurde, durchläuft der Alkohol den sogenannten „First-Pass“-Stoffwechsel, bei dem dein Körper versucht das Zeug loszuwerden, bevor es sich mit dem restlichen Körpergewebe anfreundet und schließlich irgendwann in den Leber-Stützpunkt zurückkehrt.

In den Leberzellen (Hepatozyten) wird der Alkohol zunächst durch ein Enzym namens Alkohol Dehydrogenase (ADH) zu einem karzinogenen Stoff transformiert, der mitunter auch für den Brummschädel am nächsten Morgen verantwortlich ist – Acetaldehyde.

Anschließend wird das Acetaldehyde in die Energiekraftwerke der Zelle, die Mitochondrien, eingeschleust. Dort neutralisiert ein Enzym namens Aldehyde Dehydrogenase (ALDH2) das Zellgift, damit dieses zur Deckung des akuten Energiebedarfs verbrannt werden kann Diese Vorgang wiederholt sich so oft, bis kein Alkohol bzw. Acetaldehyde mehr im Körper vorhanden ist.

Alkohol: Wieso ihn manche besser vertragen, als andere

ADH1B*2 Mutationsrate in Europäern und Fernöstlern. (Bildquelle: ScienceDrivenNutrition.com)

Wieso vertragen manche Menschen Alkohol besser als andere?

Wie sieht es nun aus bei jenen Menschen, die viel Alkohol vertragen und jenen, die kaum/keinen Alkohol vertragen?

Nun, diese Menschen verfügen über eine (oder zwei) spezielle Version(en) dieser Enzyme. Wenn du dir die obige Grafik näher ansiehst, dann müsste jemand, der Alkohol gut verträgt (weniger davon merkt), das Acetaldehyde so früh/schnell wie möglich neutralisieren. Es gibt in der Tat eine Mutation bei der Gencodierung für die Untereinheit (Subunit) von ADH, die dafür sorgt, dass das Enzym in der Lage ist Alkohol 40 Mal schneller zu verstoffwechseln. Diese Mutation nennt man ADH1B*2 und sie findet sich in 60-85% der Individuen mit fernöstlichen Wurzeln (jedoch nur zu 15% bei Europäern) (5).

Es wird angenommen, dass diese Mutation zusammen mit der Reis-Agrikultur aufgekommen ist, so dass Ballungsräume mit ADH1B*2 entstanden sind (sowohl im Mittleren als auch im fernen Osten)(3). Bis zum  demographischen Übergang von einer Jäger & Sammler Kultur zur Seehaftigkeit mit Anbau begegnete uns Alkohol vornehmlich in Form fermentierter Früchte, die einen geringen Prozentgehalt an Alkohol besaßen. Mit der Agrikultur gelangten traditionelle alkoholhaltige Getränke zu größerer Popularität, doch selbst mit Getränken wie Chicha („Spuckebier“) wird ein Alkoholwert über 5% selten erreicht (6).

Die moderne Destillation hielt erst mit der Industrialisierung Einzug und ermöglichte es uns alkoholische Getränke mit einem Alkoholgehalt von bis zu 95% zu produzieren. Das ist eine ganze Menge Energie, die geerntet werden kann. Es macht also gewissermaßen Sinn, dass mit einem steigenden Alkoholgehalt auch ein schnelleres ADH-Enzym, zusammen mit einem schnellen ALDH2, bei der Selektion favorisiert wurde. Unglücklicherweise existiert auch die langsame Version noch sehr häufig, insofern wird der Alkohol in naher Zukunft niemals wie Wasser durch einen „hindurchlaufen“.

Personen, die genetisch „gesegnet“ sind und Alkohol gut vertragen, verspüren aufgrund der schnellen Beseitigung des Alkohols aus dem Blutkreislauf (durch schnelles ADH) geringere Vergiftungserscheinungen. Dies mag kurzfristig zwar vorteilhaft sein, doch diese Personen besitzen ein erhöhtes Risiko für Kopf, Hals, Leber und andere Krebsarten (4)(5)(7).

Was also passiert in Menschen, die keinen Alkohol vertragen?

Haben diese Personen einfach nur ein Problem, weil sie den Alkohol nicht so schnell verstoffwechseln, wie Personen, die viel Alkohol vertragen?

Es ist durchaus möglich, dass diese Individuen über dieselben ADH Polymorphismen verfügen, wie jene, die viel trinken können (ohne viel zu spüren). Vermutlich hast du jemanden in deinem Freundeskreis, der knallrot wird, sobald er ein paar Schlucke Alkohol zu sich genommen hat. Sehr häufig lässt sich dies bei Personen mit chinesischer, japanischer, koreanischer oder taiwanesischer Abstammung beobachten. Diese negative physiologische Reaktion auf geringe Mengen an Alkohol nennt man „Alkoholintoleranz“ (oder auch Alkoholunverträglichkeit) bzw. „asiatisches Leuchten“, da es zu 30 – 60% in fernöstlichen Individuen auftritt (5).

Die Intoleranz äußert sich in solchen unangenehmen Symptomen, wie z.B. einem beschleunigten Herzschlag, ein stärkeres Gefühl der Intoxikation, Übelkeit und – das vielleicht offensichtlichste Symptom – das Rotwerden im Gesicht (1)(5). Der Grund für das Erröten findet sich in Acetaldehyde begründet, welches mitunter auf für den Kater am nächsten Tag verantwortlich ist.

Basierend auf den obigen Grafiken, können wir sehen, dass es zwei potenzielle Quellen für eine Akkumulation von Acetaldehyde gibt: Entweder funktioniert das Enzym ADH gut oder eben nicht. (wenn überhaupt …).

Alkohol: Wieso ihn manche besser vertragen, als andere

Eine Alkoholintoleranz macht sich dadurch bemerkbar, dass bereits geringe Mengen an Alkohol ausreichen, um typische Kater-Symptome hervorzurufen. (Bildquelle: Fotolia / sebra)

Wie sich herausstellt, ist ein ALDH2 Enzym, welches eine Fehlfunktion hat, der Schlüssel für diese Mechanik des Errötens (oder ein Mangel dessen). Ein Schalter einer einzelnen Base in der DNA innerhalb des ADH2 Gens resultiert in einem ALDH2*2 Enzym, welches eine um 15% geringere Aktivität aufweist, als es eigentlich haben müsste, um das giftige Acetaldehyde zu neutralisieren (1). Eine solche Mutation reicht häufig bereits aus, um den Alkoholkonsum der betroffenen Person zu reduzieren und sie zu 66-99% vor Alkoholismus (Alkoholsucht) zu bewahren (1).

Für all jene, die erröten, endet die Geschichte hier jedoch noch nicht. Obwohl ALDH2*2 der Hauptverursacher für diese physiologische Reaktion ist, kann die Acetaldehyde-Ladung durch ein schnelles ADH Enzym, welches Personen, die Alkohol gut vertragen zum Vorteil gereicht, erhöhen. Der Schutz, der die meisten Individuen (welche die Polymorphismen ADH1B*2 und ALDH2*2) vor zu viel Acetaldehyde bewahrt, führt zu einem rapiden Influx von Blut-Acetaldehyde und badet das Gewebe in diesem krankmachenden Stoff, indem es die Symptome der Alkoholintoleranz beschleunigt und verschlechtert.

Keine Ahnung wie es dir geht, aber ich würde das Glas nach ein paar Schlücken absetzen, wenn mir so etwas passieren würde – und daher ist es auch keine allzu große Überraschung, dass der freiwillige Verzehr von Ethanol im Maus-Modell (bei einem schnellen ADH Enzym) um 50-60% absinkt (1). Nicht alle Individuen, die bei Alkoholverzehr erröten, reagieren gleich. Einige von ihnen zeigen eine so heftige Reaktion, dass sie alkoholhaltige Getränke nicht trinken oder in größeren Mengen bei der Zubereitung von Nahrung verwenden können, während andere mit 1-2 Bier gut zurechtkommen. Dies kann für Betroffene, die dennoch trinken, potenziell gefährlich sein, da sich die karzinogene (krebsauslösende) Wirkung von Acetaldehyde in einer dosisabhängigen Beziehung erhöht (4)(5).

Personen, die sensibel auf Alkohol reagieren, hören entweder freiwillig oder unfreiwillig auf ihren Körper, doch die Beweislast in der Literatur mehrt sich, wonach gezeigt wird, dass diese Personengruppe ebenfalls alkoholabhängig werden kann (1). Weil der gesamte Körper in Acetaldehyde gebadet wird, wenn diese Individuen trinken, endet ein Teil davon im Gehirn, wo es eine Kettenreaktion im Belohnungszentrum auslöst und so den Alkoholverzehr verstärkt (zusätzlich nach einer längeren Periode der Abstinenz) (1).

Abschließende Worte

Es sieht also ganz danach aus, als läge die Schwelle zur Toleranz eines Individuums in der peripheren Konzentration von Acetaldehyde. Einige Personen sind demnach (epi-)genetisch und stoffwechselbedingt dazu vorherbestimmt, dass sie eine hohe bzw. niedrige Toleranzschwelle für Alkohol besitzen.

Die Fähigkeit, als Person mit niedriger Alkoholtoleranz (ohne zu erröten) zurechtzukommen, mag das Trinkerlebnis vielleicht angenehmer gestalten, doch es ändert nichts an der Genetik des Betroffenen. Die Blutkonzentration des Acetaldehydes steigt in diesen Personen vermutlich nicht signifikant an. Alkoholiker mit einer Alkoholintoleranz besitzen jedoch nicht nur ein erhöhtes Risiko für Leberkrebs, sondern sie setzen ihren Körper auch einer kontinuierlichen Acetaldehyde-Exposition aus.

Sofern du also zu den Betroffenen gehörst, sagt uns die wissenschaftliche Literatur, dass du dich lieber von den Weingeistern fernhalten solltest.


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Quellen & Referenzen

(1) Israel, Y., et al. (2013): Gene specific modification unravel ethanol and acetaldehyde actions. In: Front Behav Neurosci. URL: https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fnbeh.2013.00080/full.

(2) Kent, W. (2012): The pharmacokinetics of alcohol in healthy adults. In: Webmed Central. URL: https://www.webmedcentral.com/article_view/3291.

(3) Li, H., et al. (2011): Diversification of the ADH1B gene during expansion of modern humans. In: Ann Hum Genet. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21592108.

(4) Liu, J., et al. (2016): Alcohol drinking mediates the association between polymorphisms of ADH1B and ALDH2 and hepatitis B related hepatocellular carcinoma. In: Canc Epidemiol Biomark Prev. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26827895.

(5) Tsial, ST., et al. (2014): The interplay between alcohol consumption, oral hygiene, ALDH2, and ADH1B in the risk of head and neck cancer. In: Internat J Canc. URL:  https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24719202.

(6) Vallejo, JA., et al. (2013): Atypical yeasts identified as Saccaromyces cervisiae by MALDI-TOF MS and gene sequencing are the main responsible of fermentation of chicha, a traditional beverage from Peru. In: Syst Appl Microbiol. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25323582.

(7) Zhang, Y., et al. (2015): Alcohol dehydrogenase-1B Arg47His polymorphism is associated with head and neck cancer risk in Asian: a meta-analysis. In: Tumour Biol. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25323582.


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