Work-Out & Travel – Teil I: Trainieren auf Reisen, eine Frage des Selbstrespekts?

Work-Out and Travel - Teil I: Trainieren auf Reisen, eine Frage des Selbstrespekts?
(Zuletzt aktualisiert am: 3. August 2018 )

Von Vincent Braukämper | Benötigte Lesezeit: 6 Minuten


Kann man auf Reisen in Topform bleiben und sogar seine Leistungen steigern? Bestimmt, wenn man gerade erst anfängt zu trainieren. Ein austrainierter Athlet kann hingegen – je nach Dauer und Aufwand der Reise – bestenfalls Schadensbegrenzung betreiben, was seine Form und seine Bestleistungen angeht. Aber wo sich eine Tür schließt, öffnet sich immer eine neue, oder?

Work-Out & Travel – Teil I: Trainieren auf Reisen, eine Frage des Selbstrespekts?

Suboptimale Trainingssituationen bieten Gelegenheit, sich mit Dysbalancen und Schwachstellen auseinander zu setzen, neue Bewegungen auszuprobieren bzw. zu erlernen und so langfristig etwas für Bewegungskompetenz und nachhaltige Trainingserfolge zu tun.

No Excuses

Ja, der Spruch ist ausgelutscht und wurde schon von zu vielen Bros missbraucht als dass man ihn noch ernst nehmen könnte. Aber nach meinem halben Jahr in Neuseeland weiß ich wirklich, was er bedeutet. Im Folgenden werde ich beschreiben, wie ich in Neuseeland ohne externe Motivation und unter verschiedensten ungewohnten und widrigen Bedingungen ein halbes Jahr lang immer wieder Wege gefunden habe, mich im Training zu fordern.

Dabei spielt das Mindset eine extrem wichtige Rolle.  Wer keinen Selbstrespekt hat, hat keine Disziplin und wird sich schnell Ausreden suchen, warum sein Leben viel zu hart ist, um regelmäßig zu trainieren. Egal ob in der Heimat oder sonstwo auf der Welt – das Wetter oder die Temperatur, die Arbeit, wichtigere Sachen führen schnell dazu, alle Vorsätze fallen zu lassen. Wenn einem die eigenen Vorsätze nichts wert sind, ist einem das eigene Wort nichts wert. Man kann sich auf sich selbst nicht verlassen.

Das ist keine Schande, nicht jeder kann so sein. Wenn du zu jener Kategorie Leute gehörst, die derartige Motivationsprobleme haben, such dir am besten einen professionellen Coach, mit dem du feste Termine hast, damit der externe Motivationsdruck ein wenig steigt. Ansonsten mach dir jedes Mal, wenn du ans Aufgeben denkst, bewusst, dass du es mit dir selbst abgemacht hast, stark zu bleiben – und steh zu deinem Wort!

Work-Out and Travel - Teil I: Trainieren auf Reisen, eine Frage des Selbstrespekts?

Was für ein  Work & Travel Typ bist du?

Ich habe in Neuseeland so viele Leute getroffen, die vorher Sport gemacht haben und für die es selbstverständlich war, dort einfach monatelang Nichts zu tun. Das war noch die Kategorie Menschen, die sich bewusst sind, dass sie sich gerade gehen lassen, aber sich diese Auszeit gönnen und das auch wissen.

Dann gibt es die Leute, die sich vormachen, dass – wenn sie alle paar Tage ein paar Hikes machen (also wandern gehen) – das genug an Sport ist. Ich meine hiermit nicht die Typen, die jeden Wanderweg machen und überall hochklettern – die erbringen oft massive sportliche Leistungen.

Und letztendlich gibt es die letzte Kategorie: Jene, die sich vornehmen – und vornehmen heißt, sich selbst versprechen und das Wort geben – regelmäßig Sport zu machen, um am Anfang ein bisschen und am Ende gar nichts mehr zu machen. Ich bin mit vielen Menschen dieser letzten Kategorie in Berührung gekommen. Teilweise habe ich ihnen angeboten, mit mir zu trainieren und mein Equipment mit zu benutzen – sie hätten sich nicht einmal selbst motivieren oder inspirieren müssen – und trotzdem haben sie trotz ihrer Vorsätze lieber herumgesessen und ihr Wort gebrochen.

Natürlich ist es hart, zu trainieren, wenn du vorher 10 Stunden in der Sonne körperlich gearbeitet hast. Oder fünf Stunden im Auto gesessen hast. Aber ist das eine Ausrede? Ja? Dann bist du ein Lappen! So, das war der motivatorische Teil, jetzt geht’s in den praktischen Erfahrungsbericht.

Der Luxus: Reisen mit der Langhantel in den ersten Monaten

Wenn du Work (Out) and Travel in Neuseeland machst, dann gibt es nicht viele Möglichkeiten, wie du reisen kannst. Entweder du trampst (Hitchhiking), du fährst mit Backpackerbussen oder du holst dir dein eigenes Auto oder einen Van. Für mich war klar: Ich will weiter Gewichtheben.

Also brauchte icht ein Auto, wo eine Langhantel reinpasst. Und eine Langhantel. Und Gewichte. Und eine Plattform. „UNMÖGLICH“, sagten mir sehr viele theoretisch, wie praktisch wenig erfahrene Backpacker. Unmöglich ist übrigens generell ein sehr beliebtes Wort bei bestimmten Leuten – vor allem denen der letzten Kategorie.

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Naja, um sicher zu gehen, dass die Hantel auch wirklich in den ausgebauten Campervan passte, haben mein Travelmate und ich keinen Campervan gekauft, sondern ein normales Auto. Das Bett und den Stauraum haben wir dann selbst so gebaut, dass die Hantel Platz hatte. Easy. Kann jeder oder jede, der/die nen Akkuschrauber und ein Maßband bedienen kann. Die Langhantel habe ich mir in einer Crossfitbox gebraucht besorgt, die Vollgummiplatten ebenfalls. Als Plattform habe ich ein entsprechend großes Holzbrett angeschafft – Verschnitt der Baumaterialien vom Bett.

Also… Reisen mit der Langhantel unmöglich? Jaja… Aber – die Spritkosten?! Der Toyota Estima hat ein Leergewicht von knapp 2.000 kg. Hinzu kommt Equipment, Wasser, Bett, 2 Personen… und ja – ein 100 kg Langhantel Set fürs Nötigste. Wer kann Prozentrechnung?

Keine Angst, ich rechne das für dich:  100 kg / ca 2.300 kg = 4,3 % mehr Gewicht. Wir haben knapp 10 Liter pro 100 km verbraucht (trotz Bergen usw). Also 5 Liter pro 100 km pro Person. Aber selbst wenn es sonst nur 4,9 Liter gewesen wären, hätte das am Ende kaum etwas ausgemacht.

Fazit bis hierhin: Langhanteltransport beim Reisen? Möglich! Spritkosten? Ausreden!

Wir haben Work (Out) and Travel gemacht und kamen in den Genuss all der unangenehmen Jobs, für die sich fast jeder Neuseeländer (& Deutscher) zu schade gewesen wären und sind. Das hieß also: Körperliche Arbeit, draußen, teilweise ziemlich anstrengend – aber ohne Trainingseffekt!

Nach der Arbeit kommst du zurück und bist ziemlich erschöpft. Ja, die Lust dann noch zu trainieren, ist nicht besonders groß. Selbst bei mir nicht. Aber das Mindeste, was man nach einem harten Tag machen kann, ist sich mobilisieren und ein paar Grundübungen mit leichten Gewichten durchexerzieren. Das ist keine Frage des KÖNNENS, sondern des WOLLENS. Ich hatte es mir vorgenommen, also habe ich es gemacht und da gar nicht weiter groß drüber nachgedacht. So einfach ist das.

Wenn du auf der Arbeit bist und dein Chef dir sagt, dass du eine Aufgabe zu erledigen hast, dann diskutierst du dann mit ihm herum, ob du seiner Aufforderung auch wirklich nachkommst? Wenn du dir etwas vorgenommen hast und anfängst zu hadern, ist das nichts anderes.

Work-Out & Travel - Teil I: Trainieren auf Reisen, eine Frage des Selbstrespekts?

„Du bist nicht dein eigener Chef, wenn du deinen Vorsätzen nicht nachkommst. Dann bist du die Bitch von deinem inneren Schweinehund.“

Also habe ich trainiert. Mindestens fünf Tage die Woche.

Technik Reißen, Umsetzen, Frontkniebeugen, Überkopfdrücken – das, was ich mir vorgenommen hatte. Ich hatte auch Turnringe dabei, aber es gab dort, wo wir mehrere Monate arbeiteten, keine Möglichkeit um sie aufzuhängen. Deswegen aus dem Klimmzugtraining fallen? Keine Option! Eine Stelle für Turnringe finden, ist relativ schwierig, aber ein Handtuch kann man viel leichter aufhängen. Also besorgte ich mir eine langes Handtuch und steigerte mich progressiv im Handtuchklimmzug. Griffkraft!

Natürlich wurde ich in dieser Zeit in der Beuge und im Gewichtheben schwächer. Ich hatte ja nur 100 kg und kein Rack, dazu nie stabilen oder geraden Untergrund, war immer vorermüdet von der Arbeit oder Wanderungen, hatte nicht genug Geld für optimale Nährstoffzufuhr usw.

Dafür arbeitete ich an meiner Reißtechnik, beschäftigte mich weiter mit der Biomechanik der Kniebeuge – mein absolutes Lieblingsthema – und begann ein Konzept für die Lehre der Biomechanik von Zug- und Druckbewegungen auszuarbeiten. Schulterblattbewegung usw. – mehr dazu bald in meinen Workshops.

Work-Out & Travel - Teil I: Trainieren auf Reisen, eine Frage des Selbstrespekts?

Mein Travelmate war relativ schnell nicht mehr regelmäßig beim Training dabei. Warum gehe ich darauf ein? Weil es für viele Leute eine Entschuldigung ist, schwach zu werden, wenn andere das tun. Ist es nicht. Wenn du Selbstrespekt hast, hältst du dein Wort – egal, ob es jemand weiß, oder nicht. Und egal, was Andere tun.

Nach 3 Monaten gemeinsamer Reise beschlossen wir, getrennter Wege zu gehen. Das bedeutete: Der Langhantel-kompatible Van musste verkauft werden, weil keiner von uns den jeweils anderen auszahlen konnte. Und damit nahte auch der Abschied von meiner geliebten Langhantel und dem olympischen Gewichtheben unter freiem Himmel…  jetzt begann die Herausforderung erst wirklich. Mehr dazu gibt es im nächsten Artikel.

Wie steht es bei dir? Hast du schon mal Work & Travel probiert und dabei versucht regelmäßig zu trainieren und etwas für deine Fitness zu tun? Oder bist auch du unterwegs schwach geworden?

HIER geht es zum 2. Teil


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Über Vincent Braukämper

Vincent Braukämper schreibt seit 2013 für Aesir Sports. In seiner Arbeit als Coach profiliert er sich durch ganzheitliche, nachhaltige und gesundheitsorientierte Konzepte. Die wissenschaftliche Fundiertheit seiner Arbeit ist für ihn selbstverständlich. Neben Prävention und Leistungssteigerung durch individualisierte und spezifische Trainingssysteme verfügt er über umfangreiches Wissen in den Bereichen Biomechanik und Ernährung.
Seine Seite Intelletics.com (Intelligent Athletics Systems) widmet er entsprechend den Grundsätzen Gesundheit – Athletik – Bewegungsqualität. Körperbewusstsein sowie ein grundlegendes Verständnis für Abläufe im Körper werden über diese Plattform nicht nur Sportlern, sondern auch Trainern, Ärzten und anderen Wissbegierigen vermittelt.

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